— Sie sind niemand für mich!
— Verstanden?

Tanjas Stimme klang so scharf, dass sie selbst es nicht erwartet hatte.
Die Schwiegermutter erstarrte am Herd und hielt einen Topf mit Würstchen in den Händen.
Der Schwiegervater rückte vorsichtig zum Fenster, als wollte er unsichtbar werden.
— Tanechka, Töchterchen, was sagst du denn da? — Galina Petrownas Gesicht wurde weiß.
— Ich wollte doch nur…
— Nennen Sie mich nicht Töchterchen! — Tanja spürte, wie alles, was sich in diesen Tagen angestaut hatte, aus ihr herausbrach.
— Nennen Sie mich nicht so!
— Ich habe eine Mutter!
— Meine eigene!
— Und ich will nicht, dass Sie mir beibringen, wie ich zu leben habe!
Sie sah, wie sich die Augen der Schwiegermutter mit Tränen füllten, aber sie konnte nicht mehr aufhören.
Alles, was eine ganze Woche lang in ihr geschwiegen hatte, brach nun heraus wie Wasser aus einem gebrochenen Damm.
Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Vor sieben Tagen hatte Tanja Witjas Eltern am Bahnhof abgeholt.
Sie waren aus ihrer kleinen Stadt zu Besuch gekommen, um ihren Sohn in der Hauptstadt zu besuchen.
Galina Petrowna und Pjotr Semjonowitsch stiegen mit riesigen Taschen aus dem Zug, lächelnd und aufgeregt.
— Tanjuscha! — die Schwiegermutter stürzte sofort los, um sie zu umarmen.
— Mein Töchterchen!
— Wie dünn du geworden bist!
— Witja füttert dich wohl nicht?
Tanja lächelte gezwungen.
Sie hatte dank Yoga zwei Kilo abgenommen, und die Bemerkung, Witja füttere sie nicht, klang seltsam.
Aber sie schwieg und half, die Taschen zum Auto zu tragen.
Auf dem Heimweg erzählte Galina Petrowna ununterbrochen Neuigkeiten: Wer in ihrer Stadt geheiratet hatte, wer ein Kind bekommen hatte, wie Nachbarin Sinaida sich einen neuen Pelzmantel gekauft hatte und wie die Straße vor ihrem Haus repariert worden war.
Tanja nickte, fügte gelegentlich kurze Bemerkungen ein und spürte, wie die Anspannung langsam ihren Nacken hinaufkroch.
Zu Hause zeigte sie den Gästen das Zimmer, in dem sie schlafen würden, erklärte, wo die Handtücher waren und wo was in der Küche lag.
Witja sollte erst am Abend von der Arbeit zurückkommen, weil er eine wichtige Präsentation hatte, die sich nicht verschieben ließ.
— Tanechka, darf ich mal schauen, was ihr in der Küche habt? — fragte Galina Petrowna, nachdem sie ihre Sachen ausgepackt hatten.
— Ich könnte bis zum Abend etwas für Witenka kochen.
— Er liebt meine Frikadellen so sehr.
— Danke, aber ich habe schon alles vorbereitet, — antwortete Tanja.
— Sie sind müde von der Reise, ruhen Sie sich aus.
— Ach, was für eine Ruhe! — die Schwiegermutter winkte mit den Händen ab.
— Ich habe doch die ganze Fahrt gesessen.
— Lass mich dir helfen!
Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie in die Küche.
Tanja stand in der Tür und sah zu, wie Galina Petrowna einen Schrank nach dem anderen öffnete, in den Kühlschrank schaute und den Kopf schüttelte.
— Tanjuscha, Töchterchen, warum habt ihr so viele Fertigprodukte? — sie zog eine Packung Pelmeni heraus.
— Das ist doch ungesund!
— Das ist reine Chemie!
— Ich bringe dir bei, selbstgemachte zu machen, das ist gar nicht schwer.
— Wir essen sie nur manchmal, wenn keine Zeit zum Kochen bleibt, — erklärte Tanja und versuchte, ruhig zu bleiben.
— Keine Zeit? — die Schwiegermutter sah sie erstaunt an.
