— Ihr Jubiläum fällt aus, Lyudmila Ivanovna. Statt Kuchen gibt es eine Tasche mit den Sachen Ihres Sohnes, und beide sollen meine Wohnung verlassen.

Kristina öffnete die Augen und verstand sofort, dass heute der schlimmste Tag der letzten sechs Monate werden würde.

Nicht, weil es draußen in Strömen regnete, nicht, weil die Milch im Kühlschrank wieder alle war, sondern weil Lyudmila Ivanovna heute beschlossen hatte, an ihre Existenz zu erinnern.

Der Anruf kam pünktlich um sieben Uhr morgens – eine Zeit, in der selbst die Nachbarn unten noch nicht einmal ihre höllische Bohrersymphonie eingeschaltet hatten.

— Hallo, Kristinchen, — die Stimme der Schwiegermutter klang, als hätte sie schon seit drei Stunden Kaffee getrunken, eine Kontrastdusche genommen und wäre nun bereit, die Welt zu erobern.

— Hast du nicht vergessen, dass ich in einer Woche Jubiläum habe?

Kristina schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn. Sie hatte es nicht vergessen.

Sie hoffte nur, dass Lyudmila Ivanovna es vergessen hatte.

Oder zumindest so tun würde, als hätte sie es vergessen.

Aber nein, natürlich nicht.

— Nein, ich habe es nicht vergessen, — log Kristina und versuchte, ihrer Stimme etwas Fröhlichkeit zu verleihen. Ihr Kopf dröhnte, als hätte sie gestern Wein getrunken, obwohl sie schon einen Monat nicht getrunken hatte.

Die Folgen der Chemotherapie machten sich noch bemerkbar – die Ärzte sagten, es sei nur vorübergehend, aber das „vorübergehend“ hatte sich über drei Monate gezogen, und jeder Tag begann mit dem Gefühl, als würde jemand ihren Schädel vorsichtig, aber hartnäckig in einem Schraubstock zusammendrücken.

— Hervorragend! — rief Lyudmila Ivanovna freudig aus.

— Dann besprechen wir heute alles. Komm gegen drei Uhr zu mir, ich mache eine Liste.

— Welche Liste? — Kristina richtete sich auf den Ellbogen auf und bereute es sofort – ihr Zimmer drehte sich wie auf einem Karussell.

— Nun, die Lebensmittel natürlich! Für zwanzig Personen, nicht weniger. Und vergiss den Alkohol nicht, Maximka sagte, dass seine Freunde ohne Wodka nicht kommen werden.

Kristina knirschte mit den Zähnen. Maximka.

Es ekelte sie immer, wenn die Schwiegermutter ihren Mann so verniedlichend nannte, als wäre er kein dreißigjähriger Mann, sondern ein fünfjähriges Kind, das vergessen hatte, eine Mütze aufzusetzen.

— Lyudmila Ivanovna, wir hatten doch vereinbart, dass die Feier im Café stattfinden würde, — versuchte sie zu widersprechen.

— Ich werde doch nicht…

— Welches Café? — unterbrach die Schwiegermutter, und in ihrer Stimme tauchten die gleichen Nuancen auf, die Kristina am meisten hasste – eine Mischung aus Verachtung und falschem Mitgefühl.

— Du hast doch selbst gesagt, dass kein Geld da ist. Zuhause wird es billiger. Und gemütlicher! Du bist doch gutherzig, du verstehst doch, wie wichtig mir das ist.

Du bist gutherzig. Diese drei Worte kündigten immer irgendeinen Gemeinheit an.

„Du bist gutherzig, hilf beim Putzen“, „du bist gutherzig, pass auf den Hund auf“, „du bist gutherzig, leihe Geld“.

Kristinas Gutmütigkeit war längst ihre größte Schwäche geworden.

— Ich kann nicht, — sagte sie bestimmt.

— Ich habe mich noch nicht erholt.

