— Du bist allein, Kinder gibt es keine.
— Mach die Wohnung für mich und sie frei…

— Ach, ich kann einfach nicht mehr, — seufzte die schöne Frau.
Den ganzen Tag hatte Anfisa bei ihrem Bruder Taras verbracht.
Seine Frau Larissa hatte vor Kurzem die kleine, bezaubernde Alina zur Welt gebracht, war aber selbst krank geworden.
Die fürsorgliche Schwägerin übernahm die Mühen mit dem Baby.
Die dreimonatige Nichte eroberte sofort das Herz ihrer Tante.
Die zarten Fingerchen, die runden Wangen und der schelmische Blick rührten sie zutiefst.
Anfisa behandelte das Mädchen wie ihr eigenes Kind.
— Ich muss ihr eine neue Rassel kaufen, — schoss es ihr durch den Kopf.
Zu Hause empfing sie das Zimmer mit angenehmer Kühle.
Anfisa warf ihre Tasche aufs Sofa und ließ sich erschöpft in den Sessel fallen.
Ihre Gedanken kehrten wieder zu Alina zurück.
Als sie auf die Uhr sah, bemerkte sie: Es war schon sechs, Zeit zu kochen.
— Mein Mann wird sich wieder verspäten, — stellte sie laut fest und stand auf.
Nachdem Anfisa schnell geduscht hatte, betrachtete sie ihr Spiegelbild und bemerkte bitter die ersten Spuren des Verblühens.
Sie zog bequeme Hauskleidung an, Hausmäntel konnte sie nicht ausstehen, ging ins Wohnzimmer und wäre beinahe gestürzt, weil sie über die Spielsachen stolperte, die der kleine Wildfang Wowa, der Sohn ihrer Schwägerin, verstreut hatte.
— Verdammtes Kind, — murmelte sie und sammelte den Plastikmüll ein.
Der fünfjährige Neffe ihres Mannes war oft zu Gast.
Artjom liebte ihn über alles und kümmerte sich um ihn wie um seinen eigenen Sohn.
In der Küche klirrte Geschirr.
Anfisa begann zu kochen, als plötzlich die Wohnungstür zuschlug.
Die Hausherrin hob erstaunt die Augenbrauen, denn ihr Mann war ungewöhnlich früh zurück.
— Liebling, ich bin gerade erst von meinem Bruder zurück, — rief sie aus der Küche.
— Es ist noch nichts fertig.
— Wenn du Hunger hast, können wir in eine Pizzeria gehen.
— Wir müssen ernsthaft reden, — kam es als Antwort.
Das Wort „ernsthaft“ verhieß selten etwas Gutes.
Anfisa trocknete sich die Hände ab und ging ins Wohnzimmer.
Ihr Mann saß auf dem Sofa und sah sie seltsam an.
Sie setzte sich schweigend ihm gegenüber in den Sessel und hob die Augenbrauen — als Zeichen, dass sie bereit war zuzuhören.
— Ich habe eine andere, — sagte der Mann ruhig.
Die Nachricht überraschte Anfisa nicht, sie hatte schon lange geahnt, dass etwas nicht stimmte.
— Scheidung? — fragte sie sofort und versuchte, den weiteren Verlauf vorherzusehen.
— Sie heißt Miroslawa.
— Sie ist schwanger.
— Glückwunsch! — sagte Anfisa und konnte nur mit Mühe harte Worte zurückhalten.
— Endlich hast du erreicht, was du wolltest, jetzt gibt es einen rechtmäßigen Erben.
— Ich hoffe, diesmal klappt alles, — fügte sie mit eisiger Höflichkeit hinzu.
Anfisa konnte keine Kinder bekommen, und dieses Thema hatte ihre Familie mehr als einmal zerrissen.
Artjom selbst schien ein guter Mensch zu sein, und sie glaubte, Glück gehabt zu haben, sich in einen klugen und aufmerksamen Mann verliebt zu haben.
Andere beneideten sie, ohne zu wissen, welchen Preis dieses Glück hatte.
— Du wirst ausziehen müssen, — sagte er weiterhin ruhig.
— Du bist allein, Kinder gibt es keine, so eine große Wohnung brauchst du nicht.
— Mach sie für mich und das Kind frei.