— Aber du kommst doch früher von der Arbeit nach Hause als Witja.
— Wie kann man da keine Zeit haben?
Tanja biss sich auf die Lippe.
Sie kam erschöpft nach Hause, wollte eine Stunde liegen, lesen und ihre Gedanken ordnen, bevor sie sich ans Abendessen machte.
Manchmal kochte sie wirklich, manchmal bestellten sie mit Witja einfach Essen.
Aber das der Schwiegermutter zu erklären, erschien ihr sinnlos.
— Ich schaffe es schon, — sagte sie knapp.
— Na gut, na gut, — Galina Petrowna griff wieder in den Kühlschrank.
— Oh!
— Und was ist das?
— Joghurt aus dem Laden!
— Tanechka, den kann man doch so einfach zu Hause im Joghurtbereiter machen!
— Ich zeige es dir…
— Danke, aber so ist es für mich bequemer.
— Bequemer? — die Schwiegermutter riss die Augen auf.
— Aber da ist doch so viel Zucker drin!
— Und Konservierungsstoffe!
— Für die Gesundheit ist das schrecklich!
Tanja spürte, wie sich ihre Fäuste ballten.
Sie atmete tief ein und wieder aus.
— Galina Petrowna, soll ich Ihnen Tee machen?
— Sie sind wirklich müde von der Reise.
— Ach, was denn! — die Schwiegermutter lächelte.
— Ich mache alles selbst!
— Setz du dich, ruh dich aus.
— Übrigens, Töchterchen, deine Lippen sind so blass.
— Benutzt du keinen Lippenstift?
— Das ist schade!
— Eine Frau sollte immer gepflegt aussehen, sogar zu Hause.
— Witja schaut dich doch an…
Tanja drehte sich schweigend um und ging ins Schlafzimmer.
Dort setzte sie sich aufs Bett und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Eine Woche“, sagte sie sich.
„Nur eine Woche.“
„Du schaffst das.“
Am Abend kam Witja müde, aber glücklich zurück.
— Mama, Papa! — er umarmte seine Eltern.
— Wie war die Fahrt?
— Wunderbar, Söhnchen, wunderbar! — Galina Petrowna blühte auf.
— Ich habe euch Borschtsch gekocht!
— Richtigen, hausgemachten!
Beim Abendessen erzählte die Schwiegermutter Witja von allen Bekannten, fragte nach seiner Arbeit und lobte den Borschtsch, den sie aus Lebensmitteln gekocht hatte, die Tanja gekauft hatte.
Witja aß mit Appetit, lachte und erzählte von der Präsentation.
Tanja saß da und schwieg.
Der Borschtsch war lecker, aber sie kochte ihn nicht schlechter.
Sie hatte nur nie genug Zeit, ihn für eine ganze Woche im Voraus zu kochen, wie Galina Petrowna es in ihrer Stadt tat.
— Tanechka, Töchterchen, du isst ja fast nichts, — bemerkte die Schwiegermutter.
— Schmeckt es dir nicht?
— Soll ich vielleicht nachsalzen?
— Alles ist wunderbar, danke.
— Du siehst müde aus.
— Vielleicht solltest du Vitamine nehmen?
— Ich habe gute mitgebracht, natürliche, ich nehme sie selbst…
— Danke, ich habe Vitamine.
— Na gut, na gut, — Galina Petrowna seufzte.
— Ich mache mir nur Sorgen um dich.
— Du bist mir doch jetzt wie eine eigene Tochter.
Nach dem Abendessen spülte Tanja das Geschirr, während die Schwiegermutter danebenstand und Ratschläge gab: wie man den Schwamm richtig hält, welches Spülmittel besser ist und in welchem Winkel man die Teller in den Abtropfständer stellen sollte.
Nachts lag Tanja neben dem bereits schlafenden Witja im Bett, starrte an die Decke und dachte: „Das war erst der erste Tag.“
Am Morgen des zweiten Tages wachte Tanja von Geräuschen und Gerüchen auf.
In der Küche zischte etwas, Töpfe klapperten.