Am anderen Ende der Leitung herrschte eine Pause.

Kristina stellte sich vor, wie Lyudmila Ivanovna gerade die Stirn runzelte, als würde man sie bitten, eine Aufgabe aus der höheren Mathematik zu lösen.

— Kannst du nicht oder willst du nicht? — finally fragte sie.

— Maximka sagte, dass du schon wie eine Gurke bist.

Kristina schnaubte. Wie eine Gurke. Sie war gestern kaum bis zur Toilette gekommen, und heute sollte sie eine Armee verköstigen?

— Ich bin keine Gurke, — sagte sie.

— Meine Testergebnisse sind schlecht, der Arzt hat gesagt, ich soll mich ausruhen.

— Na, dann lieg, lieg, — winkte die Schwiegermutter ab, obwohl Kristina es natürlich nicht sah.

— Aber das Jubiläum kannst du nicht absagen. Du willst doch nicht, dass alle denken, dass du egoistisch bist?

Egoistisch. Das war die Hauptwaffe von Lyudmila Ivanovna. Wenn Kristina ablehnen würde, wäre sie egoistisch.

Wenn sie zustimmte – selbstverständlich, weil sie ja gutherzig war.

— Ich werde darüber nachdenken, — murmelte Kristina und legte den Hörer auf.

Maxim war schon vor dem Anruf zur Arbeit gegangen. Wie immer.

Er ging früh, kam spät zurück, und wenn Kristina versuchte, über etwas Ernstes zu sprechen, winkte er ab: „Später, ich bin müde.“ „Später“ kam nie.

Sie schleppte sich in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und starrte auf den Magneten am Kühlschrank – „Familie ist das Wichtigste“.

Ein Geschenk von Lyudmila Ivanovna zum letzten Neujahr.

Damals hatte Kristina noch gelächelt und gedankt. Jetzt wollte sie diesen Magneten gegen die Wand werfen.

Der Wasserkocher kochte, sie goss Tee ein, trank aber nicht – ihr war übel.

Stattdessen öffnete sie ihren Laptop und begann, Preise für Lebensmittel zu recherchieren.

Fünfzehntausend. Mindestens. Für Salate, Fleisch, Gebäck, Getränke.

Plus Dekorationen, Geschirr, Reinigung… Sie öffnete die Banking-App. Acht Tausend lagen auf dem Konto. Davon drei für Nebenkosten.

Kristina schloss den Laptop und legte ihren Kopf auf den Tisch. Vielleicht etwas verkaufen? Aber was? Möbel – alt, Technik – auch nicht neu.

Übrig blieben nur ihre Schmuckstücke – Ohrringe, die ihr die Mutter geschenkt hatte, und eine Kette von der Großmutter.

Sie griff nach der Schmuckschatulle, aber ihre Hand verharrte in der Luft.

Nein. Das war das Letzte, was ihr von einem normalen Leben geblieben war.

Um drei Uhr fuhr sie schließlich zu Lyudmila Ivanovna.

Die Wohnung der Schwiegermutter roch nach Lavendel und etwas anderem – etwas Säuerlichem, als wäre seit langem nicht gelüftet worden.

Lyudmila Ivanovna saß am Tisch in ihrem Lieblingssessel-Schaukelstuhl, strickte etwas Rosa und lächelte, als hätten sie nicht über ein Jubiläum, sondern über eine gemeinsame Kurreise gesprochen.

— Ach, Kristinchen, endlich! — sie winkte auf den Stuhl.

— Setz dich, ich habe den Wasserkocher aufgestellt.

Kristina setzte sich. Auf dem Tisch lag bereits die Liste – ordentlich, mit lila Stift geschrieben.

— Hier, — reichte ihr die Schwiegermutter das Blatt.

— Ich habe alles aufgeschrieben. Zehn Kilo Fleisch, fünf Kilo Fisch, mehr Gemüse, und natürlich Kuchen. Maximka liebt Napoleon, das weißt du doch.

