Die Schwiegermutter trieb die Schwiegertochter aus der Familie, aber nach Jahren war die Verwandtschaft des Mannes erstaunt, als sie die ehemalige Ehefrau ihres Sohnes sah.

Nadja stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild.

Die Augen waren rot, die Lippen zitterten.

Wieder Tränen.

— Nad, was machst du da? — rief Oleg aus der Küche. — Mama wartet!

Sie wischte sich die Augen am Ärmel ihres Bademantels ab.

Gestern hatte Anna Petrowna wieder wegen des Borschtsch einen Skandal veranstaltet.

Die Suppe sei zu salzig, die saure Sahne sauer, sie könne überhaupt nicht kochen.

Und Oleg schwieg.

Wie immer.

— Ich komme schon!

Nadja betrat die Küche.

Die Schwiegermutter saß am Tisch, ihr Gesicht war steinern.

— Guten Morgen, Anna Petrowna.

— Was soll daran gut sein? — brummte sie. — Der Kaffee ist kalt. Das Brot hart. Oleg, mein Sohn, wie kannst du das nur ertragen?

Oleg hob nicht die Augen vom Telefon:

— Mama, sei doch nicht so.

— Nicht so? Deine Frau hat das Haus verwahrlosen lassen! Sieh nur, überall Staub, die Fenster schmutzig. In meiner Zeit führten Frauen den Haushalt anders.

Nadja setzte sich an den Tisch.

Ihr Herz klopfte.

Gestern hatte sie bis Mitternacht geputzt, die Fenster am vergangenen Wochenende geputzt.

— Ich habe doch alles geputzt…

— Geputzt! — schnaubte Anna Petrowna.

— Du hast nur mit dem Lappen gewedelt und das war’s. Früher, als Oleg mit mir zusammenlebte, glänzte alles! Nicht wahr, mein Sohn?

Oleg zuckte mit den Schultern:

— Mama, fang jetzt nicht schon wieder an.

— Ich fange nicht an! Ich sage nur die Wahrheit. Schau mal, das Geschirr hast du wahrscheinlich gestern nicht richtig gespült. Und der Kühlschrank? Alles abgelaufen, nehme ich an.

Nadja stand auf und ging zum Waschbecken.

Die Hände zitterten.

Sie nahm den Schwamm.

— Anna Petrowna, das Geschirr ist sauber. Überprüfen Sie selbst.

— Ich werde überprüfen! — Die Schwiegermutter stand auf und kam näher. Sie nahm einen Teller und hielt ihn vor die Augen.

— Siehst du? Ein Fleck! Und hier auch!

Nadja sah nach.

Keine Flecken.

Aber es war nutzlos, zu streiten.

Sie fand immer etwas, woran sie sich festhalten konnte.

— Ich spüle noch einmal.

— Noch einmal! — empörte sich Anna Petrowna. — Es hätte gleich ordentlich gemacht werden sollen! Oleg, siehst du dieses Chaos?

Oleg hob den Kopf:

— Mama, beruhige dich. Nad, spül noch einmal und fertig.

— Ich spüle doch immer ordentlich…

— Streite nicht, — unterbrach ihn ihr Mann. — Mama hat recht. Vorsicht ist besser.

Nadja schwieg.

Ein Kloß im Hals.

Wieder war sie schuld.

Immer schuld.

Anna Petrowna kehrte an den Tisch zurück:

— Sieh nur, wie sie sich benimmt. Sie geht in den Laden — ganz geschminkt. Die Nachbarn fragen, wohin sie so herausgeputzt geht. Ich schäme mich!

— Mama, hör schon auf, — sagte Oleg erschöpft.

— Hör auf? Eine Frau muss das Haus führen, nicht auf der Straße herumlaufen! Gestern war sie bis neun nicht da! Wo war sie?

Nadja drehte sich um:

— Ich habe gearbeitet. Dienst bis acht.

