Der Regen goss wie aus Eimern, als wollten die Himmel alles Menschliche von der Erde spülen.
Große Tropfen schlugen hart auf den Asphalt, spritzten in kleinen Fontänen empor, und der Gehweg verwandelte sich in einen reißenden Strom, bei dem jeder Schritt die Gefahr barg, auszurutschen oder in eine unsichtbare Pfütze zu treten.

Der Wind zerrte an der Kleidung, pfiff in den Ohren, als würde er sich über alle lustig machen, die ihm im Weg standen.
Tatjana ging schnell, fast rannte sie, obwohl ihre Beine sie kaum noch trugen.
Sie hielt Aljonkas kleine Hand fest umklammert, die hinter ihr herschlurfte und in ihren viel zu großen Stiefeln stolperte.
In der anderen Hand trug Tatjana Mischka — er war der Jüngere, aber gerade er schien ihr jetzt der Zerbrechlichste, der Schutzloseste.
Sein Kopf zuckte bei jedem Schritt, und seine Schluchzer entrangen sich seinem zitternden Mund.
Die Tasche, vollgestopft mit dem, was sie in der Eile hatte mitnehmen können, war längst durchnässt.
Der Riemen schnitt ihr in die Schulter, verursachte Schmerzen, doch sie schenkte ihnen keine Beachtung.
Stehenbleiben bedeutete aufgeben.
Aber aufgeben war keine Option.
Es gab kein Zurück: Die Wohnung der Schwester war für sie für immer verschlossen, nach dem heutigen Geschrei, den Demütigungen, den Anschuldigungen…
Nachdem Sergej wieder getrunken, sich blamiert und die letzte Brücke zwischen ihnen und einem normalen Leben zerstört hatte.
Hinter ihnen trottete Sergej wie ein Schatten.
Er versuchte nicht zu helfen, nicht zu beschützen.
Seine Schritte waren langsam, träge, als würde er mechanisch nur einen Fuß vor den anderen setzen.
Jeder seiner Schritte ging mit einem Platschen durch die Pfützen einher, in denen sich ein Himmel spiegelte, so düster wie sein Gesicht.
Manchmal murmelte er etwas wie: „Na, dann kann doch alles zur Hölle gehen“, aber diese Worte gingen im Prasseln des Regens unter und erreichten niemanden.
— Mama, mir ist kalt… — flüsterte Aljonka, ihre Stimme zitterte wie ein herbstliches Zweiglein.
Das Mädchen drückte eine durchnässte Puppe an sich, kein Spielzeug mehr, sondern ein formliger Stoffklumpen, der an ihrer Hand baumelte — wie ein Symbol der verlorenen Kindheit.
— Bald finden wir einen Ort, wo wir uns aufwärmen können, Liebling, — antwortete Tatjana und bemühte sich, dass ihre Stimme zuversichtlich klang.
Doch innerlich war sie am Zerbrechen.
Sie wusste — es gab kein „bald“, keinen Ort, wo sie sich hätten verstecken können.
Seit zwei Tagen irrten sie durch die Stadt, von einem bekannten Hauseingang zum nächsten, wie ein Ball, den niemand fangen wollte.
Wohin sollten sie gehen?
Wohin überhaupt, wenn man kein Geld, keine Papiere, keine Arbeit, kein Dach über dem Kopf hat?
Im Sozialamt wiederholte man nur: „Stellen Sie einen Antrag, warten Sie auf Ihren Termin.“
Ein Termin wofür?
Fürs Leben?
Als ob man das Leben nach Plan bekommen könnte!
Sie bogen in eine gottverlassene Gasse ein, in der selbst der Regen kälter schien.
Unter dem Vordach eines alten, fast verlassenen Lebensmittelladens mit rissigem Schild stand eine Bank — nass, schief, aber wenigstens teilweise vor dem Wind geschützt.
Tatjana setzte die Kinder darauf, zog ihre durchnässte Jacke aus und deckte sie mit ihr zu, wie mit einer Decke, der einzigen, die sie hatte.
Mischka schmiegte sich an sie, Aljonka legte den Kopf auf die Schulter ihres Bruders.
Ihre Gesichter waren bleich, die Augen rot — nicht nur vor Tränen, sondern auch vor Müdigkeit, Angst und Hilflosigkeit.
— Sergej, — rief sie leise und drehte sich um. — Wir müssen etwas tun.
Die Kinder können so nicht weiterleben.
