Olga saß am Fenster und hielt eine Tasse abgekühlten Tee in den Händen.
Draußen regnete es schon seit einer Woche, das Glas war von kleinen Tropfen bedeckt, und in jedem spiegelte sich ein Stück des grauen Himmels.

Sie wartete.
Auf Sergej.
Das Klingeln an der Tür klang besonders bestimmt, und Olgas Herz zuckte.
Sie warf einen Blick auf ihre Hausschuhe — alt, mit bestickten Gänseblümchen — und ging, um zu öffnen.
Vor der Tür stand Sergej mit zwei großen Taschen.
Nasses Haar klebte an seinen Schläfen, aber er lächelte, als wäre der Regen ein Geschenk.
— Komm schnell herein, — sagte Olga und spürte, wie ihre Stimme zitterte.
Er stellte die Taschen in der Diele ab, sah sich um, und für einen Moment schien es ihr, als sei er nicht einfach zu Besuch gekommen, sondern schon der Herr des Hauses.
Sonnenflecken, die durch die Wolken brachen, fielen auf ihre Aquarelle im Wohnzimmer.
Sergej ging zu dem Bild mit dem Waldsee und verweilte einen Moment mit dem Blick.
— Unglaubliche Schönheit.
Wie schaffst du es, das Licht so einzufangen?
Olga, die nicht wusste, was sie antworten sollte, lächelte einfach.
Es schien ihr immer, dass er ihre Bilder tiefer sah als jeder andere.
Sechs Monate später standen sie im Standesamt.
Die Zeremonie war still, fast familiär.
Olga erinnerte sich an den Duft der weißen Rosen in den Händen, das leichte Schwindelgefühl, die Worte des Standesbeamten.
Und den Blick von Nina Petrowna — Sergejs Mutter.
Kalt, schneidend, wertend.
Auf dem Gesicht — kein Anzeichen eines Lächelns.
— Früher waren die Bräute bescheidener, — bemerkte sie laut beim Bankett, während sie die Nachbarin am Tisch ansah.
— Sie haben sich nicht so auffällig gekleidet.
Olga schluckte, um nicht zu zeigen, wie diese Worte sie trafen.
Das Kleid war das schlichteste, ohne Prunk.
Aber Sergej, der neben ihr saß, schien es nicht zu stören: Er sprach begeistert mit seinen Freunden, ohne die Spitzen seiner Mutter zu bemerken.
Die ersten Monate des Zusammenlebens waren fast wolkenlos.
Morgendlicher Kaffee, Gespräche über Bilder, Umstellen der Möbel, Renovierungspläne.
Alles zerbrach allmählich, leise, unmerklich.
Der erste Besuch von Nina Petrowna begann mit Kuchen und einem Strauß Chrysanthemen.
Und endete nach vier Stunden Kritik.
— Veilchen? Staubfänger.
Bilder? Niedliches Kindergedudel.
Borschtsch? Muss am Knochen sein.
Böden? Hände, Lappen, kein Wischmopp.
Olga schwieg, lächelte aus Höflichkeit, und weinte abends im Bad.
Sergej zuckte mit den Schultern und sagte, dass „Mama eben so ist, sie meckert an allen herum“.
Dann wurden die Besuche wöchentlich.
Dann Übernachtungen.
Und eines Tages kam Nina Petrowna mit Koffern.
— Ich ziehe zu euch.
Meine Wohnung habe ich an Studenten vermietet, — sagte sie und ging direkt ins Schlafzimmer.
— Hier werde ich schlafen.
Von diesem Tag an wachte Olga nicht mehr in ihrem eigenen Bett auf.
Das Schlafzimmer wurde zum „Zimmer der Schwiegermutter“, und sie und Sergej hausten auf dem Sofa.
Mit den Veilchen war Schluss — „Allergie“, mit den Bildern — „verschandeln die Aussicht“.
Olga fühlte sich als Gast in ihrer eigenen Wohnung, manchmal wie eine Dienstmagd.
Innerlich sammelte sich alles an.
Und eines Tages, als Nina Petrowna vorschlug, ein Schloss an der Tür ihres ehemaligen Schlafzimmers anzubringen, sagte Sergej:
— Mama hat recht.
Ein Schloss ist nötig.
Olga erkannte, dass sie an ihre Grenze gekommen war.
Nach dem Gespräch über das Schloss lief Olga wie in Trance.