— Gearbeitet! Wahrscheinlich mit diesen Ärzten… Oleg, denk mal, was die Leute sagen!

— Anna Petrowna, ich bin Rettungssanitäterin. Ich arbeite im Rettungsdienst. Ich rette Menschen.

— Menschen! — schnaubte die Schwiegermutter.

— Und deinen eigenen Mann kannst du nicht retten! Schau, wie dünn Oleg geworden ist! Du fütterst ihn nicht richtig!

Nadja senkte den Blick.

Jeden Tag dasselbe.

Jeden einzelnen Tag.

Keine Kraft mehr.

Nadja verließ die Wohnung.

Die Tür knallte.

Die Beine trugen sie automatisch zur Bushaltestelle.

Das Telefon vibrierte.

Oleg.

— Hallo.

— Nad, wohin bist du gegangen? Mama ist traurig.

— Oleg, ich muss nachdenken.

— Worüber nachdenken? Komm nach Hause. Wir reden normal.

— Normal? — Die Stimme brach. — Oleg, deine Mutter demütigt mich jeden Tag! Und du schweigst!

— Sie ist schon älter. So ist ihr Charakter. Halt ein bisschen aus.

— Wie lange noch aushalten? Sechs Jahre habe ich es ausgehalten! Ich kann nicht mehr!

— Nad, übertreib nicht. Alles ist in Ordnung.

Sie legte auf.

Setzte sich auf die Bank an der Haltestelle.

Die Leute gingen vorbei.

Normales Leben.

Und sie?

Ein Gefängnis.

Zuhause wartete Anna Petrowna schon mit neuen Vorwürfen:

— Sieh mal! Entlaufen! Wie die Letzte! Oleg, hast du das gesehen?

— Mama, lass sie in Ruhe.

— Lass sie in Ruhe? Sie muss von uns in Ruhe gelassen werden! Sie zerstört unsere Familie!

Nadja ging ins Schlafzimmer.

Legte sich auf das Bett.

Die Decke grau, Flecken von Wasserschäden.

Früher wollten sie mit Oleg renovieren.

Doch dann wurde Anna Petrowna krank und zog zu ihnen.

Und das war’s.

Das Leben war vorbei.

Oleg kam eine Stunde später:

— Nad, warum bist du traurig? Mama meint es doch nicht böse.

— Nicht böse? Oleg, sie hasst mich! Vom ersten Tag an!

— Unsinn redest du.

— Welchen Unsinn? Erinnerst du dich an die Hochzeit? Sie hat vor allen gesagt — du passt nicht zu meinem Sohn.

— Das war schon lange her.

— Lange! Und gestern? Vorgestern? Jeden Tag dasselbe!

Oleg setzte sich an den Bettrand:

— Nad, sie ist schon alt. Krank. Wo soll sie sonst leben?

— Ich habe nichts dagegen, dass sie hier lebt! Aber warum muss sie mich quälen?

— Sie quält dich nicht. Gewöhn dich dran.

— Gewöhnen? — Nadja setzte sich auf. — Oleg, hörst du mir überhaupt zu? Ich bin müde! Keine Kraft mehr!

— Was willst du? Die Mutter rauswerfen?

— Ich will, dass du mich schützt! Einmal wenigstens!

Oleg schwieg:

— Sie ist meine Mutter.

— Und ich? Eine Fremde?

— Du bist seine Frau. Du musst verstehen.

Nadja stand auf.

Ging zum Schrank.

Holte ihre Tasche.

— Was machst du?

— Ich gehe.

— Wohin gehst du?

— Ich weiß nicht. Aber ich gehe hier weg.

Oleg sprang auf:

— Nad, was machst du? Bist du völlig verrückt geworden?

— Verrückt? Vielleicht. Aber hier bleibe ich nicht mehr.

Sie packte ihre Sachen in die Tasche.

Die Hände zitterten, aber die Entscheidung war gefallen.

— Nad, stopp! Lass uns menschlich reden!

