– Ich habe also kein Mitspracherecht? Dann bekommt ihr auch kein Geld – KEINEN EINZIGEN KOPEKEN! – Die Schwiegermutter erstarrte, als ich mit der flachen Hand auf den Tisch schlug.

Anna saß auf der Sofakante, als wäre sie eine gespannte Saite.

Unter ihr der teure, selbst gekaufte Bezug, den Jelena Michailowna seit drei Monaten als „Marktgeschmacklosigkeit“ bezeichnete.

Wassili hingegen lümmelte sich bequem im Sessel, schlug die Beine übereinander und knackte Sonnenblumenkerne – obwohl er längst nicht mehr in dem Alter war, in dem man das ungestraft tun konnte: Vater von zwei Kindern, 38 Jahre alt, und knackt, als wäre er im neunten Schuljahr auf dem Hof.

– Na, Annuschka, – sagte Jelena Michailowna mit spöttischem Ton und stellte geräuschvoll einen Topf Borschtsch auf den Tisch, – wir haben uns mit Wassja beraten und beschlossen: Verkaufe doch dein Auto. Du arbeitest ja sowieso in der Nähe, aber Marina muss irgendwie zur Klinik kommen. Mit einem schwangeren Bauch in den Bus? Sicher nicht, oder?

„Beraten“, äffte Anna sie innerlich nach.

– Ich bin wohl der Hofhund: an der Leine – und los, wohin man mich schickt.

– Habt ihr mich gefragt? – sagte sie ruhig, aber mit eiskalter Stimme und sah der Schwiegermutter direkt in die Augen.

– Was gibt’s da zu fragen, – schnaubte diese und schöpfte sich Borschtsch ein, – in unserer Familie ist das so: Wenn es jemandem schlecht geht, helfen alle. Das ist normal. Ich habe meinem Sohn solche Prinzipien beigebracht. Und du denkst nur an dich, immer nur an dich…

Wassili, ohne den Blick vom Handy zu heben, murmelte:

– Anja, du weißt doch, Marina ist schwanger, es ist schwer für sie… Es ist ja nicht für immer. Sobald sie wieder auf den Beinen ist – bekommst du es zurück.

– Zurück? – Anna lächelte plötzlich spöttisch.

– Schreibt ihr mir das auf Papier? Oder ist es wie mit dem Kredit für die Küche? Der seit fünf Jahren bei deiner Mutter „nur zur Aufbewahrung“ liegt?

– Was bist du nur für ein Mensch? – fuhr Jelena Michailowna auf.

– Ich bin doch nicht dein Feind! Ich bin eine Mutter! Du könntest selbst Hilfe anbieten, statt hier zu sitzen mit diesem Gesicht einer beleidigten Prinzessin! Immer ist dir alles falsch, immer ungerecht!

Anna stand auf. Ohne zu schreien, ohne Hysterie. Sie war einfach müde, geduldig zu sein.

Zu lange hatte sie die Augen davor verschlossen, wie liebevoll diese Familie ihr die Flügel stutzte. Schweigend ging sie ins Schlafzimmer.

Und dann ging es los:

– Ist sie etwa beleidigt? – flüsterte die Schwiegermutter laut, als wäre Anna taub.

– Anja, meinst du das ernst? – klang es von Wassili.

– Sei doch nicht so hart. Mama, du hast es bestimmt falsch gesagt…

– Ich habe es gesagt wie eine Mutter! Und wenn sie das nicht versteht – dann gehört sie nicht zu uns. So jemand passt nicht in unsere Familie.

Anna kam nach ein paar Minuten wieder heraus.

In den Händen die Fahrzeugpapiere. Sie legte sie auf den Tisch.

– Also gut. Das Auto gehört mir, ist auf mich zugelassen. Die Wohnung übrigens habe ich von meiner Großmutter geerbt – keiner von euch hat etwas damit zu tun. Das ist mein ganzer Beitrag zu eurer „Familiengemeinschaft“.