Bei der Arbeit beantwortete sie mechanisch die Fragen der Kollegen, zu Hause stellte sie mechanisch den Wasserkocher auf, wusch Geschirr, räumte Dinge weg.
Sergej schien alles zu gefallen: Er kam von der Arbeit, setzte sich mit seiner Mutter an den Küchentisch, und sie besprachen gemeinsam Abendessen, Wetter, Nachbarn.
Abends ging Nina Petrowna in ihrem langen Bademantel an Olga vorbei, als wäre sie nicht da.
— Vergiss nicht, Sergejs Hemd zu bügeln, — rief sie, ohne hinzusehen.
— Er kann das selbst… — begann Olga, aber Sergej unterbrach sofort:
— Mama hat recht, morgen ist ein wichtiges Treffen.
So baute Nina Petrowna Schritt für Schritt ihre Ordnung in der Wohnung auf.
In der Küche erschienen ihre Töpfe, in den Schränken ihre Vorratsgläser, im Badezimmerregal ihre Cremes und Shampoos.
Olga verstand nicht, wann genau ihr „Mein“ verschwunden war.
Der erste offene Ausbruch geschah am Samstagmorgen.
Olga wollte ins Geschäft für Leinwände gehen — sie wollte das begonnene Landschaftsbild fertigstellen.
— Wohin gehst du? — fragte Nina Petrowna, die in der Küchentür stand.
— Ins Kunstgeschäft.
— Zuerst den Boden wischen.
— Ich wollte… — begann Olga, aber die Schwiegermutter unterbrach:
— Böden — mit den Händen, nicht mit dem Wischmopp.
Dann kannst du so lange spazieren, wie du willst.
Etwas Zorniges regte sich in Olga, aber sie zog schweigend ihre Jacke an und ging, die Tür knallend hinter sich.
Am Abend erzählte sie Sergej, dass ein Leben so nicht möglich sei.
— Du übertreibst, — sagte er müde.
— Mama hilft uns doch.
— Hilft? — Olga lachte, aber das Lachen war trocken, rissig.
— Sie vertreibt mich aus meinem Schlafzimmer, wirft meine Blumen weg, befiehlt in meiner Küche.
— Olga, du weißt doch, es ist schwer für sie allein, — sagte Sergej wie eine einstudierte Phrase.
— Gib ihr nach.
Am Sonntag kam Olga nach Hause und sah im Flur… einen Schrank.
Ihr alter Kommode aus dem Schlafzimmer war verschwunden, an ihrer Stelle stand ein neuer, lackierter, noch mit Spuren der frischen Lieferung.
— Und wo ist meine Kommode? — fragte sie.
— Mama und ich haben beschlossen, dass sie alt und klobig ist, — antwortete Sergej, ohne den Blick vom Handy zu heben.
— Wir? — Olga trat näher.
— Wir — das seid du und deine Mutter?
Am Abend versuchte sie, mit Nina Petrowna zu sprechen.
— Verstehen Sie, das ist meine Wohnung, — begann Olga leise.
— Ich möchte, dass hier…
— Dass es hier wie in einem Museum mit deinem Gekritzel an den Wänden aussieht? — unterbrach sie.
— Eine Frau soll sich um das Haus kümmern, nicht um Unsinn.
Olga stand da, die Finger am Tischrand verkrallt.
Eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte: „Jetzt ist nicht die Zeit“.
Aber das andere, neue, innere „Ich“ schrie bereits: „Jetzt ist die Zeit!“.
Am Montagmorgen wachte sie auf und sah, dass ihre Aquarelle, die sie unter dem Bett in einer Mappe aufbewahrte, an der Tür standen — ordentlich gestapelt, mit einer Schnur zusammengebunden.
— Damit sie nicht stören, — erklärte die Schwiegermutter und goss sich Kaffee ein.
— Ich werde jetzt meinen Gobelin im Schlafzimmer aufhängen, ein Geschenk der Nachbarin.
Olga spürte, dass sie eine unsichtbare Grenze überschritt.
Sie nahm die Bilder, brachte sie schweigend in den Abstellraum zurück, kam wieder, setzte sich Nina Petrowna gegenüber.
— Sagen Sie ehrlich, wollen Sie, dass ich gehe?
Die Schwiegermutter tat überrascht:
— Ach, Olga…
— Aber im Haus muss Ordnung herrschen.
— Und du musst sie akzeptieren.
Sergej hörte sich die Geschichte abends an, zuckte mit den Schultern und sagte:
— Na gut, lass uns keinen Elefanten aus einer Mücke machen.