— Reden? Sechs Jahre reden! Nichts hat sich geändert!

Anna Petrowna erschien in der Tür:

— Was ist das für ein Lärm? Oleg, was ist passiert?

— Mutter, geh weg.

— Wie weggehen? Was macht sie?

— Ich packe meine Sachen, — sagte Nadja. — Dann seid ihr frei.

— Das ist richtig! — freute sich die Schwiegermutter. — Endlich! Oleg, lass sie gehen!

Oleg sah seine Mutter an.

Dann seine Frau:

— Nad, mach keine Dummheiten.

— Dummheiten? — Nadja knallte die Tasche zu. — Es war dumm, so lange hier zu wohnen.

— Mama, geh aus dem Zimmer, — sagte Oleg.

— Warum soll ich gehen? Das ist mein Haus!

— Mama!

Anna Petrowna ging widerwillig hinaus.

— Nad, ruhig bleiben. Wohin gehst du? Du hast kein Geld.

— Ich finde eine Wohnung. Ich arbeite ja.

— Im Rettungsdienst zahlt man kaum etwas.

— Ich komme klar.

Nadja nahm ihre Tasche.

Oleg versperrte den Weg:

— Nad, bleib. Ich rede mit meiner Mutter.

— Habe ich schon. Hat nichts gebracht.

— Ich versuche es noch einmal.

— Oleg, es ist schon zu spät.

Sie ging am Mann vorbei.

Trat in den Flur.

Anna Petrowna stand an der Tür:

— Das ist richtig! Man sollte fremde Söhne nicht von ihren Müttern wegnehmen!

Nadja antwortete nicht.

Öffnete die Haustür.

— Nad! — rief Oleg.

Sie drehte sich um.

Der Mann stand im Flur.

Das Gesicht verwirrt.

— Was?

— Rufst du an?

— Ich weiß nicht.

Die Tür knallte zu.

Die Wohnung am Stadtrand.

Einzimmerwohnung für zwölftausend.

Die Tapeten abgerissen, die Möbel alt.

Aber sie gehört ihr.

Niemand schreit, niemand meckert.

Nadja saß auf dem durchgesessenen Sofa und schaute aus dem Fenster.

Dritte Woche allein.

Das Telefon schweigt.

Oleg hatte in den ersten Tagen angerufen und sie gebeten zurückzukommen.

Dann hörte er auf.

Das Geld ging schnell aus.

Das Gehalt im Rettungsdienst war lächerlich.

Essen, Nebenkosten, Miete.

Sie zählte jeden Cent.

Im Laden stand sie vor der Milchtheke.

Sie wollte Quark, aber es war zu teuer.

Sie nahm den billigeren Kefir.

— Nadja? Bist du das?

Sie drehte sich um.

Lena aus dem Krankenhaus.

Sie hatten vor fünf Jahren zusammengearbeitet.

— Lena! Hallo!

— Nad, wie geht’s dir? Ich habe gehört, du bist geschieden?

— Ja. Ich lebe jetzt allein.

— Wie läuft’s? Siehst nicht gut aus…

Nadja sah sich an.

Alte Jeans, abgetragener Pullover.

Die Haare unordentlich zusammengebunden.

Nein, keine Schönheit.

— Alles in Ordnung.

— Nad, lüg nicht. Man sieht es. Wo arbeitest du?

— Im Rettungsdienst. Ich mache Nachtschichten.

— Sicher hart, oder?

— Ich gewöhne mich daran.

Lena schwieg:

— Hör zu, willst du zu unserer Gruppe kommen? Wir gehen ins Fitnessstudio. Und manchmal auf Wanderungen. Wir zahlen zusammen, fahren am Wochenende weg.

— Lena, ich habe kein Geld fürs Fitnessstudio.

— Ach komm! Die Mitgliedschaft kostet fast nichts. Und auf Wanderungen sowieso billig. Dafür nette Leute.