— Und für die Geliebte, — fügte Anfisa hinzu.
— Für Miroslawa, — präzisierte Artjom und hob den Blick zu seiner Frau, während er auf eine Antwort wartete.
Tränen rollten über Anfisas Wangen.
Sie hatte so sehr davon geträumt, dem Mann, den sie einst wahnsinnig geliebt hatte, ein Baby zu schenken, zwei, drei…
Doch das harte Urteil der Ärzte hatte ihre Hoffnungen durchgestrichen.
— Ich bin nicht schuld daran, dass ich unfruchtbar bin! — rief sie, sprang auf und wischte sich die Tränen ab.
— Du wusstest, dass es früher oder später so kommen würde, — erwiderte ihr Mann, und seine Stimme begann in ein Schreien umzuschlagen.
— Ich brauche mein eigenes Kind.
— Mein eigenes, nicht eines aus dem Heim!
Anfisa verstand ihn.
Sie erinnerte sich daran, wie liebevoll Artjom mit seinem Neffen spielte.
Er vergötterte Kinder, aber eigene hatte er nicht.
— Dann Scheidung? — fragte die Frau und hielt ihr Schluchzen kaum zurück.
— Ja.
— Aber jetzt musst du die Wohnung freimachen, — wiederholte er emotionslos.
— Wann? — fragte Anfisa leise und senkte den Blick.
— Von mir aus sofort, — zuckte er mit den Schultern.
— Du kannst in meine kleine Wohnung ziehen.
Diese Wohnung im Erdgeschoss hasste sie von ganzem Herzen wegen der ständig zugezogenen Vorhänge, denn direkt darunter verlief ein Fußweg.
Aber genau dort hatten sie die ersten drei Jahre nach der Hochzeit gelebt, bevor sie in die geräumige Wohnung umgezogen waren, und die kleine Wohnung stand seitdem leer.
„Nun ja, ich habe es wirklich gewusst, ich wollte es nur nicht glauben, aber ich wusste es“, dachte Anfisa, als sie ins Schlafzimmer ging.
Ihre Seele schmerzte.
„Kinder… Bin ich denn schuld daran?“, dachte sie, und der Schmerz über ihre eigene Unvollkommenheit stach scharf.
„Warum ich?“, fragte sie sich, während sie den Reisekoffer hervorholte.
„Ja, sie brauchen eine geräumige Wohnung, und mir reicht die kleine.“
„Schade…“
Zwanzig Minuten später kam Anfisa aus dem Schlafzimmer.
Auf ihrem Gesicht waren keine Tränen mehr.
Sie wandte sich von ihrem Mann ab, weil sie ihn nicht sehen wollte, und sagte leise:
— Den Rest hole ich später.
Und im Flur fügte sie hinzu:
— Wenn ihr nicht da seid.
— Soll ich helfen? — fragte Artjom und trat widerwillig näher.
— Ich komme allein zurecht, — schnitt sie scharf ab.
Sieben Jahre Ehe — und das war nun das Ende, schoss es ihr matt durch den Kopf.
„Vielleicht hat er mit dieser…“, Anfisa wollte ihren Namen nicht aussprechen, „Geliebten mehr Glück.“
Sie lächelte bitter und verließ die Wände, die einst ihr Zuhause gewesen waren.
Der kalte Wind peitschte ihr ins Gesicht, als Anfisa zum Auto ging, den Kofferraum öffnete und den Koffer hineinwarf.
Als sie sich ans Steuer setzte, bemerkte sie, wie ihre Finger leicht zitterten.
Wieder liefen Tränen über ihre Wangen.
— Ich bin nicht schuld, — flüsterte sie durch ihr Schluchzen.
— Nicht schuld…
Ihre Gedanken verwirrten sich.
Gestern noch schien ihr Leben geordnet, heute war alles zusammengebrochen.
Artjom, ihr geliebter Mann, hatte sie einfach so, ohne Entschuldigung, aus dem Haus geworfen.
— Und für wen?
— Für eine Geliebte! — ihre Finger krallten sich ins Lenkrad.
— Er hatte Angst, es früher zu sagen, er wusste, dass ich mich weigern würde.
