Natalja wurde vierzig Jahre alt.
Am Vorabend hatte sie die Gästeliste noch einmal durchgelesen und gedanklich die Plätze am Tisch im Restaurant verteilt.

Die Reservierung war vor zwei Monaten gemacht worden — ein kleiner Saal für zwölf Personen, Freunde, Kollegen, ein paar entfernte Verwandte.
Natalja stellte sich vor, wie sie in einem schönen Kleid sitzen, die Toasts anhören und über die Witze ihrer Freundinnen lachen würde.
Ein Jubiläum ist ein ernstes Datum, man wollte es würdig feiern.
Artem benahm sich abends seltsam.
Er saß auf dem Sofa, starrte auf sein Handy und tippte ständig etwas.
Natalja fragte, ob bei der Arbeit etwas passiert sei, aber ihr Mann winkte ab:
— Alles in Ordnung.
Morgen ist doch frei, entspann dich.
Natalja wollte klären, ob Artem an das Restaurant dachte, entschied sich aber, es nicht zu erwähnen.
Ihr Mann wusste von der Feier, er hatte selbst gesagt, dass er sich freinehmen und mitkommen würde.
Sie schrieb sein seltsames Verhalten der Müdigkeit zu — Artem hatte eine anstrengende Woche im Lager, wo er als Manager arbeitete.
Sie ging mit angenehmer Vorfreude schlafen.
Morgen würde ein guter Tag werden.
Sie wachte durch die Kälte auf.
Eiskalte Spritzer trafen ihr Gesicht und ließen sie im Bett aufschrecken.
Natalja schloss die Augen, wischte sich die nassen Wangen mit den Händen ab und sah Artem.
Ihr Mann stand mit einer Plastikflasche in der Hand neben ihr, auf seinem Gesicht war Ärger zu erkennen.
— Aufstehen!
Mama und Lena sind schon unterwegs, hilf beim Tischdecken!
Natalja setzte sich, verstand immer noch nicht, was passiert.
Das Wasser lief ihren Hals hinunter, der Pyjama klebte am Körper.
Das Blut schoss ihr ins Gesicht, aber sie konnte sofort nichts sagen — ihr Gehirn weigerte sich, die Information zu verarbeiten.
— Artem, was… machst du da? — brachte sie schließlich hervor.
Ihr Mann ging bereits zur Tür und warf über die Schulter:
— Keine Zeit zum Schlafen!
Steh schneller auf, unsere Gäste werden gleich da sein.
Natalja blieb auf dem nassen Laken sitzen.
Ihr Herz schlug heftig, ihre Hände zitterten.
Sie wollte schreien, aber stattdessen stand sie langsam auf und ging ins Badezimmer.
Sie wusch sich mit kaltem Wasser und betrachtete ihr Spiegelbild.
Vierzig Jahre.
Geburtstag.
Und ihr Mann hatte sie wie ein unartiges Kind mit Wasser übergossen.
Zurück im Zimmer zog sie sich eine Haushose und einen Pullover an.
Ihre Haare waren nass, aber zum Trocknen blieb keine Zeit — Artem klapperte schon in der Küche mit dem Geschirr.
Natalja ging hinaus und sah ihren Mann, wie er hastig Teller auf dem Tisch verteilte.
— Artem, welche Gäste?
Ich habe heute ein Restaurant reserviert, hast du das vergessen?
Ihr Mann drehte sich um, stellte einen Stapel Teller auf die Arbeitsfläche und seufzte.
— Natalja, wozu dieses Restaurant?
Mama und Lena wollen dich zu Hause gratulieren, familiär.
Normale Leute feiern so, nicht in fremden Lokalen.
Natalja erstarrte, blinzelte.
— Was heißt hier familiär?
Wir hatten doch abgemacht!
Ich habe einen Tisch reserviert, Leute eingeladen!
— Du hast eingeladen.
Ich habe dich nicht gebeten, eine Show zu veranstalten.
Mama sagte, sie käme morgens, ich konnte nicht ablehnen.
Du hättest wieder ein Spektakel veranstaltet, wenn ich vorher gewarnt hätte.