– Du willst alles zerstören – wegen eines Stücks Blech?! – schrie Jelena Michailowna auf.

– Nein, wegen euch, – nickte Anna.

– Wegen deiner endlosen Kontrolle und deiner feigen Unterwürfigkeit, Wassja.

– Anja, jetzt warte doch mal, – fuhr sich Wassili durch die Haare.

– Wir wollten doch nur Marina helfen…

– Dann verkauf deine Garage mit der „Lada“ von 2003, – spottete Anna.

– Du kannst doch sicher mit dem Taxi fahren, ohne gleich auseinanderzufallen.

Die Schwiegermutter schlug mit dem Löffel gegen den Tellerrand.

– Also weißt du, Annetschka! Du bist keine Ehefrau, du bist Geschäftsfrau. Bei dir dreht sich alles um Eigentum, um Dokumente. Kein Herz, kein Gewissen.

– Und bei euch ist alles Liebe und Mitgefühl? – entgegnete Anna scharf.

– Komischerweise aber immer auf meine Kosten. Euer Mitgefühl ist wirklich erstaunlich.

Sie ging ins Bad, schloss die Tür hinter sich, um durchzuatmen. Ihr Inneres zitterte. Nicht vor Angst – vor Wut.

Ein paar Stunden später kam Wassili ins Schlafzimmer. Ohne Kerne. Ohne Handy. Ohne Stolz.

– Anja… lass uns reden.

– Zu spät, Wassja. Zu spät, „Borjomi“ zu trinken, wenn die Schwiegermutter schon die Nieren verkauft hat. Du hast nicht einmal gezuckt, als sie darüber sprach, was sie mit meinem Auto macht. Geht’s noch?

– Ich wollte keinen Streit…

– Du willst überhaupt nichts, außer dass alles ruhig und friedlich ist. Nur bedeutet dieses „friedlich“ immer, dass du schweigst und ich meine Rechte, mein Eigentum und meinen gesunden Menschenverstand abgebe.

Wassili seufzte schwer.

– Lass uns morgen alles besprechen. Wie erwachsene Menschen. Ruhig.

Anna sah ihn eindringlich an.

– Bist du sicher, dass du noch mein Mensch bist, Wassja? Oder längst wieder Mamas?

Er schwieg.

In der Wohnung war es still. Selbst der Borschtsch im Topf war schon kalt.

Am nächsten Morgen wachte Anna früher auf als sonst.

Die Sonne drängte sich durch das Fenster, frech, als wüsste sie, dass heute ein Wendepunkt kommen würde.

Wassili schnarchte auf der Küchencouch – als wäre nichts passiert.

Als hätte er nur über die Farbe der Vorhänge gestritten und nicht seine Frau verraten, sie seiner Mutter zur Miete überlassen.

Anna stand auf, goss sich Kaffee ein und achtete darauf, keine Tassen klappern zu lassen.

Nicht aus Respekt – aus Prinzip. Klappern war Emotion, und sie hatte beschlossen: Heute bin ich Stahl.

Genug. Schluss. Keinen einzigen Zentimeter meines Lebens bekommen sie mehr.

In die Küche stürmte Jelena Michailowna.

Nicht einfach kam sie herein – sie stürmte.

Im Bademantel, mit Haarnetz und einem Gesicht voller Vorwürfe.

– Na, Frau Wohnungsbesitzerin, – begann sie mit spöttischem Lächeln, – hast du dich auf deinem rechtmäßigen Quadratmeter ausgeschlafen?

Anna drehte sich schweigend zu ihr um.

Ihr Blick war so, dass Jelena Michailowna, wäre sie etwas klüger gewesen, sofort gegangen wäre.

Aber nein. Der Mut der Dummen ist der zerstörerischste.

– Ich habe nachgedacht, – fuhr die Schwiegermutter fort, setzte sich an den Tisch und griff bereits nach Annas Tasse.

– Vielleicht verstehst du einfach nicht, was Familie bedeutet. Zu meiner Zeit stand eine Ehefrau zu ihrem Mann wie ein Fels. Und du – du bist wie eine Notarin auf dem Friedhof. Zählst ständig, wem was vermacht ist.