— Aber eine Schwangere…
— Na gut, viel Glück euch…
— Obwohl ich angesichts deiner Großzügigkeit mit Wohnraum bezweifle, dass dieses Glück lange halten wird, — murmelte sie wütend.
Sie drehte den Schlüssel, und der alte Lada brummte auf.
Anfisa trat aufs Gas und fuhr los.
Vor ihr lag die Mietwohnung, in der sie einst mit ihrem Mann so glücklich gewesen war.
Erinnerungen überfluteten sie wie eine Flutwelle.
Da waren sie, Artjom und sie, jung, sorglos, wie sie in diese kleine Wohnung einzogen.
Sie lachten, während sie Kisten mit ihrem einfachen Besitz auspackten.
Der Weg führte ins Unbekannte.
— Wir werden eine große Familie haben, — sagte Anfisa damals und blickte in die Ferne.
— Natürlich, mein Sonnenschein, — lächelte Artjom.
— Eine ganze Fußballmannschaft!
Doch die Wirklichkeit erwies sich als grausam.
Die ärztliche Diagnose klang wie ein Urteil.
„Unfruchtbarkeit“ — dieses Wort hinterließ eine tiefe Narbe in ihrer Seele.
Damals schien der jungen Frau alles vorbei zu sein.
Doch neben ihr gab es Menschen, die ihr die Hand reichten.
Artjom verließ sie nicht und wiederholte immer wieder, dass Kinderlosigkeit nicht das Ende der Welt sei, dass viele so lebten und dass sie es schaffen würden.
Tante Nadeschda wurde zu einer echten Stütze.
Sie selbst war kinderlos und hatte es dennoch geschafft, ein Mädchen aus dem Heim zu adoptieren.
— Gib nicht auf, meine Liebe, — sagte Tante Nadeschda.
— Das Leben geht weiter.
— Liebe misst man nicht an gemeinsamen Genen.
— Schau mich und Lisa an.
— Aber Artjom…
— Er will doch so sehr ein eigenes Kind, — zweifelte Anfisa.
— Seine Angst spricht, nicht sein Verstand, — schüttelte die Tante den Kopf.
— Eigen ist derjenige, den man liebt und großzieht.
— Blut ist nur Biologie.
— Wahre Vaterschaft liegt im Herzen.
Ihr Glaube war ansteckend.
Allmählich begann Anfisa, sich aus der Dunkelheit herauszukämpfen.
In ihrem Kopf entstand der Gedanke: Warum sollten sie nicht auch adoptieren?
Doch als Artjom den Vorschlag hörte, explodierte er.
Seine Worte brannten sich für immer in ihr Gedächtnis ein:
— Ich brauche nur mein eigenes Kind!
— Ein fremdes dulde ich nicht im Haus!
— Das ist nicht dasselbe!
Nach diesem Gespräch wurde das Thema Adoption geschlossen.
Doch in Anfisas Seele setzte sich ein Zweifel fest.
„Was, wenn die Ärzte sich geirrt haben?“
„Vielleicht liegt es gar nicht an mir?“
„Aber Artjom will von einem Arztbesuch nichts hören.“
„Was soll ich tun?“, quälte sie sich.
Ein paar Jahre nach der Hochzeit war die Glut der Liebe noch nicht erloschen, doch der Durst nach Mutterschaft überschattete für eine Weile ihren Verstand.
Der nagende Zweifel an männlicher Unfruchtbarkeit fraß sie von innen auf.
So kehrte Mark in Anfisas Leben zurück — ein Mensch aus der Vergangenheit.
Ihre geheimen Treffen dauerten mehrere Monate.
Das Wunder geschah nicht — sie wurde nicht schwanger.
Dann wurde Mark von Denis abgelöst.
Die Geschichte wiederholte sich.
Anfisa dachte schon über einen dritten Mann nach, kam aber rechtzeitig zur Besinnung und erkannte die Sinnlosigkeit.
Sie ekelte sich vor sich selbst.
Wozu das alles?
Wegen einer gespenstischen Chance, ein Kind zu bekommen?!
Sie hielt an und erlaubte sich nicht, ihre Würde endgültig zu verlieren.
Im Auto kehrten ihre Gedanken wieder zu Artjom zurück.
Einst hatte sie ihn vergöttert.
Sie schätzte seinen Verstand, seine Zärtlichkeit, seine Güte.