— Spektakel? — Nataljas Stimme wurde leiser, aber härter.
— Artem, das ist mein Geburtstag.
Mein Jubiläum.
— Genau.
Deshalb will Mama gratulieren.
Sie ist übrigens deine Schwiegermutter.
Natalja öffnete den Mund, um zu antworten, aber Artem hastete schon durch die Küche — er schaltete den Wasserkocher ein, holte Wurst, Käse und Butter aus dem Kühlschrank.
Er bewegte sich schnell, nervös.
Natalja stand da und sah zu, wie etwas Schweres und Heißes in ihr wuchs.
— Ich werde das Restaurant nicht absagen, — sagte sie entschieden.
— Du musst nicht absagen.
Zuerst sitzen Mama und Lena, gratulieren, und danach gehst du in dein Restaurant.
Du wirst es rechtzeitig schaffen.
— Sie kommen morgens, Artem!
Ich muss mich fertig machen, schminken, die Frisur machen!
— Du schaffst das.
Zeit genug.
Jetzt hilf lieber, statt wie ein Pfosten dazustehen.
Natalja ballte die Fäuste.
Sie wollte sich umdrehen und zurück ins Zimmer gehen, aber sie verstand — wenn sie nicht hilft, wird Artem einen Skandal machen.
Ihr Mann konnte jeden ihrer Einwände in eine hysterische Szene verwandeln und sie anschließend der Egozentrik beschuldigen.
Sie nahm ein Messer und begann, Brot zu schneiden.
Artem legte Wurst auf den Teller, öffnete ein Glas Marmelade, stellte die Zuckerdose hin.
Er handelte mechanisch, ohne Natalja anzusehen.
Die Stille drückte, aber es gab nichts zu sagen.
Alles war bereits gesagt.
Nach zwanzig Minuten klingelte es an der Tür.
Artem rannte zur Tür, richtete dabei den Hemdkragen.
Natalja blieb am Tisch stehen, das Buttermesser in der Hand.
Ihr Herz schlug schwer, ihr Atem stockte.
Die Tür öffnete sich und Lenas laute Stimme stürmte ins Flur:
— Artem, hallo!
Wir sind gekommen, wie versprochen!
Hinter Lena trat die Schwiegermutter, Vera Nikolaevna, ein, mit einem Strauß gelber Chrysanthemen in einer Hand und einer schweren Tüte Lebensmittel in der anderen.
Die Schwägerin trug zwei Kartons, die mit Bändern verschnürt waren.
— Mama, lass mich helfen, — Artem nahm der Schwiegermutter Tüte und Strauß ab.
Vera Nikolaevna ging in die Wohnung, zog den Mantel aus und drehte sich erst dann zu Natalja um.
Sie musterte sie von Kopf bis Fuß, verweilte mit dem Blick auf den nassen Haaren und dem Hauspullover.
— Geburtstagskind, und nicht einmal geschminkt!
Hättest wenigstens ein ordentliches Kleid anziehen können.
Natalja knirschte mit den Zähnen.
— Guten Tag, Vera Nikolaevna.
Lena.
Lena folgte ihrer Mutter, stellte die Kartons auf den Tisch am Eingang und umarmte Natalja mit einer Hand, ohne das Handy aus der anderen Hand zu lassen.
— Alles Gute zum Geburtstag!
Vierzig — das ist ernst, oder?
Jetzt bist du kein Mädchen mehr.
Natalja nickte, fand keine Worte.
Sie wollte sagen, dass niemand eingeladen hatte, dass sie andere Pläne hatte, dass sie diese Leute heute nicht sehen wollte.
Aber sie schwieg.
Vera Nikolaevna ging in die Küche, musterte den Tisch kritisch.
— Na ja, nicht schlecht.
Obwohl, ich hätte noch einen Salat gemacht.
Natalja, hast du Mayonnaise?
Und gekochte Kartoffeln?
— Mama, fang nicht damit an, — Artem stellte die Tüte auf den Tisch.
— Wir haben es auch so ordentlich gedeckt.