— Lyudmila Ivanovna, — Kristina holte tief Luft.

— Ich habe keine fünfzehntausend.

Die Schwiegermutter zog die Augenbrauen hoch.

— Welche fünfeinhalb Tausend?

— Für Lebensmittel.

— Ach, sei doch nicht albern! — winkte Lyudmila Ivanovna ab.

— Du arbeitest doch, du hast doch Gehalt.

— Ich bin seit drei Monaten krankgeschrieben, — spürte Kristina, wie ihre Stimme zu zittern begann.

— Ich habe dieses Geld nicht.

— Na, dann leihe es dir! — sagte die Schwiegermutter leicht.

— Oder lass Maximka helfen. Er ist doch ein Mann, er muss die Familie versorgen.

Kristina lachte. Nicht fröhlich, sondern so, als hätte man ihr mit einer Zange den Hals zusammengedrückt.

— Maxim gibt sein Gehalt für das Auto aus, — sagte sie.

— Und für den Fernseherkredit, den ihr letzten Monat zusammen gekauft habt.

— Egal, — schnitt Lyudmila Ivanovna ab.

— Du bist ein kluges Mädchen, du wirst es schon hinkriegen. Oder willst du, dass mein Jubiläum armselig wird?

— Warum machen Sie nicht einfach alles selbst? — fragte Kristina plötzlich.

— Sie haben doch Rente.

Das Gesicht der Schwiegermutter wurde sofort eisig.

— Das ist deine Pflicht als Schwiegertochter, — sagte sie langsam, als würde sie einem Kind etwas erklären.

— Oder denkst du, ich hätte dich einfach so an meinen Sohn verheiratet?

Kristina fühlte, wie etwas in ihr riss. Sie stand auf.

— Ich bin weder Ihr Dienstmädchen, — sagte sie. — Noch Ihre Geldbörse.

— Ach du… — Lyudmila Ivanovna stand ebenfalls auf, ihre Strickarbeit fiel auf den Boden.

— Drohst du etwa?

— Ich drohe nicht, — nahm Kristina ihre Tasche. — Ich sage nur, dass ich das nicht tun werde.

— Dann komm auch nicht zum Jubiläum, — schnaubte die Schwiegermutter.

— Und Maximka sage ich, wie undankbar du bist.

Kristina war bereits an der Tür.

— Sag’s ihm, — sagte sie und ging hinaus.

Zu Hause rief sie sofort Maxim an.

— Hallo, — er klang müde. — Was gibt’s?

— Deine Mutter verlangt, dass ich ihren Geburtstag organisiere, — sagte Kristina.

— Mit meinem Geld. Und für meine Gesundheit.

— Na und? — gähnte Maxim. — Mama feiert einmal im Leben.

— Einmal im Leben? — lachte Kristina. — Sie feiert jedes Jahr irgendetwas! Und jedes Mal ist es mein Problem!

— Du dramatisierst, — sagte Maxim. — Mach einfach, was sie verlangt.

— Und wenn ich nicht will?

— Dann bist du egoistisch, — antwortete er gleichgültig.

— Und wunder dich nicht, wenn Mama aufhört, mit dir zu reden.

Kristina schwieg. Sie wusste, dass er nicht auf ihre Seite treten würde. Er tat es nie.

— Gut, — sagte sie schließlich. — Dann höre auch ich auf.

Sie legte den Hörer auf, ging zum Kommode und zog eine Schachtel mit Dokumenten heraus.

Der Ehevertrag, den sie vor fünf Jahren unterschrieben hatten, lag ganz oben.

Sie blätterte die Seiten durch und blieb bei dem Punkt über die Vermögensaufteilung stehen.

Die Wohnung gehörte ihr. Ein Geschenk der Eltern zur Hochzeit. Maxim hatte keinen einzigen Cent hineingesteckt.

Kristina nahm das Telefon und wählte die Nummer des Maklers.