Sergej lehnte an der Wand und starrte ins Leere.
Seine Haare klebten an seinem Kopf, die Jacke war nasser als die aller anderen zusammen.
Die Hände zitterten — ob vor Kälte oder wegen des Dauerkaters, war nicht zu sagen.
— Was soll ich denn tun? — brummte er, ohne sie anzusehen. — Kein Geld, keine Arbeit, keine Wohnung.
Das war’s, Tanja, wir sind am Ende.
Er spuckte in eine Pfütze, und diese Geste war so verzweifelt und hilflos, dass Tatjana ihn am liebsten geschlagen hätte — so fest, dass er aufwachte, zu sich kam, wieder der Mann wurde, den sie einst geliebt hatte.
Der, der Mischka auf den Schultern getragen hatte, Blumen an der U-Bahn kaufte, ihr vor der Arbeit einen Kuss auf die Wange gab, sagte, er würde ein Haus bauen, in dem die Kinder sicher und geliebt aufwachsen könnten.
Wo sie sich wie eine Ehefrau fühlen konnte — und nicht wie ein Opfer.
Doch vor ihr stand ein fremder Mann — mit aufgedunsenem Gesicht, gehetztem Blick, mit dem Geruch von Alkohol, der sich wie ein Brandmal in die Haut gefressen hatte.
Er musste kein Held mehr sein, es war einfacher für ihn, aufzugeben.
„Dann geh“, flüsterte sie, ihre Stimme bebte vor unterdrückter Wut. „Wenn du uns nicht helfen kannst, geh einfach.
Ich schaffe das alleine.“
Sergej zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen.
Für einen Moment flackerte in seinen vom Alkohol getrübten Augen etwas Lebendiges auf — Schmerz, Scham, Erinnerung.
Doch es verschwand sofort, verschluckt von der Leere.
„Wohin soll ich gehen?“, murmelte er. „Du weißt doch, ohne mich geht ihr ganz zugrunde.“
„Zugrunde?“, schrie Tatjana, ihre Stimme versagte.
Aljonka zuckte zusammen.
„Serjoscha, wir sind schon zugrunde gegangen!
Du hast die Wohnung versoffen, man hat uns auf die Straße gesetzt, und du redest mir von ‚ohne dich‘?!
Geh, hab ich gesagt!“
Tränen liefen über ihre Wangen, mischten sich mit dem Regen, aber sie spürte sie nicht.
Es tat innen mehr weh.
Von einem zerbrochenen Leben, von betrogener Liebe, von zerstörten Hoffnungen.
Sergej saß da, gebeugt, dann legte er den Kopf in die Hände.
„Verzeih mir, Tanja…“, flüsterte er, seine Stimme war kaum hörbar. „Ich wollte nicht… ich hab’s wirklich versucht…“
Tatjana drehte sich weg.
Sie wollte seine Tränen nicht sehen, wollte seine Ausreden nicht hören.
Sie konnte nicht verzeihen.
Nicht jetzt.
Nicht nach allem.
Doch die Kinder sahen sie an — Mischka hoffnungsvoll, Aljonka ängstlich.
Und sie wusste, dass sie sich jetzt nicht brechen lassen durfte.
Nicht jetzt.
Nicht hier.
„Mama, gehen wir nach Hause?“, fragte Mischka leise, seine Stimme zitterte.
Tatjana schluckte den Kloß im Hals hinunter.
Sie kniete sich vor ihren Sohn, nahm seine kleinen, vom Regen kalten Hände in ihre und zwang sich zu einem Lächeln.
„Bald, mein Schatz“, flüsterte sie. „Mama findet uns ein Zuhause.
Ich verspreche es.“
Sie stand auf, wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ab, blickte in die Ferne.
Der Regen hörte nicht auf, die Straße war leer, nur in der Ferne flackerte eine Ampel, als signalisiere sie die letzte Chance.
In ihrem Kopf drehte sich eine Adresse — ein Frauenhaus mit Kindern, von dem die Sozialarbeiterin erzählt hatte.
Es war kein Zuhause, es war ein Bett in einem Zimmer für sechs, aber dort war es warm, trocken und es gab wenigstens einmal am Tag etwas zu essen.
Besser als das Treppenhaus.
„Steht auf“, sagte sie fest, half den Kindern hoch. „Wir gehen an einen Ort.
Dort nimmt man uns auf.“
Aljonka klammerte sich an Mamas Hand, Mischka stand gehorsam auf, obwohl in seinen Augen Fragen standen, auf die sie keine Antworten hatte.