– Wundervoller Vergleich, – sagte Anna ruhig und nahm ihre Tasse zurück.

– Nur bin ich nicht auf dem Friedhof, sondern in einer Ehe. Oder war es einmal.

– Oh, wie pathetisch, – schnaubte die Schwiegermutter.

– Wie in einer Fernsehserie. Übertreibst du nicht ein bisschen, Annuschka?

In diesem Moment kam Wassili in die Küche, kratzte sich am Kopf, in Trainingshosen, die Anna schon vor zwei Jahren hatte wegwerfen wollen.

– Mama, fängst du schon wieder an? – murmelte er.

– Und du schweigst schon wieder? – wandte sich Anna scharf zu ihm.

– Nein, Wassja, jetzt gleich. Wähle. Jetzt sofort.

– Man muss doch nicht gleich alles dramatisieren, – murmelte er, bemüht, vernünftig zu klingen.

– Alles lässt sich regeln. Wir sind doch Erwachsene.

– Dann benimm dich wie ein Erwachsener. Ich habe gefragt: Wer bist du? Ein Ehemann oder ein Anhängsel von Mamas Küche?

Jelena Michailowna erhob sich.

– Sohn, – ihre Stimme wurde eisig, – sag mir ehrlich: Ist sie dir wichtiger als deine Mutter? Ich habe dich aufgezogen. Gesäugt. Verheiratet… mit ihr. Und jetzt das, ja?

Wassili stand da wie ein Esel an der Weggabelung.

Als hätte man ihm die Wahl zwischen zwei Supermärkten gegeben, aber er hat nur einen Gutschein.

Anna trat dicht an ihn heran.

– Weißt du, was am meisten weh tut? Nicht, dass du mich nicht verteidigst. Sondern dass du sie verteidigst. Und immer schweigst, als wärst du Zuschauer, kein Teilnehmer. Als wäre diese Ehe eine Serie, nicht dein Leben.

– Ich wollte keinen Krieg… – murmelte er.

– Das ist kein Krieg. Das ist Flucht. Ich gehe. Oder besser gesagt – ihr geht.

– Wir?

Anna öffnete den Schrank im Flur. Holte seine Tasche heraus. Öffnete sie und warf seine Hemden hinein.

– Fünf Minuten. Oder ich fange selbst an, alles rauszuwerfen. Was ist dir näher – Mama oder die Wohnung? Lass die Schlüssel auf dem Tisch. Und den Borschtsch-Topf nimm ruhig mit. Er gehört deiner Mutter. Schmeckt man ja.

Wassili sah sie an mit dem Blick, mit dem Katzen auf einen geschlossenen Kühlschrank starren.

In der Hoffnung, dass jemand doch zurückkommt und ihn öffnet.

– Anja…

– Zu spät, Wassili. Ich glaube nicht mehr daran, dass du erwachsen wirst. Vierzig Jahre alt – und immer noch unter Mamas Rock. So einen Sohn brauche ich nicht. Geschweige denn einen Mann.

Jelena Michailowna schlug die Schlafzimmertür zu und kam mit einer Tasche zurück.

Ihrer eigenen, mit den „persönlichen Dingen“:

Blutdruck, Kontrolle, Ratschläge und der ewigen Phrase: „So haben wir das in unserem Haus nie gemacht.“

Fünfzehn Minuten später waren sie weg. Anna stand an der Tür wie nach einem Brand.

Es roch nach Borschtsch, aber sie hatte Lust zu rauchen.

Sie ging in die Küche, holte ihr Weinglas aus dem Schrank, schenkte sich ein.

Schaute aus dem Fenster. Draußen regnete es. Wie es sich für solche Szenen gehört.

Und plötzlich musste sie lachen. Erst nur mit einem Mundwinkel. Dann laut.

– Und wirklich, ich bin keine Notarin auf dem Friedhof. Ich bin die Herrin meines Lebens. Endlich.