Kristina wachte durch das Geräusch des Schlüssels im Schloss auf. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte drei Uhr nachts.

Sie richtete sich auf dem Ellbogen auf und hörte, wie Maxim mit den Schuhen schlurfte, versuchte, keinen Lärm zu machen.

Als ob das nach drei Flaschen Bier und einem Mitternachtsbesuch bei Mama möglich wäre.

— Wo warst du? — fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte.

Maxim blieb an der Schlafzimmertür stehen, seine Silhouette zeichnete sich im Dunkeln ab — breite Schultern, leicht gebückter Rücken, Hände, die er nie wusste, wohin damit.

— Bei Mama, — brummte er. — Sie war wegen dir verärgert.

— Wegen mir? — schnaufte Kristina.

— Bin ich schuld, dass sie ihren Geburtstag auf meine Kosten feiern will?

— Du übertreibst alles, — begann Maxim, sein T-Shirt auszuziehen.

— Sie wollte einfach ein Familienfest. Und du wie immer — alles über Konflikte.

— Und du wie immer — auf ihrer Seite, — konterte Kristina.

— Hast nicht einmal gefragt, wie ich mich fühle.

— Was ist nur los mit dir?! — Maxim erhob plötzlich die Stimme.

— Du bist doch immer an allem schuld! Mama hat recht — du bist egoistisch geworden!

Kristina setzte sich ruckartig auf das Bett. Ihr Kopf drehte sich wieder, aber sie ballte die Fäuste.

— Ich bin egoistisch? — wiederholte sie.

— Ich lag drei Monate mit Fieber im Bett, und du hast nicht mal Suppe gebracht. Deine Mutter verlangt, dass ich einen halben Stadtteil verkoste, und du unterstützt sie, anstatt mich zu unterstützen. Wer ist hier egoistisch, Maxim?

— Du dramatisierst! — wedelte er mit der Hand.

— Jeder hat Probleme.

— Ja, aber nicht jeder hat eine Schwiegermutter, die denkt, die Schwiegertochter schulde ihr alles, — stand Kristina auf und ging einen Schritt auf ihn zu.

— Bist du jemals auf meine Seite getreten? Nur einmal?

Maxim schwieg. Er mochte Streit nie. Er zog es vor, ihnen buchstäblich aus dem Weg zu gehen.

So wie jetzt: Er drehte sich um und ging ins Bad, schlug die Tür zu.

Kristina blieb allein im Dunkeln zurück.

Sie wartete, bis die Schritte verklungen waren, dann ging sie zum Nachttisch, schaltete das Licht ein und zog ein Bündel Dokumente aus der Schublade.

Der Ehevertrag lag obenauf.

Sie blätterte noch einmal durch, blieb wieder beim Punkt über die Vermögensaufteilung stehen und holte dann ihr Telefon.

Sie schrieb dem Makler: „Bereiten Sie die Unterlagen für den Verkauf der Wohnung vor. Nur ohne Maxim.“

Gesendet.

Am Morgen ging Maxim zur Arbeit, ohne zu frühstücken. Kristina hielt ihn nicht auf.

Sie trank Kaffee, aß einen Toast, der sofort wie ein Klumpen im Hals stecken blieb, und begann, Sachen zusammenzupacken.

Nicht ihre eigenen. Seine.

T-Shirts, die er auf den Sessel geworfen hatte.

Socken, die unter dem Sofa lagen. Dokumente vom Regal — Pass, Führerschein, irgendwelche Quittungen.

Sie packte alles in eine Sporttasche, die er vor zwei Jahren gekauft hatte und nie benutzt hatte.

Dann nahm sie seinen Lieblingspullover aus dem Schrank — den, den sie ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte — und legte ihn vorsichtig obenauf.

Um Punkt zehn klingelte es an der Tür. Kristina öffnete.

Draußen stand Lyudmila Iwanowna.