Olga dachte zum ersten Mal an eine Scheidung.
Nicht als große Bedrohung, sondern als Möglichkeit.
Olga blieb immer öfter länger bei der Arbeit, nur um nicht in die Wohnung zurückzukehren, in der jeder Schritt kommentiert und bewertet wurde.
Abends saßen immer zwei in der Küche — Sergej und Nina Petrowna.
Sie tranken Tee, flüsterten miteinander.
Manchmal lachten sie.
Wenn Olga hereinkam, endete das Gespräch sofort.
— Du bist spät, — sagte Sergej vorwurfsvoll, als hätte sie gegen Regeln verstoßen.
— Viel Arbeit, — antwortete Olga und zog den Mantel aus.
— Eine Frau muss nach Hause eilen, — mischte sich die Schwiegermutter ein und rührte langsam den Zucker in ihrer Tasse um.
Am Montagmorgen entdeckte Olga, dass anstelle ihrer Lieblingstassen auf dem Küchenregal fremde Tassen mit goldenem Rand standen.
— Wo sind meine Tassen? — fragte sie.
— Ich habe sie in den Abstellraum gestellt, — antwortete Nina Petrowna.
— Sie sind alt und mit Rand.
— Aus solchen zu trinken ist eine Schande.
Sergej schwieg, hob nicht einmal den Kopf von der Zeitung.
Am Abend versuchte Olga, mit ihrem Mann zu sprechen.
— Ich kann nicht mehr so leben, Sergej.
— Ich möchte unser Schlafzimmer zurück.
— Ich möchte, dass meine Bilder an den Wänden hängen.
— Olga, hör auf, — winkte er ab.
— Mama ist alt, sie braucht Komfort.
— Und ich?
— Was ist mit mir? — ihre Stimme brach.
— Du bist jung, du wirst dich anpassen.
Dieses „anpassen“ fiel wie ein schwerer Stein auf sie.
Zwei Tage später geschah alles.
Olga kam früher nach Hause und erwischte die Schwiegermutter, wie sie ihre Schubladen im Abstellraum durchwühlte.
— Was machen Sie da? — fragte Olga kalt.
— Ich sortiere den Kram.
— Hier wird jetzt mein Schrank für Bettwäsche stehen.
— Das sind meine Sachen.
— Deine?
— In unserer Wohnung darf nichts von dir sein.
Dieser Satz war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Olga ging ins Schlafzimmer der Schwiegermutter, öffnete den Schrank und begann methodisch, Kleider, Röcke, Blusen herauszuziehen.
Sie packte sie in einen Koffer — ohne zu schreien, aber mit innerer eisiger Ruhe.
— Was tust du?! — rannte Sergej herein.
— Ich werfe euch raus, — antwortete Olga kurz, während sie den Reißverschluss schloss.
— Dich auch.
— Olga, was… — er versuchte, ihre Hand zu greifen.
— Fass mich nicht an, — ihre Stimme war hart wie Stein.
— Meine Wohnung.
— Mein Leben.
— Ihr beide seid hier überflüssig.
Die Worte schnitten die Luft.
Selbst Nina Petrowna, normalerweise unaufhörlich, stand jetzt da, hielt ein Taschentuch an die Brust gedrückt.
Sergej lief durch den Raum, murmelte etwas von „Familie“ und „so darf man nicht mit der Mutter umgehen“.
Aber Olga war schon in einer anderen Dimension — dort, wo man sich nicht mehr rechtfertigen muss.
Sie öffnete ihnen selbst die Tür.
Die Koffer standen im Flur, schneller als sie sich sammeln konnten.
— Die Tür ist dort, — sagte Olga leise, aber bestimmt.
Sie gingen.
Ohne Abschied.
Einen Monat später hingen ihre Bilder wieder in der Wohnung, auf dem Fensterbrett standen neue Veilchen.
Der Leuchtturm auf dem frischen Landschaftsbild leuchtete im Abendlicht.
Auf dem Tisch lag eine Einladung zur Ausstellung.
Sergej schrieb, rief an, versuchte sich zu erklären, versprach, „das Problem mit Mama zu lösen“.
Aber Olga wusste: Ein Mann, der auf die Seite eines Fremden tritt, wenn er an ihrer Stelle hätte stehen sollen, bleibt für immer so.
Sie schloss das Telefon und kehrte zu ihrer Staffelei zurück.