Wer hätte gedacht, dass er so handeln würde?
Doch selbst jetzt fand Anfisa noch Rechtfertigungen für seine Tat.
Sie verstand, warum er sich eine Geliebte genommen hatte.
Und warum diese ein Kind von ihm erwartete.
— Du wolltest ein Kind, du bekommst es.
— Aber warum hast du es nicht früher gesagt?
— Ich hätte der Scheidung nicht im Weg gestanden… — flüsterte sie und sah auf den nassen Asphalt.
— Feigling.
— Ein ganz gewöhnlicher Feigling.
Tief in ihrer Seele bewahrte die Frau Dankbarkeit gegenüber ihrem Mann für die hellen Momente der Vergangenheit, doch nun versank diese Dankbarkeit in einem Meer aus Schmerz und Verrat.
Der Abend hüllte die Stadt ein, und die Lichter gingen an.
Die Stille wurde nur vom Rauschen der Reifen auf dem Asphalt unterbrochen.
Das Auto rollte sanft vor das alte fünfstöckige Haus.
Nachdem sie geparkt hatte, blickte Anfisa aufmerksam auf das Haus, in dem sie nun leben sollte.
— Seltsam… — in den Fenstern der Wohnung brannte Licht.
Den Koffer ließ sie im Auto.
Stirnrunzelnd ging die Frau zum Hauseingang.
Die abblätternden Wände rochen nach Feuchtigkeit und altem Putz.
Vor ihrer Tür drückte sie auf die Klingel.
Hinter der Tür erklangen schnelle Schritte, das Schloss klickte.
Auf der Schwelle stand eine hübsche Blondine in einem flauschigen Morgenmantel.
— Guten Abend, was möchten Sie? — fragte die Unbekannte mit betont höflicher Stimme.
Anfisa erstarrte.
— Verzeihen Sie, aber wer… sind Sie? — brachte sie hervor und spürte, wie ihre Fingerspitzen kalt wurden.
Die Blondine hob erstaunt die Augenbrauen, als wäre die Frage der Gipfel der Lächerlichkeit.
— Ich wohne hier.
— Und Sie?
— Ich bin Anfisa.
— Die Frau des Eigentümers dieser Wohnung.
— Und Sie? — Anfisas Stimme bekam eine metallische Festigkeit.
— Ach, so ist das! — die Blondine zögerte, und ihr Lächeln wurde angespannt.
— Kommen Sie bitte herein…
In dem engen Flur herrschte ordentliche Sauberkeit: Im Schrank hing fremde Kleidung, auf dem Boden standen ordentlich unbekannte Schuhe.
Anfisa ließ den Blick durch den Raum wandern und blieb an jedem Detail hängen.
— Mein Mann und ich haben diese Wohnung vor Monaten gemietet, — erklärte die Blondine hastig und fing ihren Blick auf.
— Hier ist der Mietvertrag für zwei Jahre.
Das Mädchen reichte ihr das Dokument.
Anfisa überflog die wichtigsten Punkte und erkannte die Unterschrift ihres Mannes.
Auf ihrem Gesicht spiegelte sich beherrschte Wut.
— Verflucht soll er sein! — zischte sie durch zusammengebissene Zähne.
Die Blondine wich erschrocken zurück.
— Stimmt etwas nicht?
— Das ist nicht Ihre Schuld.
— Ich meine meinen „Göttergatten“, — erklärte Anfisa und gab die Papiere schroff zurück.
— Tee? — Das Mädchen machte einen Schritt in Richtung Küche und wollte die Situation offenbar entschärfen.
— Danke, nein.
— Ich gehe, — sagte Anfisa, drehte sich zur Tür und sah die Gastgeberin nicht mehr an.
Die Wolken zogen sich dicht zusammen, und große Tropfen trommelten auf das Dach ihres Autos.
Die Frau atmete dumpf aus und lehnte die Stirn an das kühle Glas.
Der Tag war endgültig zusammengebrochen.
„Was jetzt?“, schoss es ihr durch den Kopf.
„Nach Hause zurückkehren und eine Szene machen?“
Doch Schreien konnte sie nicht, weshalb sie schon in ihrer Jugend den Spitznamen „Teig“ bekommen hatte — nicht wegen ihrer Figur, sie war schlank, sondern wegen ihrer scheinbaren Weichheit und Nachgiebigkeit.