In einer neuen Bluse, mit einer Tasche von einer teuren Marke, die, wie Kristina wusste, Maxim ihr geschenkt hatte. Vermutlich gestern.

Die Schwiegermutter lächelte, aber ihre Augen waren kalt.

— Guten Morgen, Kristinchen, — sagte sie und betrat den Flur.

— Ich wollte vorbeikommen, um den Geburtstag zu besprechen. Du hast nichts dagegen?

— Komm rein, — trat Kristina zurück und ließ sie passieren.

Lyudmila Iwanowna ging in die Küche, stellte die Tasche auf den Tisch und begann, die Tüten herauszuziehen.

— Ich habe schon ein wenig von allem gekauft, — sagte sie und legte Wurst, Käse, zwei Flaschen Wein auf den Tisch.

— Damit es dir leichter fällt.

Kristina sah dem zu und spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog.

— Nimm das wieder mit, — sagte sie.

— Was? — Lyudmila Iwanowna hob den Kopf.

— Nimm es, — zeigte Kristina auf die Tüten. — Ich werde deinen Geburtstag nicht vorbereiten.

Die Schwiegermutter stand langsam auf und stützte sich auf den Tisch.

— Meinst du das ernst? — fragte sie leise.

— Absolut, — verschränkte Kristina die Arme vor der Brust.

— Und sag Maxim, dass seine Sachen in der Tasche sind. Er soll sie holen.

Das Gesicht von Lyudmila Iwanowna veränderte sich. Das Lächeln verschwand, die Lippen zogen sich zu einer dünnen Linie zusammen.

— Bist du verrückt geworden? — zischte sie.

— Das ist mein Sohn! Mein Haus!

— Das ist meine Wohnung, — korrigierte Kristina. — Und ich möchte, dass ihr beide geht.

— Du wagst es nicht! — machte die Schwiegermutter einen Schritt vorwärts, ihre Stimme wurde lauter.

— Du verstehst nichts! Maxim lebt hier! Er hat Rechte!

— Er hat Rechte an dieser Tasche mit seinen Sachen, — zeigte Kristina auf den Flur.

— Und das war’s. Der Ehevertrag ist unterschrieben, die Wohnung gehört mir. Also nehmt eure Lebensmittel und geht.

Lyudmila Iwanowna wurde blass.

— Du… du wirfst uns raus? — ballte sie die Fäuste.

— Wegen irgendeines Festes?

— Nein, — schüttelte Kristina den Kopf.

— Weil ihr beide denkt, ich sei eine Melkkuh. Weil du forderst, und er schweigt. Weil ich müde bin.

— Du zerstörst die Familie! — schrie Lyudmila Iwanowna.

— Nein, — sagte Kristina ruhig. — Ich rette mich selbst.

Die Schwiegermutter ging plötzlich auf sie zu, ihre Augen funkelten.

— Du wirst es bereuen! — zischte sie. — Maxim wird es dir nicht verzeihen!

— Lass ihn nicht verzeihen, — sagte Kristina und öffnete die Tür. — Aber geh. Jetzt.

Lyudmila Iwanowna blieb noch eine Sekunde stehen, hielt die Tüten fest und warf sie dann auf den Boden.

— Du wirst noch weinen! — rief sie und ging hinaus, schlug die Tür zu, sodass die Nachbarn sicher dachten, hier passiere ein Mord.

Kristina schloss die Tür ab. Dann ging sie zum Fenster, schaute auf die Straße.

Lyudmila Iwanowna ging zum Auto, ihr Rücken war gerade, der Kopf hoch erhoben. Sie blickte nicht zurück.

Kristina kehrte in die Küche zurück, beugte sich herunter und begann, die verstreuten Lebensmittel aufzusammeln.

Die Wurst fiel auf den Boden, der Wein zerbrach, der Käse rollte in die Ecken.

Sie warf alles in den Mülleimer, holte dann Besen und Kehrschaufel aus dem Schrank.