Sie warf sich einen Morgenmantel über und ging hinaus.
Galina Petrowna stand in einer Schürze am Herd, von der Tanja nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie besaßen.
— Guten Morgen, Tanechka! — die Schwiegermutter lächelte.
— Ich habe beschlossen, für dich und Witenka Frühstück zu machen.
— Syrniki!
— Er liebt sie so sehr!
— Danke, — Tanja sah auf die Uhr.
— Aber wir frühstücken normalerweise einfacher.
— Kaffee, Toast…
— Toast? — Galina Petrowna schlug die Hände zusammen.
— Das ist doch kein Frühstück!
— Wie kann man mit bloßem Toast zur Arbeit gehen?
— Man braucht warmes Essen, etwas Vollwertiges!
Witja kam verschlafen und gähnend heraus.
Als er die Syrniki sah, freute er sich.
— Mama, du bist eine Zauberin!
— Ich habe sie seit Ewigkeiten nicht gegessen!
Tanja trank Kaffee und sah zu, wie ihr Mann mit Appetit die Syrniki aß, die sie ihm selbst vor ein paar Wochen zubereitet hatte.
Damals hatte er zwei Stück gegessen und gesagt, er sei satt.
Jetzt verschlang er schon das vierte.
Nach dem Frühstück begann Galina Petrowna, das Geschirr zu spülen, und gleich auch alle anderen Töpfe und Pfannen, die in der Spüle standen.
— Tanjuscha, bei dir ist ja ein ganzer Berg! — sagte sie vorwurfsvoll.
— Geschirr muss man sofort spülen, sonst trocknet alles fest…
— Ich weiß, — Tanja spürte, wie ihre Wangen rot wurden.
— Ich habe es gestern einfach nicht geschafft.
— Nicht geschafft?
— Aber das dauert doch fünf Minuten!
— Man muss einfach gleich nach dem Essen…
— Ich weiß, — wiederholte Tanja schärfer, als sie wollte.
Witja sah sie überrascht an.
— Mama, mach dir keine Sorgen, — sagte er.
— Wir kommen zurecht.
— Ich mache mir doch keine Sorgen, Söhnchen! — Galina Petrowna drehte sich um, und Tanja sah echtes Unverständnis in ihren Augen.
— Ich helfe doch nur.
— Tanechka ist noch jung und unerfahren, man muss ihr alles erklären…
— Ich bin dreißig Jahre alt, — sagte Tanja leise.
— Ich lebe seit meinem achtzehnten Lebensjahr allein.
— Ich kann Geschirr spülen.
Eine unangenehme Pause entstand.
Witja räusperte sich.
— Gut, ich muss los.
— Wir sehen uns heute Abend.
Er küsste seine Mutter auf die Wange, Tanja auf die Lippen und ging.
Auch Tanja machte sich für die Arbeit fertig.
Den ganzen Tag verbrachte sie angespannt und stellte sich vor, was Galina Petrowna gerade zu Hause machte.
Wahrscheinlich hatte sie schon alle Schränke inspiziert, Staub in den Ecken gefunden und sich über die alten Handtücher im Bad entsetzt.
Am Abend kam sie zurück und begriff, dass sie richtig geraten hatte.
Die Wohnung glänzte vor Sauberkeit.
— Tanechka, Töchterchen! — begrüßte sie die Schwiegermutter.
— Ich habe ein bisschen aufgeräumt, ich hoffe, du hast nichts dagegen.
— Ich habe die Vorhänge in der Küche gewaschen, sie waren so schmutzig.
— Und die Böden habe ich gewischt.
— Und im Bad habe ich die Fliesen geputzt, in den Fugen fing schon Schimmel an…
— Danke, — brachte Tanja hervor.
— Sie hätten sich nicht so bemühen müssen.
— Ach, was denn!
— Das ist doch nicht schwer für mich!
— Ich sehe doch, dass du nicht alles schaffst.
— Arbeit, Haushalt…
— Allein ist das schwer.
— Aber ich werde dir beibringen, wie man alles optimiert.