— Das wirst du noch bereuen, — Anfisas Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln.
Der Regen peitschte stärker und lief in Strömen über die Windschutzscheibe.
Ihre Gedanken waren verwirrt, formten sich aber allmählich zu einer klaren Linie.
Anfisa erinnerte sich daran, wie ihr Vater ihr mit Mühe verborgenen Gefühlen die Schlüssel zu dieser Wohnung übergeben hatte, in der sie mit ihrem Mann vier Jahre gelebt hatten.
Es war ein großzügiges Geschenk gewesen, die letzte große Investition in ihr Glück.
Sie wusste, wie sehr er am Elternhaus hing, doch die Großeltern waren nicht mehr da, und zur Datscha fuhren die Eltern nur selten.
Also verkaufte er die Immobilie und kaufte seiner Tochter eine Dreizimmerwohnung im Zentrum.
Plötzlich kam ihr eine Erkenntnis.
Sie startete den Motor und jagte durch die nächtlichen Straßen, nun genau wissend, wohin sie musste.
Bald stieg ihre schlanke Gestalt aus dem Auto, hielt eine leuchtende Tortenschachtel in den Händen, ging in den dritten Stock eines vertrauten Hauses und drückte auf die Klingel.
— Wen hat es denn da hergeweht? — erklang eine unzufriedene Stimme hinter der Tür.
Die Tür öffnete sich.
Auf der Schwelle stand Julija mit roten Haaren und einem ausgeleierten Pullover.
— Anfis?!
— Was führt dich denn hierher? — rief sie und lächelte breit.
— Hallo, Julja.
— Lässt du mich übernachten? — in Anfisas Stimme lag eine müde Bitte.
Die Freundin trat sofort zur Seite und lud sie mit einer Geste ein, hereinzukommen.
— Komm rein, natürlich.
— Was ist passiert?
— Deine Augen…
Schon im Flur spürte Anfisa den warmen Duft von frischem Tee und etwas Hausgemachtem.
— Tante Anfisa! — piepste eine fröhliche Kinderstimme.
Die kleine lockige Polina stürzte los, um den Gast zu umarmen.
Anfisa strich dem Kind liebevoll über den Kopf.
— Hallo, meine kleine Libelle.
— Wie geht es dir?
Das Mädchen klatschte in die Hände, als es die Schachtel bemerkte.
— Oh, Torte!
— Darf ich ein Stück?
— Gleich jetzt?
Julija schüttelte streng, aber liebevoll den Kopf.
— Erst Abendessen, du Wirbelwind.
— Danach gibt es Süßes.
— Abgemacht?
Einige Minuten später saßen die Frauen in der Küche.
Anfisa seufzte und nahm einen Schluck heißen Tee.
— Artjom, dieser geniale Stratege, hat seine Einzimmerwohnung vermietet, ohne mich auch nur zu warnen.
— Zynischer Mistkerl!
Die Freundin pfiff leise und legte den Löffel beiseite.
— Wow…
— So viel Feuer aus dem Mund unseres „Teigs“!
— Und wie geht es dir?
Anfisa lächelte bitter.
— Wie sich herausstellt, bin ich jetzt eine Person ohne festen Wohnsitz.
Die Rothaarige sah ihrer Freundin aufmerksam in die Augen.
— Bleib so lange, wie du brauchst.
— Platz ist genug, mein Mann ist ja abgehauen, und Gott sei Dank, ohne ihn atmet es sich freier.
Anfisa nickte dankbar, und plötzlich erhellte eine Idee ihr Gesicht.
— Hör mal, darf ich Polina heute mitnehmen?
— Zum Übernachten?
Als das Mädchen, das gerade Suppe löffelte, das hörte, sprang es freudig auf dem Stuhl auf.
— Hurra!
— Zu Tante Anfisa!
— Mama, darf ich?
— Bitte, bitte! — sie war schon dabei, vom Stuhl zu springen, um ihre Sachen zu packen.
Die Gastgeberin kratzte sich nachdenklich an der Nase und lächelte.
— Ich habe nichts dagegen, dann schlafe ich wenigstens einmal wie ein Mensch.