Nadja schüttelte den Kopf:

— Nein, ich bin ein Stubenhocker.

— Willst du bis ins hohe Alter zu Hause sitzen? Nad, du bist 58, nicht 80! Man muss leben!

Zuhause dachte Nadja über das Gespräch nach.

Fitness… Lange keinen Sport mehr gemacht.

Im Eheleben war keine Zeit.

Anna Petrowna verlangte ständig irgendetwas.

Eine Woche später ging sie schließlich ins Fitnessstudio.

Überall Spiegel.

Sie sah sich an — schrecklich.

Die Figur ist schlaff, die Haltung schlecht.

Neben ihr flattern junge Mädchen herum, und sie fühlt sich wie ein Sack.

Die Trainerin kam heran:

— Zum ersten Mal?

— Ja. Ich habe lange nicht mehr trainiert.

— Kein Problem. Wir fangen mit etwas Einfachem an. Wie heißen Sie?

— Nadeschda.

— Ich bin Sweta. Komm, ich zeige dir die Übungen.

Nach einem Monat wurde es leichter.

Die Muskeln taten weh, aber die Stimmung war besser.

Lena hatte sie zu einem Wochenendausflug überredet.

Zuerst wollte sie nicht mit — zu peinlich.

Alle waren jung, und sie fühlte sich alt.

— Nade, hör auf, dich zu verkrampfen! Wir fahren!

Bus, Wald, Lagerfeuer.

Die Leute waren fröhlich, unkompliziert.

Sie fragten nicht nach dem Privatleben.

Sie sangen zur Gitarre, lachten.

Nadeschda saß abseits und hörte zu.

— Tante Nade, warum bist du traurig? — setzte sich ein etwa dreißigjähriger Mann zu ihr. — Ich heiße Sergej.

— Ach, nur ein bisschen müde.

— Wovon müde? Wir machen doch Urlaub!

— Ich habe mich von Menschen entwöhnt.

— Man muss sich daran gewöhnen! Das Leben ist interessant, wenn man sich nicht versteckt.

Nach und nach gewöhnte sie sich daran.

Jedes Wochenende fuhren sie irgendwohin.

Mal nach Kolomna, mal nach Tula, mal einfach in den Wald.

Sie machten Fotos, aßen Schaschlik, plauderten bis spät in die Nacht.

Zu Hause wurde es leichter.

Die Wohnung war noch immer klein und bescheiden, aber sie drückte nicht mehr.

Es entstanden Pläne.

Für den nächsten Ausflug, für das nächste Training.

Im Spiegel veränderte sich ihr Spiegelbild.

Sie hatte sich gestrafft, stand aufrechter.

Sie hatte die Haare geschnitten und gefärbt.

Neue Jeans gekauft, eine bunte Bluse.

Lena war zufrieden:

— Nade, du bist wunderschön geworden! Kaum wiederzuerkennen!

— Quatsch, was du sagst.

— Was für Quatsch? Alle Männer im Ausflug haben dich angesehen!

— Lena, mir ist schon über fünfzig.

— Und? Das Leben fängt doch gerade erst an!

Auch bei der Arbeit fiel es auf.

Die Kollegen staunten:

— Nadeschda, bist du etwa verliebt? Du strahlst richtig!

— Nein. Ich habe einfach gute Laune.

Und die Laune war tatsächlich gut.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren.

Niemand nörgelte oder kritisierte.

Man lebte, wie man wollte.

Oleg rief manchmal an:

— Nade, wie geht’s?

— Gut.

— Wollen wir uns treffen? Reden?

— Worüber reden, Oleg?

— Nun… Vielleicht ist es noch nicht zu spät, alles zu ändern?

— Zu spät.

— Meine Mutter ist älter geworden. Sie ist oft krank.

— Das tut mir leid. Aber das sind nicht meine Probleme.

— Nade, wir waren doch so viele Jahre zusammen…

— Wir waren zusammen. Jetzt nicht mehr.