Während sie die Scherben aufräumte, klingelte es erneut an der Tür.

Sie öffnete.

Draußen stand Maxim. Sein Gesicht war rot, die Augen weit und unverständlich.

— Was hast du getan?! — atmete er aus.

— Ich habe dich rausgeworfen, — sagte Kristina. — Und deine Mutter.

— Du kannst das nicht tun! — machte er einen Schritt nach vorne, aber sie ließ ihn nicht hinein.

— Kann ich, — zeigte sie auf die Tasche mit den Sachen. — Nimm sie und geh.

— Du bist verrückt! — schrie Maxim. — Das ist meine Wohnung!

— Nein, — zog Kristina den Ehevertrag aus der Tasche, schlug ihn auf der richtigen Seite auf.

— Sie gehört mir. Lies.

Maxim starrte auf das Dokument, sein Gesicht verzerrte sich.

— Du… du hast das geplant?!

— Ich habe geplant, mich zu schützen, — sagte Kristina. — Weil es sonst niemand tun würde.

— Du zerstörst unsere Familie! — seine Stimme brach.

— Nein, — sie schüttelte den Kopf. — Ich rette mein Leben.

Maxim griff die Tasche, warf sie auf den Boden, drehte sich dann abrupt um und ging, wobei er die Tür so zuschlug, dass die Wände zitterten.

Kristina schloss die Augen.

In der Wohnung wurde es still.

Kristina wachte von der Stille auf. Nicht vom Klingeln, nicht vom Schreien der Nachbarn, nicht vom Geräusch des Schlüssels im Schloss — einfach von der Stille.

Sie lag auf dem Sofa, in eine Decke gehüllt, und hörte, wie die Uhr in der Küche tickte.

Tick-tack.

Tick-tack.

Als ob die Zeit endlich langsamer geworden wäre.

Drei Tage waren vergangen, seit sie Maxim und Lyudmila Ivanovna hinausgeworfen hatte.

Drei Tage, in denen niemand anrief, niemand kam, niemand versuchte, sie zurückzuholen.

Sie hatte erwartet, dass Maxim betteln würde, dass ihre Schwiegermutter mit Vorwürfen kommen würde, dass die Nachbarn hinter ihrem Rücken tuscheln würden.

Aber — nichts.

Stille.

Kristina stand auf, streckte sich und spürte, wie ihre Muskeln schmerzten.

Sie hatte zu lange gelegen, sich zu lange angestrengt.

In der Küche wartete kalter Kaffee auf sie — sie hatte gestern Abend vergessen, die Kaffeemaschine auszuschalten.

Sie trank ihn und verzog das Gesicht vor Bitterkeit, dann schaltete sie ihr Handy ein.

Zwanzig verpasste Anrufe.

Zehn von Maxim, fünf von Lyudmila Ivanovna, der Rest von unbekannten Nummern.

Und eine Nachricht vom Makler: „Die Unterlagen sind bereit. Wann treffen wir uns?“

Sie antwortete: „Heute. Um drei.“

Lyudmila Ivanovna kam um vier.

Kristina öffnete die Tür und sah sie — im selben Mantel, mit derselben Tasche, aber das Gesicht der Schwiegermutter war nicht nur wütend, sondern verzerrt.

Rote Augen, zusammengepresste Lippen, die Hände umklammerten den Taschengurt so fest, dass die Knöchel weiß wurden.

— Was hast du getan?! — zischte sie, ohne auf eine Einladung zu warten.

— Ich verkaufe die Wohnung, — sagte Kristina ruhig.

— Du hast kein Recht dazu! — Lyudmila Ivanovna trat einen Schritt vor, ihre Stimme zitterte.

— Das ist das Haus meines Sohnes!

— Das ist meine Wohnung, — wich Kristina nicht zurück. — Und ich verkaufe sie.

— Du Schlampe! — schrie die Schwiegermutter plötzlich, ihre Selbstbeherrschung platzte wie eine überdehnte Saite. — Du zerstörst sein Leben!