— Schau mal, wenn man jeden Tag eine halbe Stunde einplant…
Tanja hörte zu und spürte, wie sich in ihr ein dumpfer Ärger ausbreitete.
Sie bedankte sich, nickte und dachte dabei: „Wann hört das endlich auf?“
Am vierten Tag verstand Tanja, dass sie nicht mehr einfach schweigen konnte.
Am Abend, als sie mit Witja im Bett lag, begann sie zu sprechen.
— Witja, ich muss mit dir reden.
— Hm? — er glitt schon in den Schlaf.
— Über deine Mutter.
— Was ist mit Mama? — er öffnete ein Auge.
— Sie kritisiert mich.
— Ständig.
— Sie sagt die ganze Zeit, dass ich etwas falsch mache.
— Dass ich eine schlechte Hausfrau bin.
— Ach was, — Witja gähnte.
— Sie will doch nur helfen.
— Du weißt doch, wie sie ist.
— Sie hat ihr ganzes Leben lang für jemanden gesorgt.
— Aber ich brauche diese Art von Fürsorge nicht! — Tanja setzte sich auf.
— Ich brauche, dass sie aufhört, jeden meiner Schritte zu kommentieren!
— Tanja, ertrag es bitte noch ein bisschen, — er streckte sich zu ihr und umarmte sie.
— Sie sind doch nur eine Woche hier.
— Lass uns keinen Streit anfangen.
— Ich bin ehrlich gesagt erschöpft.
— Bei der Arbeit ist im Moment die Hölle los.
— Am Wochenende rede ich mit ihr, gut?
— Witja…
— Bitte, — er küsste sie auf die Stirn.
— Halte bis zum Wochenende durch.
— Ich bin wirklich völlig fertig.
— Präsentationen, Berichte…
— Ich muss schlafen.
Tanja legte sich wieder hin und starrte an die Decke.
Bis zum Wochenende waren es noch drei Tage.
Am fünften Tag beschloss Galina Petrowna, Tanja beizubringen, wie man richtigen Plow kocht.
— Siehst du, Töchterchen, das Wichtigste ist, die Karotten richtig zu schneiden.
— In feine, ganz feine Streifen.
— Und die Zwiebeln in Halbringe…
Tanja stand daneben und schnitt das Gemüse so, wie die Schwiegermutter es zeigte, obwohl sie selbst schon hundertmal Plow gekocht hatte und wusste, wie es ging.
— Gut gemacht! — lobte Galina Petrowna.
— Du lernst!
— Siehst du, wie einfach das ist?
— Das Wichtigste sind Aufmerksamkeit und Geduld.
— Eine Freundin von mir, Ljudmila, hat eine Tochter, die bis heute nicht kochen gelernt hat und alles bestellt.
— Ljudmila leidet darunter und sagt: „Was bist du für eine Mutter, wenn du deiner Tochter das nicht beibringen kannst?“
— Und ich sage zu ihr: „Ljuda, wenn das Mädchen nicht will, dann will sie eben nicht.“
— Aber sie besteht trotzdem darauf…
Tanja schnitt mechanisch Karotten und dachte, dass sie explodieren würde, wenn sie jetzt nicht aus der Küche käme.
— Entschuldigen Sie, — sagte sie.
— Ich muss in den Laden.
— Das Brot ist alle.
— Oh, dann komme ich mit! — freute sich die Schwiegermutter.
— Zusammen geht es schneller!
Im Laden kommentierte Galina Petrowna jeden Einkauf.
— Diesen Quark nimm nicht, der hat zu viel Fett.
— Der hier ist besser…
— Nein, Weißbrot ist ungesund, nimm Graubrot…
— Tanechka, Töchterchen, wozu brauchst du Chips?
— Das sind doch reine Karzinogene!
— Isst Witja das etwa?
— Du musst auf seine Gesundheit achten, du bist doch seine Frau!
Tanja schwieg und legte in den Korb, was sie wollte.
Die Chips legte sie auch hinein, aus Trotz.
Galina Petrowna seufzte und schüttelte den Kopf.
Am Abend sagte die Schwiegermutter beim Essen zu Witja:
— Söhnchen, du solltest mit Tanechka reden.