Sie legte ruhig auf.

Ohne Wut, ohne Groll.

Stellte einfach nur fest, wie es ist.

Zwei Jahre später bekam sie eine Einladung.

Die Hochzeit von Olegs Nichte.

Zuerst wollte sie die Einladung wegwerfen.

Warum sollte sie diese Leute sehen?

Aber dann dachte sie nach.

Warum eigentlich nicht?

Sie würden die neue Nade sehen.

Wahrscheinlich überrascht sein.

Das Restaurant auf der Twerskaja-Straße.

Nadeschda betrat den Saal und sah sich um.

Festlich gedeckte Tische, frische Blumen, Musik.

Die Hochzeit von Mascha, Olegs Nichte.

— Fräulein, zu uns? — kam die Kellnerin auf sie zu.

— Zur Hochzeit der Korenews, bitte.

— Kommen Sie bitte herein.

Nadeschda ging zwischen den Tischen hindurch.

Ein neues Kleid, blau, figurbetont.

High Heels.

Die Haare gestylt, Make-up dezent.

Sie fühlte sich selbstbewusst.

— Nade? — hörte sie eine Stimme hinter sich.

Sie drehte sich um.

Tante Wera, Olegs Schwester.

— Wera, hallo!

— Nade! Ich habe dich nicht erkannt! Du siehst zehn Jahre jünger aus!

— Danke. Und selbst?

— Ach, nichts. Und du! Wunderbar! Wo sitzt du?

Sie fanden einen Platz an einem Tisch.

Die Leute versammelten sich, bekannte Gesichter.

Alle begrüßten sich, staunten, stellten Fragen.

— Nadeschda, wie lebst du? — fragte Larissa, Maschas Mutter.

— Ich lebe hervorragend. Ich arbeite, reise.

— Du reist? Wohin bist du gefahren?

— Kürzlich nach Karelien. Nächsten Sommer möchte ich zum Baikalsee.

— Alleine?

— Mit Freunden. Wir sind eine gute Gruppe.

— Gut gemacht! — bewunderte Larissa. — Wir sitzen alle zu Hause.

In der Ecke des Saals sah sie Oleg.

Er saß mit einer jungen Frau.

Wahrscheinlich seine neue Frau.

Er war älter geworden, ein wenig rundlicher.

Seine Glatze war größer geworden.

Neben ihnen Anna Petrowna.

Gekrümmt, ganz grau.

Sie schaute missbilligend umher.

— Nade, Oleg hat dich gesehen, — flüsterte Wera. — Die Augen groß aufgerissen.

— Lass ihn schauen.

Die Musik begann, das Brautpaar kam herein.

Alle standen auf und applaudierten.

Nadeschda klatschte ebenfalls und lächelte.

Eine schöne, fröhliche Hochzeit.

Nach dem ersten Toast kam Anna Petrowna zu ihrem Tisch:

— Nadeschda? Was machst du hier?

— Guten Tag, Anna Petrowna. Ich bin gekommen, um Mascha zu gratulieren.

— Verstehe. — Die Schwiegermutter musterte sie von Kopf bis Fuß. — Schön herausgeputzt. Du jagst wohl nach Männern, oder?

— Anna Petrowna, ich bin nur Gast auf der Hochzeit.

— Gast! Geschieden und jetzt unterwegs. Und Oleg leidet darunter.

— Anna Petrowna, — stand Wera auf. — Genug jetzt. Es ist schließlich ein Fest.

— Welch ein Fest! Sie hat die Familie zerstört! Meinen Sohn verlassen!

— Mama, geh weg, — tauchte Oleg auf. — Hallo, Nade.

— Hallo, Oleg.

Er sah verwirrt aus.

Die neue Frau stand neben ihm, das Gesicht verbissen.

— Du… siehst gut aus.

— Danke.

— Vielleicht können wir später reden? Unter vier Augen?