— Ordentlich — das ist, wenn Gäste richtig empfangen werden.
Und hier… — die Schwiegermutter winkte ab.
— Na gut, ich mache es selbst.
Wo ist euer Kochtopf?
Natalja holte schweigend den Topf aus dem Schrank und reichte ihn Vera Nikolaevna.
Die Schwiegermutter begann, die Lebensmittel aus der Tüte zu holen — Wurst, Gurken, Eier, Karotten.
Lena setzte sich an den Tisch und scrollte weiter auf ihrem Handy.
— Artem, hast du das Geschenk nicht vergessen? — fragte die Schwägerin, ohne aufzuschauen.
— Nicht vergessen.
Später gebe ich es.
Natalja stand am Herd und sah zu, wie die Schwiegermutter in ihrer Küche herrschte.
Vera Nikolaevna schaltete den Herd ein, stellte einen Topf Wasser darauf und begann, die Kartoffeln zu schälen.
Sie bewegte sich sicher, als wäre sie die Hausherrin hier.
— Natalja, machst du den Tee oder soll ich selbst? — fragte sie, ohne sich umzudrehen.
— Ich mache ihn, — antwortete sie leise.
Sie nahm die Teekanne, gab Tee hinein und goss kochendes Wasser auf.
Ihre Hände zitterten, aber Natalja bemühte sich, die Fassung zu bewahren.
Jetzt war nicht die Zeit für einen Zusammenbruch.
Sie musste warten, bis die Gäste gingen, und sich dann fertig machen, um ins Restaurant zu fahren.
Sie würde es schaffen.
Ganz sicher.
Artem holte eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank und goss in Gläser.
Lena hob den Kopf vom Handy und lächelte:
— Artem, du bist so toll.
Du kümmerst dich immer um die Familie.
Ihr Mann nickte zufrieden.
Vera Nikolaevna beendete das Schälen der Kartoffeln und legte sie ins kochende Wasser.
Sie wandte sich Natalja zu:
— Na, Geburtstagskind, setz dich an den Tisch.
Jetzt mache ich den Salat, und dann feiern wir.
Natalja schaute auf die Uhr.
Zehn Uhr morgens.
Im Restaurant war die Reservierung für sieben Uhr abends.
Neun Stunden.
Es schien genug Zeit zu sein, aber innerlich wuchs schon ein ungutes Gefühl — dieser Tag würde nicht wie geplant verlaufen.
Sie setzte sich dem Tisch gegenüber von Lena.
Die Schwägerin hob ihr Saftglas:
— Auf das Geburtstagskind!
Auf vierzig Jahre!
Artem und Vera Nikolaevna hoben ebenfalls ihre Gläser.
Natalja nahm ihres, trank einen Schluck.
Der Saft war zu süß, klebrig.
Sie stellte das Glas zurück auf den Tisch.
— Danke, — sagte sie leise.
Vera Nikolajewna begann, Wurst und Gurken zu schneiden und auf den Tellern zu verteilen.
Lena nahm das Telefon und fing an, den Tisch, Artyom und die Schwiegermutter zu fotografieren. Dann wandte sie sich an Natalja:
— Schwägerin, lächle! Ich mache ein Foto für deinen Geburtstag.
Natalja versuchte ein Lächeln aufzusetzen, aber es wirkte gezwungen.
Lena klickte mehrmals, sah auf den Bildschirm und verzog das Gesicht:
— Nicht sehr gelungen. Vielleicht noch einmal?
— Nein, — schüttelte Natalja den Kopf.
Lena zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder ihrem Telefon zu.
Vera Nikolajewna stellte einen Teller mit Aufschnitt auf den Tisch und setzte sich neben Artyom.
— Also, wir frühstücken jetzt mal richtig. Natalja, du hast doch nichts dagegen, dass wir zum Gratulieren gekommen sind?
Natalja sah die Schwiegermutter an.
Vera Nikolajewna lächelte, aber in ihren Augen war etwas anderes zu erkennen — Erwartung, Herausforderung.
Es wirkte, als wollte sie prüfen, ob Natalja es wagt, zu widersprechen.