— Sie kauft im Laden irgendeinen Unsinn.
— Chips!
— Für die Gesundheit ist das schrecklich.
Witja sah Tanja schuldbewusst an.
— Tanja, na ja, vielleicht sollte man das wirklich lieber lassen?
— Ich esse sie manchmal, — sagte Tanja mit ruhiger Stimme.
— Ich mag sie.
— Aber Mama hat recht, das ist ungesund…
— Witja, ich bin dreißig Jahre alt.
— Ich entscheide selbst, was ich esse.
— Ach, Töchterchen, sei nicht beleidigt! — mischte sich Galina Petrowna ein.
— Ich schimpfe doch nicht mit dir!
— Ich erkläre es nur.
— Du bist jung, du denkst, die Gesundheit hält ewig, aber später, in deinem Alter…
— Also, ich wollte sagen, dass man besser jetzt auf sich achtet…
Tanja stand vom Tisch auf und ging ins Badezimmer.
Dort drehte sie das Wasser auf und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Leise, damit niemand sie hörte.
Der sechste Tag begann mit einem Gespräch darüber, warum Tanja die Bettwäsche nicht bügelte.
— Wie, du bügelst sie nicht? — entsetzte sich Galina Petrowna.
— Das ist doch unhygienisch!
— Und es ist unangenehm, auf zerknitterter Wäsche zu schlafen!
— Wir beziehen sie gleich nach dem Waschen, — erklärte Tanja.
— Sie glättet sich von selbst.
— Nein, Töchterchen, das ist falsch.
— Man muss sie unbedingt bügeln.
— Hohe Temperatur tötet Keime ab.
— Ich zeige dir, wie man das schnell macht…
Und sie holte das Bügelbrett hervor, das in der Abstellkammer verstaubte, und begann, die gesamte Bettwäsche zu bügeln, die sie im Schrank fand.
— Siehst du?
— Das ist gar nicht schwer! — sagte sie, während sie mit dem Bügeleisen über die Kissenbezüge fuhr.
— Das Wichtigste ist, es regelmäßig zu machen.
— Dann wird es zur Gewohnheit.
Tanja saß auf dem Sofa und sah diesem Schauspiel zu.
Sie wollte schreien, dass sie nicht darum gebeten hatte, dass sie all die Jahre wunderbar ohne gebügelte Bettwäsche gelebt hatte und dass sie überhaupt keine Ratschläge brauchte.
Aber stattdessen saß sie nur da und schwieg.
Am Abend kam Witja wieder spät nach Hause.
— Wie geht es? — fragte er und küsste Tanja.
— Normal, — antwortete sie knapp.
— Nervt Mama dich nicht?
— Redest du am Wochenende mit ihr?
— Versprochen, — nickte er.
— Halte noch ein kleines bisschen durch.
Aber das Wochenende schien so weit entfernt.
Der siebte Tag war der schwerste.
Tanja wachte mit Kopfschmerzen auf.
Bei der Arbeit gab es einen Konflikt mit einem Kunden, der im letzten Moment vom Projekt zurücktrat, und ihre ganze Arbeit eines Monats war umsonst.
Der Chef schrie, die Kollegen hatten Mitgefühl, aber das half nicht.
Sie kam erschöpft, wütend und mit nur einem Gedanken nach Hause: ins Bett kommen und einschlafen.
Im Flur empfingen sie Galina Petrowna und Pjotr Semjonowitsch.
Sie waren den ganzen Tag in der Stadt spazieren gegangen, waren im Museum und im Park gewesen, waren müde und hungrig.
— Tanechka, Töchterchen! — Galina Petrowna lächelte.
— Wir sind so hungrig!
— Was gibt es zum Abendessen?
Tanja sah auf die Uhr.
Halb acht.
Witja würde erst um neun zurückkommen.
— Ich habe nichts gekocht, — sagte sie und zog die Schuhe aus.
— Entschuldigung, ich habe es nicht geschafft.
— Man kann Würstchen aufwärmen.
— Würstchen? — das Gesicht der Schwiegermutter wurde lang.