Auch Sergej stand auf, langsam, unsicher, als wüsste er nicht, ob er das Recht hatte, neben ihnen zu gehen.
„Tanja, ich gehe mit euch“, murmelte er. „Schick mich nicht weg.“
Sie sah ihn an.
In ihr kochte alles, aber sie hatte keine Kraft mehr zu streiten.
Nur weitergehen.
„Geh hinter uns her“, sagte sie kalt. „Aber wenn du wieder trinkst, Sergej, schmeiß ich dich raus.
Für die Kinder.“
Und sie gingen los.
Die Straße entlang, auf der sie eben noch vor Schreien, vor Scham, vor sich selbst geflüchtet waren.
Der Regen hörte nicht auf, aber jetzt ging Tatjana nicht mehr in Tränen, sondern mit Entschlossenheit.
Sie wusste nicht, was sie erwartete, aber eines wusste sie — für Mischka und Aljonka würde sie kämpfen.
Auch wenn die ganze Welt gegen sie war.
Nach einer Stunde standen sie vor der abgeblätterten Tür des Heims.
Das Gebäude war alt, mit abplatzender Farbe, aber aus den Fenstern strömte warmes Licht, so vertraut und ersehnt.
Eine etwa sechzigjährige Frau, die sich als Vera Iwanowna vorstellte, ließ sie herein, ohne unnötige Fragen zu stellen.
Drinnen roch es nach Suppe und Chlor — nicht angenehm, aber heimelig.
Die Kinder wurden sofort in den Spielraum gebracht, wo andere Kinder Türme aus Bauklötzen bauten.
Tatjana saß im Büro, hielt eine Tasse heißen Tee in den Händen, während Vera Iwanowna die Papiere ausfüllte.
„Bei uns ist es streng“, warnte die Frau, ohne von den Unterlagen aufzublicken. „Kein Alkohol, keine Schlägereien.
Sie werden Arbeit suchen, ich helfe beim Arbeitsamt.
Die Kinder kommen in den Kindergarten und in die Schule.
Aber hier wohnen darf man höchstens ein halbes Jahr.
Schaffen Sie das?“
Tatjana nickte.
Ein halbes Jahr.
Das war eine Frist.
Das war eine Chance.
Klein, aber real.
„Ich schaffe das“, sagte sie leise. „Für sie.“
Sergej saß in der Ecke, schwieg, starrte auf den Boden.
Vera Iwanowna warf ihm einen schrägen Blick zu, sagte aber nichts.
In der Nacht lag Tatjana auf einer schmalen Pritsche und lauschte, wie die Kinder auf dem Nachbarbett leise schnauften.
Der Raum war eng, die Mitbewohnerin schnarchte, aber hier war es warm und die Kinder waren satt.
Zum ersten Mal seit einer Woche hatte sie keine Angst, dass man sie auf die Straße werfen würde.
Doch der Schlaf kam nicht.
In ihrem Kopf kreisten Oljas Worte, Mutters Schreie, Wassilis Blick, voller Müdigkeit und Wut.
Sie wusste, dass ihre Schwester ihr diesen Abend nicht verzeihen würde.
Sie wusste, dass die Mutter alle anderen außer sich selbst beschuldigen würde.
Und sie wusste, dass Sergej, der auf einer Klappliege im Männerzimmer lag, höchstwahrscheinlich wieder rückfällig werden würde.
Doch in der Dunkelheit, zwischen fremdem Schnarchen und Bettgestöhne, spürte sie plötzlich etwas Neues.
Keine Hoffnung — dazu war es noch zu früh.
Aber Entschlossenheit.
Fest, ungebrochen.
Sie würde nicht mehr warten, bis jemand sie rettet.
Nicht vor der Mutter, nicht vor der Schwester, nicht vor Sergej.
Morgen würde sie zum Arbeitsamt gehen.
Morgen würde sie anfangen, die Unterlagen für die Unterstützung zusammenzustellen.
Morgen würde sie den ersten Schritt machen, damit Mischka und Aljonka nie wieder im Treppenhaus schlafen mussten.
Der Regen vor dem Fenster hatte aufgehört.
In der Stille schloss Tatjana die Augen und erlaubte sich zum ersten Mal seit Langem, frei zu atmen — tief, ruhig, wie ein Mensch, der nicht aufgegeben hat.