— Ausgezeichnet! — Anfisa stand auf, und die Energie kehrte zu ihr zurück.
— Dann los, Prinzessin!
— Echte Abenteuer beginnen jetzt!
Mit freudigem Geschrei rannte Polina in ihr Zimmer.
— Danke dir, mein Sonnenschein.
— Ich erkläre es später, — sagte Anfisa, beugte sich vor und küsste ihre Freundin auf den Scheitel.
Zehn Minuten später sprang das aufgeregte Mädchen ins Auto und setzte sich in seinen Kindersitz.
Anfisa ließ die Gurte sicher einrasten und rückte die Tasche mit den Sachen der Kleinen näher heran.
— Kennst du die Regeln noch? — fragte die Frau streng, aber warm, während sie in den Rückspiegel sah.
Das Mädchen nickte ernst und machte große Augen.
— Ja, Tante Anfisa!
— Still sitzen, den Gurt nicht öffnen und den Fahrer nicht stören.
— Ich werde mich gut benehmen!
— Kluges Mädchen, — Anfisa lächelte.
— Dann fahren wir!
Eine halbe Stunde später kamen sie am Haus an.
Nachdem Anfisa geparkt hatte, half sie dem Kind schnell, sich abzuschnallen, und zusammen rannten sie vor dem Wolkenbruch zum Eingang.
Auf der richtigen Etage holte Anfisa mit fester Hand den Schlüssel heraus und öffnete die Tür.
Wie auf ein Signal hin erschien Artjom im Flur.
Zerzauste Haare, ein zerknittertes Hemd und nackte Füße verrieten deutlich, dass er sich gerade ausgeruht hatte.
— Was soll das?
— Warum bist du zurückgekommen? — stieß er erschrocken hervor und warf einen misstrauischen Blick auf das Mädchen, das sich an Tante Anfisas Bein drückte und ihre Sandalen auszog.
— Ich bin in mein eigenes Zuhause gekommen, Liebchen, — entgegnete Anfisa kalt und mit betonter Nachlässigkeit, während sie ihren nassen Mantel auszog.
— Muss ich das etwa erklären?
Die kleine Polina funkelte erschrocken mit den Augen und huschte in das vertraute Zimmer mit den Spielsachen.
— Was zum Teufel! — empörte sich der Mann und machte einen Schritt nach vorn.
— Du hast hier nichts verloren!
— Klar?
— Verschwinde!
Anfisa ignorierte seine Worte, als wären sie nur lästiger Lärm.
Stolz hob sie das Kinn und ging in die Küche, aus der Licht strömte und Essensgeruch kam.
Dort, umgeben von schmutzigem Geschirr, thronte dieselbe Miroslawa, die beschlossen hatte, ihren Platz einzunehmen.
Die stark geschminkte Person tat so, als bemerke sie die Hausherrin nicht, und vertilgte mit Appetit ein Butterbrot mit Kaviar — offensichtlich aus Anfisas Vorräten.
— Wie rührend, — Anfisas Stimme klang wie ein eisiges Glöckchen.
— Ihr feiert also auf meine Kosten?
— Schmeckt der Kaviar?
— Ein ziemlich teurer Spaß für… einen vorübergehenden Gast.
Miroslawa erstarrte für einen Moment, biss dann aber demonstrativ noch ein größeres Stück ab.
— Bleibst du lange? — mischte sich Artjom endlich ein und rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her.
— Wegen deiner Sachen?
— Soll ich beim Packen helfen?
Sein Ton versuchte geschäftlich zu klingen, doch das Zittern in seiner Stimme verriet ihn.
Anfisa drehte sich langsam zu ihm um, ihr Blick wie ein Skalpell.
— Bezaubernd.
— Hast du vergessen, wem diese Wohnung gehört?
— Mir.
— Gekauft mit meinem Geld, während du…
— Womit warst du damals noch beschäftigt?
— Ach ja, mit „vielversprechenden Projekten“.
— Na und? — Artjom versuchte, Luft zu holen.
— Du hast keine Kinder, und Miroslawa… — er nickte in Richtung ihres Bauches, — ist schon im fünften Monat.
— Es ist schwer für sie!
— Ja? — Anfisa beugte sich mit übertriebenem Interesse zu Miroslawa.
— Glückwunsch.