— Tanjuscha, aber das ist doch…
— Das ist doch ungesund!
— Wie oft soll ich es noch sagen?
— Fertigessen aus dem Laden ist reine Chemie!
— Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, Karzinogene!
— Verstehst du überhaupt, womit du Witja fütterst?
— Und wenn ihr Kinder habt?
— Wirst du ihnen auch Würstchen geben?
In Tanja klickte etwas.
— Genug, — sagte sie leise.
— Was?
— Ich sagte, genug! — Tanjas Stimme wurde lauter.
— Hören Sie auf, mich zu belehren!
— Hören Sie auf, jeden meiner Schritte zu kommentieren!
— Tanechka, ich will doch nur helfen…
— Ich brauche Ihre Hilfe nicht! — Tanja spürte, wie alles in ihr kochte, wie all die Worte herauskamen, die sie eine ganze Woche lang geschluckt hatte.
— Sie müssen mir nicht beibringen, wie man kocht!
— Sie müssen nicht meine Schränke kontrollieren!
— Sie müssen meine Vorhänge nicht noch einmal waschen!
— Sie müssen nicht kommentieren, was ich im Laden kaufe!
— Töchterchen, beruhige dich…
— Und nennen Sie mich nicht Töchterchen! — Tanjas Stimme kippte ins Schreien.
— Ich bin nicht Ihre Tochter!
— Ich habe eine Mutter!
— Meine eigene!
— Und sie hat mir nie gesagt, dass ich eine schlechte Hausfrau bin!
— Sie hat nie so getan, als könnte ich nichts!
Galina Petrowna wurde blass.
Pjotr Semjonowitsch versuchte etwas zu sagen, aber Tanja hörte nicht zu.
— Eine ganze Woche!
— Eine ganze Woche sagen Sie mir, dass ich alles falsch mache!
— Dass ich das Geschirr falsch spüle, falsch koche, falsch einkaufe, falsch bügle, nicht bügle, nicht wasche, nicht putze!
— Sie mischen sich in jede Ecke meines Hauses ein und finden überall Mängel!
— Ich wollte doch nur helfen, — die Stimme der Schwiegermutter zitterte.
— Ich sehe doch, dass du nicht zurechtkommst…
— Ich komme wunderbar zurecht! — Tanja schrie fast.
— Ich lebe seit mehreren Jahren in dieser Wohnung und komme wunderbar zurecht!
— Witja hat sich kein einziges Mal beschwert!
— Wir essen, was wir wollen, kaufen, was wir brauchen, und leben so, wie es für uns bequem ist!
— Aber das ist ungesund…
— Das ist mir egal! — Tanja erschrak selbst über ihren Ton.
— Das ist unser Zuhause!
— Unser Leben!
— Und wir entscheiden selbst, wie wir leben!
— Tanjuscha, warum bist du so? — in Galina Petrownas Augen standen Tränen.
— Ich liebe dich doch wie eine eigene Tochter…
— Nicht nötig!
— Lieben Sie mich nicht so!
— Ich will nicht, dass man mich so liebt!
— Aber ich bemühe mich doch für euch!
— Ich putze, koche, helfe!
— Ich habe Sie nicht darum gebeten! — Tanjas Stimme klang hell und hart.
— Ich habe Sie nie darum gebeten!
— Sie sind zu Besuch gekommen!
— Gäste bringen den Gastgebern nicht bei, wie sie zu leben haben!
— Gäste gestalten eine fremde Wohnung nicht nach sich selbst um!
— Gäste kritisieren nicht jeden Tag!
— Ich kritisiere nicht…
— Doch, das tun Sie! — Tanja spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen, aber sie konnte nicht aufhören.
— Alles, was Sie sagen, ist Kritik!
— Jedes Ihrer Worte!
— Jeder Ihrer Ratschläge!
— Als wäre ich klein, dumm und könnte nichts!
— So denke ich nicht…
— Doch, das tun Sie!
— Sonst würden Sie nicht jede Minute mit Ratschlägen kommen!
Tanja ging zum Herd, wo in einem Topf die unglücklichen Würstchen lagen.