— Natürlich nicht, — antwortete sie mit ruhiger Stimme.
Artyom nickte zufrieden. Er nahm ein Stück Brot, bestrich es mit Butter und legte Wurst darauf.
Er kaute genüsslich, während er seine Mutter und seine Schwester beobachtete.
Vera Nikolajewna begann ebenfalls zu essen und machte ab und zu Bemerkungen:
— Das Brot könnte frischer sein. Und die Wurst ist irgendwie billig. Artyom, du verdienst doch gut, warum spart deine Frau bei den Lebensmitteln?
Der Mann zuckte mit den Schultern:
— Mama, das kauft Natalja. Ich mische mich da nicht ein.
Vera Nikolajewna sah Natalja tadelnd an:
— Natalja, man sollte nicht beim Essen sparen. Ein Mann muss gut essen, um effizient zu arbeiten.
Natalja legte ihre Ellenbogen auf den Tisch und verschränkte die Finger.
— Vera Nikolajewna, Artyom isst, was er möchte. Wenn ihm etwas nicht gefällt, sagt er es.
— Reden, reden, — seufzte die Schwiegermutter.
— Nur hörst du nicht immer zu.
Lena kicherte, während sie weiter auf ihr Telefon schaute.
Artyom kaute schweigend und mischte sich nicht ins Gespräch ein.
Natalja ballte die Fäuste unter dem Tisch.
Sie wollte aufstehen und gehen, aber ihre Füße schienen am Boden festgewachsen zu sein.
Vera Nikolajewna trank ihren Tee aus, stand auf und ging wieder zum Herd.
Sie überprüfte die Kartoffeln — sie waren noch nicht fertig.
Dann kehrte sie zum Tisch zurück, holte aus der Tasche eine kleine Schachtel, eingewickelt in glänzendes Papier.
— Natalja, das ist für dich. Von mir und Lena.
Natalja nahm die Schachtel und öffnete sie.
Darin lagen billige Ohrringe mit künstlichen Steinen. Sie hob den Blick zu ihrer Schwiegermutter.
— Danke.
— Trag sie mit Freude. Lena und ich haben sie extra ausgesucht. Oder, Lena?
Die Schwägerin nickte, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
— Ja. Extra.
Natalja legte die Ohrringe zurück in die Schachtel. Artyom holte einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn seiner Frau:
— Das ist von mir.
Natalja öffnete den Umschlag.
Darin war eine Karte mit einem gedruckten Glückwunsch und tausend Rubel. Sie sah ihren Mann an.
— Danke, Artyom.
Der Mann nickte und lächelte:
— Kauf dir etwas Schönes.
Vera Nikolajewna stand auf, um die Kartoffeln zu prüfen.
Sie nahm sie aus dem Topf, goss das Wasser ab und begann, sie in Würfel zu schneiden. Lena löste sich endlich vom Telefon:
— Schwägerin, wird es einen Kuchen geben? Oder hast du keine Zeit gehabt, zu backen?
Natalja schüttelte den Kopf:
— Kein Kuchen. Heute Abend gehe ich ins Restaurant, dort wird alles vorbereitet sein.
Lena öffnete die Augen weit:
— Restaurant? Ernsthaft? Und uns hast du nicht eingeladen?
— Dort sind meine Freunde und Kollegen. Ein enger Kreis.
Die Schwägerin presste die Lippen zusammen und sah Artyom beleidigt an:
— Brüderchen, deine Frau hat uns nicht einmal zu deinem Jubiläum eingeladen. Schön.
Artyom runzelte die Stirn und warf Natalja einen missbilligenden Blick zu:
— Natalja, warum machst du das? Mama und Lena sind Familie.
— Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht einlade. Es ist nur ein anderes Format, — Natalja bemühte sich, ruhig zu bleiben, aber ihre Stimme begann zu zittern.
Vera Nikolajewna kehrte mit einem fertigen Salat zum Tisch zurück und stellte den Teller in die Mitte.