Du Egoistin!

Du…

— Ich bin es leid, eure Ernährerin zu sein, — unterbrach Kristina sie.

— Es ist mir leid, immer alles zu ertragen.

Ich bin krank, Lyudmila Ivanovna.

Ich kann kaum noch auf den Beinen stehen, und ihr beide verlangt, verlangt, verlangt.

Es reicht.

— Du wagst es nicht! — Lyudmila Ivanovna trat noch näher, ihre Finger bohrten sich in den Taschengurt. — Ich gehe zum Anwalt!

Ich werde diesen Vertrag anfechten!

— Dann tu es, — zuckte Kristina mit den Schultern. — Aber die Wohnung ist bereits verkauft.

Die Schwiegermutter erstarrte.

— Was?

— Ich habe die Unterlagen vor einer Stunde unterschrieben, — lächelte Kristina.

Nicht fröhlich, eher so, als hätte sie endlich ausatmen können.

— Der Makler hat das Geld bereits überwiesen.

Morgen kommen die neuen Eigentümer.

Lyudmila Ivanovna wurde blass.

— Du… du konntest nicht…

— Ich konnte, — machte Kristina einen Schritt zurück.

— Und ich habe es getan.

Die Schwiegermutter stürzte plötzlich auf sie zu.

Kristina konnte nicht reagieren — sie packte sie an den Schultern, schüttelte sie, die Finger bohrten sich in ihre Haut.

— Du hast alles zerstört! — schrie Lyudmila Ivanovna, ihr Speichel spritzte Kristina ins Gesicht. — Du hast meinen Sohn ruiniert!

Kristina stieß sie scharf von sich weg.

— Euer Sohn zerstört sich selbst, — sagte sie.

— Er wird niemals auf meine Seite stehen.

Er wird immer euer Mamasöhnchen sein.

Und ich will in diesem Zirkus nicht leben.

Lyudmila Ivanovna trat zurück, ihre Brust hob sich schwer.

— Du wirst es bereuen, — zischte sie.

— Du wirst allein bleiben.

Niemand wird bei dir sein.

— Ich bin schon allein, — schloss Kristina die Tür.

Maxim kam abends.

Sie öffnete und sah ihn — rote Augen, unrasiertes Gesicht, Hände, die er nicht wusste, wohin damit.

— Hast du wirklich die Wohnung verkauft? — fragte er mit heiserer Stimme.

— Ja, — nickte Kristina.

— Warum?

— Weil ich leben will, — sah sie ihm in die Augen. — Und nicht nur überleben.

— Du hast unsere Familie zerstört, — ballte er die Fäuste.

— Nein, — schüttelte Kristina den Kopf. — Du hast sie zerstört.

Du hast immer sie gewählt, nicht mich.

Du hast nie gefragt, wie es mir geht.

Du hast einfach genommen und genommen.

— Ich habe dich geliebt, — flüsterte er.

— Nein, — schüttelte sie den Kopf. — Du hast die Bequemlichkeit geliebt.

Du hast geliebt, dass du eine Frau hast, die alles erträgt.

Aber ich werde nicht länger ertragen.

Maxim schwieg.

Dann drehte er sich abrupt um und ging.

Kristina schloss die Tür.

Am nächsten Tag stand sie vor ihrer neuen Wohnung — klein, aber hell, mit einem Balkon zum Park.

Die Schlüssel lagen in ihrer Tasche.

Sie atmete ein — die Luft roch nach Gras und Regen.

Das Telefon vibrierte.

Nachricht vom Anwalt: „Lyudmila Ivanovna hat Klage eingereicht, um den Ehevertrag für ungültig zu erklären.

Aber sie hat keine Chance.“

Kristina lächelte.

Sie nahm das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter.

— Hallo? — antwortete diese.

— Mama, — sagte Kristina. — Ich bin frei.

Ende.