— Hier! — sie packte den Topf.
— Würstchen!
— Aus dem Laden!
— Ungesund!
— Aber wissen Sie was?
— Ich esse sie!
— Witja isst sie!
— Und wir leben!
— Wir sind gesund!
— Und wenn Sie essen wollen, dann essen Sie sie auch!
— Und wenn nicht…
— Tanechka…
— Aufschnitt und Delikatessen können Sie bei sich zu Hause verlangen!
— Sie sind niemand für mich!
— Verstanden?
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Witja stand auf der Schwelle, blass und mit weit aufgerissenen Augen.
Er hatte die letzten Sätze offensichtlich gehört.
— Was passiert hier? — seine Stimme war leise.
Galina Petrowna schluchzte auf und stürzte zu ihrem Sohn.
— Witenka, ich weiß nicht, was passiert ist…
— Ich wollte doch nur helfen…
Witja umarmte seine Mutter, sah aber Tanja an.
In seinem Blick lagen Verwirrung, Angst und noch etwas anderes — Verständnis.
Tanja stand mitten in der Küche, hielt den Topf mit den Würstchen in den Händen, völlig verheult und am ganzen Körper zitternd vor Wut und Erschöpfung.
— Ich kann nicht mehr, — sagte sie.
— Entschuldigung.
Sie stellte den Topf auf den Tisch und ging aus der Küche.
Im Schlafzimmer schloss sie sich ein und legte sich mit dem Gesicht ins Kissen aufs Bett.
Nach einiger Zeit klopfte es an der Tür.
— Tanjusch, — Witjas Stimme war sanft.
— Darf ich reinkommen?
Sie antwortete nicht, aber er trat ein.
Er setzte sich neben sie aufs Bett und legte die Hand auf ihren Rücken.
— Verzeih mir, — sagte er.
— Ich bin ein Idiot.
— Ich hätte früher mit ihnen reden müssen.
— Ich habe schreckliche Dinge gesagt, — Tanja hob ihr verweintes Gesicht.
— Deine Mutter wird mich hassen.
— Sie wird dich nicht hassen, — Witja strich ihr über das Haar.
— Man muss es ihr nur erklären.
— Ich erkläre es jetzt.
— Witja…
— Ich meine es ernst, — er küsste sie auf die Stirn.
— Ich habe es verstanden.
— Du hattest recht.
— Ich hätte es nicht aufschieben dürfen.
— Warte hier.
Er ging hinaus.
Tanja hörte, wie er in der Küche mit seinen Eltern sprach.
Die Stimmen waren gedämpft, sie konnte die Worte nicht verstehen.
Etwa zwanzig Minuten vergingen.
Schließlich öffnete sich die Tür wieder.
— Können wir reden? — fragte Witja.
Tanja ging ins Wohnzimmer.
Galina Petrowna und Pjotr Semjonowitsch saßen verwirrt auf dem Sofa.
Die Schwiegermutter hielt ein Taschentuch in den Händen, ihre Augen waren rot vom Weinen.
— Tanjuscha, — begann Witja, — wir möchten alle ruhig miteinander reden.
— Gut?
Sie nickte und setzte sich in den Sessel gegenüber.
— Mama, Papa, — Witja wandte sich an seine Eltern, — ich möchte, dass ihr versteht: Tanja und ich sind erwachsene Menschen.
— Wir leben seit mehreren Jahren zusammen.
— Wir haben unseren eigenen Alltag, unsere eigenen Regeln und unsere eigenen Gewohnheiten.
— Und das ist normal.
— Aber Söhnchen…
— Warte, Mama, — er hob die Hand.
— Ich verstehe, dass du helfen willst.
— Ich weiß, dass du dir Sorgen um uns machst.
— Aber Hilfe sollte dort sein, wo man darum bittet.
— Wenn Tanja nicht um Rat bittet, muss man ihn nicht geben.
— Wenn sie so kocht, wie es für sie bequem ist, dann ist das ihr Recht.
— Wenn wir Würstchen kaufen, dann ist das unsere Entscheidung.