— Obwohl es ehrlich gesagt eher so aussieht, als hätte sie sich den Bauch einfach angefuttert.
— Aber gut, — sie winkte ab, — mir ist das völlig egal.
— Eure Fortpflanzungsleistungen betreffen mich nicht mehr.
Artjom hustete nervös.
Miroslawa schnaubte, und Krümel flogen auf den Tisch.
— Hör zu, sei vernünftig, — begann Artjom zu plappern.
— Dir reicht doch ein Zimmer?
— Und wir brauchen bald mehr Platz…
— Für das Kinderbett…
— Halt den Mund, — schnitt Anfisa ihn mit einer solchen Betonung ab, dass Artjom instinktiv zurückwich.
Sie trat dicht an ihn heran, ihre Hand legte sich auf seine Wange — eine Geste voller falscher Zärtlichkeit.
— Wie oft hast du mir vorgeworfen, dass ich dir keinen Erben geschenkt habe.
— Erinnerst du dich?
— „Unvollständige Familie“, „Egoistin“… — ihre Stimme wurde süß wie Sirup.
— Nun ja…
— Glückwunsch zur Vollständigkeit.
Dann küsste sie ihn süß und lange direkt auf die Lippen.
Miroslawa verschluckte sich am Butterbrot und begann zu husten.
— Ich… ich helfe beim Packen! — stieß der verblüffte Artjom hervor und riss sich los.
— Du hast mir ewig Kinder vorgeworfen, — Anfisa sah ihn schon nicht mehr an und holte die Schlüssel hervor.
— Es ist mir egal, was du jetzt über mich denkst.
— Hier, — sie warf ihm die Schlüssel klirrend vor die Füße.
— Die Schlüssel zu deiner alten Einzimmerwohnung.
— Räum mein Revier.
— Sofort.
— Sie… sie ist besetzt, — murmelte Artjom und senkte den Blick auf den Boden.
— Vermietet…
— Vertrag…
Anfisas Augen verengten sich zu Schlitzen.
Eine laute Ohrfeige hallte durch den Flur.
— Du Schuft! — ihre Stimme, bis dahin ruhig, explodierte wie Donner.
— Also hast du mich in eine Wohnung geschickt, obwohl du wusstest, dass sie vermietet ist?
— Mit Absicht?
— Damit ich wie eine Idiotin dastehe und fremde Leute rauswerfe?!
— Anfis, beruhige dich… — begann Artjom und hielt sich die Wange.
— Mir ist egal, wohin ihr fahrt! — unterbrach sie ihn.
— Mietet euch für einen Tag irgendein Loch, dann sucht ihr euch etwas zur Miete.
— Oder fahrt gleich in die Entbindungsklinik.
— Da gibt es, wie man sagt, ein Bett.
Miroslawa lächelte schadenfroh und fand endlich ihre Stimme wieder.
— Deine eigenen Mieter kannst du ja nicht rauswerfen, es gibt doch einen Vertrag.
— Du liebst doch Verträge so sehr, Artjomtschik, oder?
— Wenn du sie rauswirfst, zahlst du eine Vertragsstrafe.
— Für drei Monate.
— Eine hübsche Summe, nicht wahr?
Artjoms Gesicht wurde purpurrot.
Miroslawa drückte sich an die Wand und verschwand schnell im Zimmer, als wäre sie beschäftigt.
— Hast du deine… Geliebte gehört? — Anfisa stand vor ihm, ganz wie eine gespannte Feder.
— Pack deine Sachen.
— Heute.
— Jetzt.
— Den Rest holst du am Freitag.
— Ohne Verspätung.
Sie stieß ihn hart gegen die Brust.
Er konnte sich kaum halten und prallte gegen die Wand.
— Wenn du nicht kommst, landet all dein Kram, all deine „Erinnerung“ an unser gemeinsames Leben, auf dem Müll.
— Du bist hier nicht gemeldet.
— Für mich bist du niemand.
— Luft.
— Raus mit dir!
Artjom trottete niedergeschlagen ins Schlafzimmer.
Miroslawa sprang sofort aus dem Zimmer und ließ sich in der Küche nieder, wo sie laut empört schimpfte.
— Die ist ja völlig durchgedreht!