— Natalja, ein Restaurant ist natürlich schön. Aber die Familie ist wichtiger. Lena und ich sind extra früh am Morgen gekommen, um zu gratulieren. Und du schätzt uns nicht einmal.
Natalja schluckte.
Sie wollte schreien, dass niemand sie gebeten hatte zu kommen, dass es ihr Geburtstag sei und sie das Recht habe zu entscheiden, wie sie ihn verbringt. Aber sie schwieg.
Artyom nahm die Gabel und probierte den Salat:
— Mama, wie immer lecker. Natalja, iss, sitz nicht nur da.
Natalja nahm die Gabel und legte sich etwas Salat auf. Sie probierte.
Mayonnaise, Kartoffeln, Wurst — alles klebte zu einem süßlichen Klumpen zusammen. Sie kaute und schluckte schwer.
Die Uhr zeigte halb elf. Noch achteinhalb Stunden bis zum Restaurant. Es schien, als würde die Zeit endlos ziehen.
Lena stand vom Tisch auf und ging durch die Wohnung, als würde sie das Gelände inspizieren.
Sie ging ins Wohnzimmer, dann zurück in die Küche.
— Schwägerin, wo sind bei dir die sauberen Handtücher? Mama will sich nach dem Kochen die Hände waschen.
Natalja stand schweigend auf, ging ins Bad und holte ein Handtuch.
Sie reichte es Lena. Die Schwägerin nahm es, ohne sich zu bedanken, und brachte es zu Vera Nikolajewna.
Die Schwiegermutter wischte sich die Hände, hing das Handtuch über die Stuhllehne und setzte sich wieder an den Tisch.
Artyom goss allen Tee nach. Vera Nikolajewna nahm die Tasse, trank einen Schluck und sah Natalja an:
— Natalja, ich wollte fragen. Wann wirst du endlich Kinder bekommen? Du bist schon vierzig. Die Uhr tickt.
Natalja erstarrte.
Diese Frage wurde regelmäßig gestellt, aber heute, an ihrem Geburtstag, nach dem eisigen Erwachen und dem aufgezwungenen Frühstück, tat sie besonders weh.
— Vera Nikolajewna, das ist unsere Sache, Artyom und ich.
— Natürlich, natürlich. Aber ich will Enkelkinder. Lena will noch nicht heiraten, also liegt die ganze Hoffnung auf dir.
Lena schnaubte:
— Mama, ich werde nicht für die Erwartungen anderer Kinder bekommen.
— Siehst du, — die Schwiegermutter hob die Hände.
— Auch du, Natalja, denk mal an die Familie.
Artyom kaute ein Sandwich, ohne sich einzumischen. Natalja sah ihren Mann an, erwartete Unterstützung, aber Artyom wandte den Blick ab.
— Ich muss mich fertig machen, — sagte Natalja und stand vom Tisch auf.
— Entschuldigt.
Sie ging zur Tür, aber Vera Nikolajewna rief:
— Natalja, wohin? Wir haben doch gerade erst angefangen zu feiern!
— Ich habe heute Abend Gäste. Ich muss mich vorbereiten.
— Welche Gäste sind wichtiger als die Familie? — Die Stimme der Schwiegermutter wurde schärfer.
Natalja drehte sich um. Sie stand an der Küchentür und sah die drei am Tisch sitzen.
Vera Nikolajewna sah tadelnd, Lena neugierig, Artyom schuldbewusst zu Boden.
— Vera Nikolajewna, ich habe euch heute nicht eingeladen. Ich hatte einen anderen Tag geplant.
— Nicht eingeladen? — die Schwiegermutter runzelte die Stirn.
— Artyom sagte, du würdest dich freuen.
Natalja wandte den Blick zu ihrem Mann.
— Artyom, meinst du das ernst?
Der Mann zuckte mit den Schultern:
— Mama wollte gratulieren. Was ist daran so schlimm?
— Du wusstest vom Restaurant. Du wusstest, dass ich mit Freunden feiern wollte.
— Dann feiere später. Aber jetzt ist Mama mit Lena hier, verbringe Zeit mit ihnen.