— Aber das ist ungesund…
— Mama, — Witjas Stimme wurde strenger.
— Ich liebe dich sehr.
— Aber du bist jetzt nicht zu Hause.
— Du bist zu Gast.
— Und Gäste bringen den Gastgebern nicht bei, wie sie zu leben haben.
Galina Petrowna schluchzte.
— Ich wollte doch nur…
— Ich dachte, ich helfe…
— Ich weiß, — Witja setzte sich zu ihr und umarmte sie.
— Aber manchmal ist die beste Hilfe, einfach da zu sein und sich nicht einzumischen.
— Verstehst du?
— Ich habe Tanechka verletzt, — die Schwiegermutter sah die Schwiegertochter schuldbewusst an.
— Ich wollte das nicht…
— Ich dachte wirklich, ich helfe…
Tanja atmete tief ein.
— Galina Petrowna, — sagte sie und versuchte, ruhig zu sprechen.
— Ich verstehe, dass Ihre Absichten gut waren.
— Aber es ist wirklich schwer für mich, wenn ich ständig kritisiert werde.
— Wenn jeder meiner Schritte kommentiert wird.
— Ich fühle mich dann… wertlos.
— Als könnte ich nichts und wäre zu nichts fähig.
— Tanechka, nein! — die Schwiegermutter streckte die Hände nach ihr aus.
— So denke ich nicht!
— Aber Ihre Worte klingen genau so, — Tanja spürte, wie ihr wieder Tränen in die Augen stiegen.
— Jeden Tag, jede Stunde.
— Alles ist falsch, alles ist nicht richtig…
— Ich wollte das nicht, — Galina Petrowna weinte nun offen.
— Verzeih mir, Töchterchen…
— Also, Tanechka.
— Verzeih mir.
— Ich wollte dich wirklich nicht verletzen.
Stille entstand.
Witja sah abwechselnd seine Mutter und seine Frau an.
— Vielleicht fangen wir noch einmal von vorne an? — schlug er vor.
— Mama, Papa, ihr bleibt noch ein paar Tage bei uns.
— Lasst uns einfach zusammen sein.
— Wir gehen spazieren, ins Theater, in ein Restaurant.
— Wir zeigen euch die Stadt.
— Ohne Ratschläge, ohne Belehrungen.
— Einfach als Familie.
— Einverstanden?
Pjotr Semjonowitsch, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, nickte.
— Einverstanden, Söhnchen.
— Wir haben verstanden.
Auch Galina Petrowna nickte und wischte sich die Tränen ab.
— Ich werde mich bemühen, — sagte sie.
— Wirklich.
— Ich habe nur…
— Ich bin es gewohnt, mich zu kümmern.
— Mein ganzes Leben habe ich mich um dich und deinen Vater gekümmert, dann wollte ich Enkelkinder…
— Aber ich verstehe.
— Ich verstehe es wirklich.
Tanja stand auf, ging zur Schwiegermutter und reichte ihr die Hand.
Galina Petrowna ergriff sie und zog sie in eine Umarmung.
— Verzeih mir, — flüsterte sie.
— Verzeih mir, mein Mädchen.
— Ich werde es nicht mehr tun.
Tanja erwiderte die Umarmung und spürte, wie die Anspannung, die sie eine ganze Woche lang zusammengedrückt hatte, endlich nachzulassen begann.
Am Abend aßen sie genau diese Würstchen.
Galina Petrowna schwieg und verzog nicht das Gesicht.
Pjotr Semjonowitsch erzählte eine lustige Geschichte über einen Nachbarn.
Witja machte Witze.
Tanja lächelte.
Und am nächsten Tag gingen sie tatsächlich alle zusammen in der Stadt spazieren.
Galina Petrowna gab kein einziges Mal einen Rat.
Kein einziges Mal sagte sie „Töchterchen“.
Einmal begann sie zwar: „Weißt du, Tanechka, wenn du…“, doch dann brach sie ab, biss sich auf die Zunge und lächelte schuldbewusst.
Tanja lächelte zurück.
Es war der erste Tag, an dem in ihrem Zuhause endlich Frieden einkehrte.