— Wie hast du nur mit ihr gelebt, du Armer?
— So eine Hysterikerin!
— Und dieser Ton!
— „Meine Wohnung“…
— Wir werden hier bald die Hausherren sein!
Sie gackerte wie eine Glucke und beobachtete Artjom, der Koffer schleppte.
— Mira, hilf wenigstens bei irgendetwas, statt nur mit der Zunge zu klappern! — brüllte er und warf ein paar Hemden in die Tasche.
— Wegen dir ist das alles passiert!
— Wegen mir?! — kreischte Miroslawa.
— Du hast mich doch selbst hierhergebracht, mein Lieber!
— „Wir ruhen uns aus, solange sie weg ist“!
— Und jetzt bin ich schuld?
— Den Kaviar habe ich auch ganz allein gegessen?!
Nach einer halben Stunde angespannten Packens und Streitens verschwand das Paar schließlich.
Stille kehrte ein.
Anfisa lehnte sich an den Türrahmen und atmete tief ein, um das Zittern ihrer Hände zu beruhigen.
Langsam ging sie in die Küche.
Gedankenlos drehte sie das Wasser auf und begann, Fett von den Tellern zu schrubben — die mechanischen Bewegungen halfen ihr, sich zu beruhigen.
Der Schmutz, den die ungebetenen Gäste hinterlassen hatten, ärgerte sie, gab ihr aber zugleich einen Halt.
Nach ein paar Minuten hallte leichtes Trappeln kleiner Füße durch die Wohnung.
Polina rannte aus dem Zimmer und hielt ein buntes Blatt Papier in den Händen.
— Tante Fisa!
— Schau, was ich gemalt habe! — rief sie, sprang auf den Stuhl und reichte ihr feierlich die Zeichnung.
Ihre blauen Augen leuchteten vor echter Stolz.
Anfisa zuckte zusammen und löste sich aus ihren Gedanken.
Der Anblick des glücklichen Kindes und sein Vertrauen schmolzen das Eis in ihr.
Ein liebevolles, echtes Lächeln berührte ihre Lippen.
— Oh, wie schön!
— Zeig schnell her, mein Sonnenschein!
— Wen hast du denn gemalt?
— Hier ist Mama, — Polina tippte mit dem Finger auf eine Figur mit gelben Locken, — und hier bin ich!
— Sie zeigte auf die kleine Figur daneben.
— Und das bist DU! — ihr Finger blieb bei der größten Figur mit einem Lächeln bis zu den Ohren stehen.
— Das ist meine Familie!
— Die allerbeste!
Anfisa erstarrte.
Die Worte „meine Familie“, mit so aufrichtiger Wärme ausgesprochen, klangen wie Balsam.
Etwas tief in ihr zuckte, etwas Wichtiges und Zerbrechliches.
Trotz der ganzen Bitterkeit des Verrats überrollte sie eine Welle unerwarteten, reinen Glücks.
Sie umarmte das Mädchen fest und drückte es an sich.
— Gehen wir baden? — fragte Anfisa, und ihre Stimme klang ungewohnt weich.
— Mit Schaum und Schiffchen?
Polina quietschte vor Begeisterung.
— Ja!
— Ja!
— Ja!
— Mit rosa Schaum!
Ihr helles Lachen hallte fröhlich in der leer gewordenen, aber nicht mehr fremden Wohnung wider.
Anfisa lachte ebenfalls und hob das Mädchen leicht auf den Arm.
— Dann gehen wir den duftendsten Schaum aussuchen!
— Und ein Schiffchen suchen wir dir auch aus — das schnellste!
Sie gingen ins Badezimmer und ließen Angst und Wut hinter sich.
Draußen begannen sich die Wolken zu lichten, als würden sie den Stimmungswechsel begleiten.
Die letzten Sonnenstrahlen glitten schüchtern über die Wand und tauchten sie in warmes Licht.
Das helle Lachen und das Plätschern des Wassers füllten den Raum und lösten die schwere Spannung endgültig auf.
Als Anfisa in Polinas glückliches, vertrauensvolles Gesicht sah, verstand sie plötzlich ganz klar: Alles würde gut werden.
Sie würden es schaffen.
Zu dritt.
Denn jetzt hatte sie wirklich eine Familie.
Eine echte.