Natalja ging langsam zurück zum Tisch. Sie stand auf, richtete den Rücken und legte die Hände auf die Stuhllehne.
— Heute feiere ich mein Jubiläum im Restaurant. Ohne euch.
Stille. Vera Nikolajewna legte die Tasse weg, Lena hob den Kopf vom Telefon, Artyom blieb mit einem Stück Brot in der Hand stehen.
— Wie ohne uns? — fragte die Schwiegermutter nach.
— Wir sind extra für dich gekommen! Speziell!
— Ich habe nicht gebeten, — wiederholte Natalja ruhig.
— Natalja, was machst du da? — Artyom stand vom Tisch auf.
— Mama hat sich Mühe gegeben, den Salat gemacht, ein Geschenk gebracht!
— Ich habe nicht gebeten, — sagte Natalja zum dritten Mal, und ihre Stimme wurde fester.
Lena schnaubte:
— Was für ein Charakter. Schwiegertochter, verstehst du wenigstens, wie unhöflich du dich benimmst?
— Kommt nur, wenn ihr eingeladen seid.
Die Schwiegermutter wurde blass:
— Natalja, was soll das für ein Theater sein?
— Kein Theater. Das ist mein Haus. Und in meinem Haus erscheinen Gäste nur auf Einladung, nicht nach eigenem Wunsch.
— Natalja, hör auf. Du bringst mich in eine peinliche Lage vor meiner Mutter.
— Man hat mich mit eiskaltem Wasser geweckt, — sagte Natalja, während sie ihren Mann direkt ansah, — damit ich den Tisch für diejenigen decke, die weder mich noch mein Zuhause respektieren.
Artem öffnete den Mund, sagte aber nichts.
Wera Nikolaevna stand auf und griff nach ihrer Tasche.
— Ich bleibe hier nicht, wo man mich beleidigt! Lena, mach dich fertig!
Die Schwägerin stand hastig auf, steckte ihr Handy in die Tasche und nahm den Mantel.
Wera Nikolaevna ging bereits in den Flur und zog ihren Mantel mit solcher Wut an, als wollte sie ihn zerreißen.
— Artem, gehst du mit uns oder bleibst du bei dieser… — die Schwiegermutter stockte, ohne den Satz zu beenden.
Der Mann stand in der Mitte der Küche und schaute verwirrt mal zu seiner Mutter, mal zu Natalja.
— Mama, beruhige dich. Natalja, du beruhige dich auch. Lass uns ohne Skandal auskommen.
— Ohne Skandal? — Natalja lächelte spöttisch.
— Artem, du hast mich an meinem Geburtstag mit Wasser übergossen. Welchen Skandal brauchst du denn noch?
Wera Nikolaevna blieb an der Tür stehen und wandte sich an ihren Sohn.
— Artem, was sagt sie da?
Der Mann errötete und wandte den Blick ab.
— Mama, na ja, ich… sie war noch nicht wach, und ihr wart schon unterwegs.
— Und du hast beschlossen, mich mit Wasser zu wecken, — beendete Natalja.
— Wie ein ungezogenes Kind.
Lena pfiff leise:
— Bruder, du übertreibst.
Wera Nikolaevna zog den Mantel vollständig an und nahm die Tasche.
— Komm, Lena. Hier schätzt man uns nicht.
Die Schwägerin nickte und folgte ihrer Mutter.
Artem rannte hinter ihnen her.
— Mama, warte!
Natalja blieb in der Küche stehen.
Sie hörte, wie die Eingangstür zuschlug, wie Artem etwas im Treppenhaus rief, dann kehrte er wieder in die Wohnung zurück.
Er schloss die Tür, ging in die Küche.
Sein Gesicht war rot, der Atem ging schwer.
— Bist du zufrieden? Mama ist weinend weggefahren!
— Artem, — setzte sich Natalja auf einen Stuhl, — ich habe nur eins gebeten — meinen Geburtstag so zu feiern, wie ich es will.
— Du hättest ein paar Stunden durchhalten können! Mit Mama reden, Tee trinken! Aber nein, du hast ein Theater gemacht!