— Worüber reden, Oleg?

— Nun… Allgemein. Wie geht’s, wie läuft das Leben.

— Das Leben ist großartig. Entschuldige, ich muss jetzt zurück zum Tisch.

Oleg blieb kurz stehen, ging dann.

Anna Petrowna schnaufte:

— Sie gibt an! Wahrscheinlich keinen Cent in der Tasche!

— Mama, komm, — die neue Frau nahm die Schwiegermutter am Arm.

— Ruiniere dir nicht die Stimmung.

— Ich ruiniere nichts! Ich sage die Wahrheit!

Sie wurden weggeführt.

Nadeschda setzte sich, trank etwas Sekt.

— Nade, du bist großartig, — sagte Wera. — Du hältst dich würdevoll.

— Wie sonst? Auf einer Hochzeit einen Skandal machen?

— Viele würden das nicht aushalten. Anna Petrowna ist völlig unkontrollierbar geworden.

— Das sind nicht meine Probleme, Wera.

Der Abend verlief fröhlich.

Es wurde getanzt, gesungen, gelacht.

Männer luden Nadeschda zum Tanz ein, sie lehnte nicht ab.

Sie tanzte leicht, mit Vergnügen.

— Nadeschda Michailowna, — kam der Neffe des Bräutigams auf sie zu. — Darf ich um einen Tanz bitten?

— Natürlich, Dima.

Sie wirbelten unter langsamer Musik.

Die Leute sahen zustimmend zu.

— Sie tanzen so schön, — sagte Dima. — Und sehen umwerfend aus.

— Danke, Liebling.

— Ich dachte, Sie seien viel älter. Sie sind gleichaltrig mit meiner Mutter, sehen aber jünger aus.

Nadeschda lachte:

— Schmeichler.

— Ehrlich! Meine Mutter sitzt zu Hause und altert. Und Sie sind so energiegeladen!

Nach dem Tanz kam Larissa zu ihr:

— Nade, alle fragen nach dir. Mascha möchte dich näher kennenlernen.

— Ach, Lar. Ich bin doch nur eine ehemalige Verwandte.

— Welche ehemalige! Wir haben dich geliebt. Anna Petrowna war nur eine wilde Erscheinung.

Gegen Ende des Abends kam Oleg wieder:

— Nade, gib mir deine Telefonnummer.

— Wozu, Oleg?

— Ich möchte anrufen. Normal reden.

— Worüber reden?

— Nade, ich habe verstanden… Meine Mutter hat wirklich übertrieben. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, alles zu ändern?

Nadeschda sah ihn aufmerksam an.

Müdes Gesicht, traurige Augen.

Die neue Frau stand etwas entfernt und beobachtete vorsichtig.

— Oleg, es ist zu spät. Du hast eine neue Familie, ich habe ein neues Leben.

— Aber wir…

— Waren wir glücklich? Ehrlich?

Oleg schwieg:

— Vielleicht klappt es jetzt.

— Es klappt nicht. Und es muss auch nicht.

Nadeschda nahm ihre Handtasche, verabschiedete sich von allen.

Sie verließ das Restaurant leicht, ohne zurückzublicken.

Draußen atmete sie frei.

Sie rief ein Taxi, stieg ein und lehnte sich zurück.

Der Abend war gelungen.

Sie zeigte allen ihr neues Ich.

Sie bewies: Das Leben geht weiter.

Morgen wieder Arbeit, Training, Freunde.

Pläne für das Wochenende, Reise im nächsten Monat.

Niemand wird nörgeln, kritisieren oder erniedrigen.

Zu Hause machte sie sich Tee, setzte sich ans Fenster.

Die Stadt leuchtete in Lichtern.

Irgendwo dort Oleg mit seiner Frau und Anna Petrowna.

Lassen sie leben, wie sie wollen.

Und sie war frei.

Mit achtundfünfzig begann sie ein neues Leben.

Und dieses Leben gehörte ihr.