— Ich habe ein Theater gemacht? — Natalja hob den Kopf und sah ihren Mann an.
— Du hast mich mit Wasser geweckt. Du hast deine Verwandten eingeladen, ohne mich zu fragen. Du hast meinen Geburtstag ruiniert. Und ich habe ein Theater gemacht?
Artem ballte die Fäuste.
— Du bist egoistisch. Denkst immer nur an dich selbst.
— Heute ist mein Tag. Ich habe das Recht, an mich selbst zu denken.
— Tag! Tag! Alles nur dein Tag! Und an die Familie denkst du überhaupt nicht?
— Welche Familie, Artem? Die, in der man mich mit Wasser übergießt? In der man mich nicht fragt, was ich will? In der die Schwiegermutter in meiner Küche herrscht und mir sagt, wie ich leben soll?
Der Mann drehte sich weg und ging zum Fenster.
Er stand schweigend da, dann drehte er sich um.
— Weißt du was? Fahr in dein Restaurant. Alleine. Wenn du so willst.
— Ich fahre.
— Und erwarte nicht, dass ich mitkomme.
— Ich erwarte es nicht.
Artem griff die Jacke von der Garderobe und zog die Schuhe an.
— Ich fahre zu meiner Mutter. Um mich für deine Unhöflichkeit zu entschuldigen.
— Fahr.
Der Mann riss die Tür auf und ging hinaus, die Tür schlug so zu, dass die Scheiben zitterten.
Natalja blieb allein zurück.
Sie setzte sich an den Tisch und starrte auf den halbvollen Salat, den abgekühlten Tee und die verstreuten Servietten.
Sie schaute auf die Uhr.
Elf Uhr.
Acht Stunden bis zum Restaurant.
Sie stand auf und begann, den Tisch aufzuräumen.
Die Reste des Essens schüttete sie in den Mülleimer, wusch das Geschirr und wischte die Arbeitsfläche ab.
Die Bewegungen waren langsam und methodisch.
Der Kopf war leer, aber die Hände arbeiteten von selbst.
Als die Küche sauber war, ging sie ins Badezimmer.
Sie drehte die Dusche auf, zog sich aus und stellte sich unter den heißen Strahl.
Das Wasser spülte die Reste der morgendlichen Kälte, die Anspannung, die Müdigkeit ab.
Natalja schloss die Augen und ließ das Wasser über ihr Gesicht laufen.
Vierzig Jahre.
Die Hälfte des Lebens vorbei.
Und wie gelebt?
Zum Wohl des Mannes, der Schwiegermutter, der Schwägerin.
Immer angepasst, geschwiegen, ertragen.
Und heute hat sie es nicht ertragen.
Sie ging aus der Dusche, trocknete sich ab und ging ins Schlafzimmer.
Sie öffnete den Schrank, nahm das Kleid — dunkelblau, tailliert, das sie vor einem Monat speziell für ihren Geburtstag gekauft hatte.
Sie zog es an und betrachtete sich im Spiegel.
Das Kleid saß perfekt.
Sie machte ihre Frisur und schminkte sich.
Langsam und sorgfältig arbeitend.
Sie wollte gut aussehen.
Nicht für andere, sondern für sich selbst.
Als sie fertig war, war es erst drei Uhr nachmittags.
Bis zum Restaurant waren noch vier Stunden.
Natalja setzte sich auf das Sofa und nahm ihr Handy.
Einige Nachrichten von Freundinnen — Glückwünsche, Fragen zum Abend.
Sie antwortete kurz: Alles nach Plan, wir treffen uns um sieben.
Artem hatte nicht angerufen.
Natalja war nicht überrascht.
Sie schaltete den Fernseher ein, sah aber nicht hin.
Sie dachte darüber nach, was als Nächstes passieren würde.
Der Mann war beleidigt, die Schwiegermutter verletzt.
Es würden Anrufe, Vorwürfe, Anschuldigungen folgen.
Artem würde versuchen, sie zum Entschuldigen zu zwingen.
Wera Nikolaevna würde allen Bekannten erzählen, was für eine undankbare Schwiegertochter sie sei.
Aber Natalja spürte — heute hatte sich etwas verändert.
In ihrem Inneren war die Last, die jahrelang gedrückt hatte, nicht mehr da.
Es ließ nach.
Um sechs Uhr abends zog sie sich an, nahm ihre Handtasche und verließ die Wohnung.
Draußen war es kühl, der Herbstwind spielte mit ihren Haaren.
Natalja rief ein Taxi und setzte sich auf den Rücksitz.
— Wohin fahren wir? — fragte der Fahrer.
Natalja nannte die Adresse des Restaurants.
Das Auto setzte sich in Bewegung.
Draußen huschten Häuser, Laternen und vereinzelt Passanten vorbei.
Die Stadt bereitete sich auf den Abend vor.
Sie kam gegen halb sieben an.
Das Restaurant war klein, gemütlich, mit warmem Licht in den Fenstern.
Natalja trat ein, der Administrator begrüßte sie mit einem Lächeln:
— Guten Abend! Sie haben bei uns reserviert?
— Ja. Auf den Namen Natalja.
— Bitte, kommen Sie.
Ihr Saal ist bereits vorbereitet.
Sie folgte dem Administrator in den kleinen Saal.
Der Tisch war gedeckt, Kerzen brannten, Blumen standen in Vasen.
Alles so, wie sie es wollte.
Natalja setzte sich und sah sich um.
Ruhig, friedlich.
Niemand belehrte, kritisierte oder verlangte etwas.
Zuerst kamen die Freundinnen — Sweta und Irina.
Beide mit Blumensträußen, in festlichen Kleidern, mit breiten Lächeln.
— Alles Gute zum Geburtstag! — Sweta umarmte Natalja und reichte ihr die Blumen.
— Natalja, du siehst heute umwerfend aus! — Irina küsste sie auf die Wange.
Natalja nahm die Sträuße und lächelte.
Zum ersten Mal an diesem Tag war ihr Lächeln echt.
Die anderen Gäste trafen ein — Kollegen, alte Bekannte.
Der Saal füllte sich mit Stimmen, Lachen, Wärme.
Die Kellner brachten die Speisekarten und begannen zu bedienen.
Natalja saß am Kopf des Tisches, hörte auf die Toasts, Witze, Geschichten.
Sweta erzählte von ihrer neuen Arbeit, Irina von einer Reise ans Meer.
Kollege Viktor gratulierte und versprach, eine Torte zur Arbeit mitzubringen.
Niemand fragte, wo der Mann war.
Niemand machte Vorwürfe.
Alle waren hier, weil sie wollten.
Aus Liebe, nicht aus Pflicht.
Das Abendessen dauerte drei Stunden.
Es wurde eine Torte mit Kerzen gebracht.
Natalja wünschte sich etwas und blies die Kerzen aus.
Die Freundinnen klatschten, riefen Glückwünsche.
Sie schnitten die Torte, gossen Sekt ein und hielten Toasts.
Als der Abend sich dem Ende zuneigte, beugte sich Sweta zu Natalja:
— Natalja, alles in Ordnung? Du bist heute irgendwie… anders.
Natalja sah ihre Freundin an und dachte nach.
— Weißt du, Sweta, heute habe ich eines verstanden.
Meine Feier begann genau in dem Moment, als ich aufhörte, mich anzupassen.
Sweta nickte, ohne etwas zu fragen.
Sie umarmte Natalja an den Schultern.
— Dann alles Gute zum Geburtstag. Wirklich.
Natalja lächelte.
Sie sah auf den Tisch voller lachender Gesichter, auf die Kerzen, auf die Blumen.
Auf die Menschen, die nicht kamen, weil es sein musste, sondern weil sie diesen Tag mit ihr teilen wollten.
Vierzig Jahre.
Die Hälfte des Lebens ist vorbei.
Und vor ihr liegt die andere Hälfte.
Die Hälfte, in der man nicht von eiskaltem Wasser geweckt werden muss, nicht für ungebetene Gäste den Tisch decken muss und nicht schweigen muss, wenn man schreien möchte.



