Als Vera sich in der Abstellkammer versteckte, erstarrte sie, als ihr Sohn zurückkam, und lauschte seinem Telefongespräch.

Vera schaffte es, eine Sekunde bevor sich der Schlüssel im Schloss drehte, hinter die Tür der Abstellkammer zu schlüpfen.

Sie presste den Rücken gegen ein Regal mit Einmachgläsern, tastete von innen nach der Türklinke und zog sie so zu sich heran, dass nur ein fingerbreiter Spalt blieb, nicht mehr.

Sie atmete schnell und mit einem leichten Röcheln und hielt sich die Hand vor den Mund, weil es im Flur vollkommen still war und jedes Geräusch durch die Wohnung gehallt wäre.

Die Wohnungstür schwang auf.

Wadik hustete, trat in den Flur.

Durch den schmalen Spalt sah Vera seine Hände: zwei weiße Einkaufstüten, prall gefüllt, deren Schnurgriffe sich in seine Finger schnitten.

— Mama! — rief er.

— Bist du zu Hause?

Vera presste die Hand noch fester auf den Mund.

Vor all dem hatte Vera bereits das fünfte Jahr allein gelebt.

Kolja war plötzlich gestorben, wie es oft mit Menschen geschieht, die über ihren Schmerz schweigen: Das Herz hatte nicht standgehalten, und das war alles.

Das erste Jahr ohne ihn war das schwerste gewesen: Nicht die Trauer selbst hatte sie zerbrochen, sie konnte sich zusammenreißen, sondern die Stille in der Wohnung brachte sie an den Rand.

Kolja hatte beim Fernsehen so laut gelacht, dass man in der Küche jedes Wort hörte.

Im Badezimmer sang er furchtbar, verdrehte sowohl die Worte als auch die Melodie und schämte sich kein bisschen dafür.

Jetzt drang hinter der geschlossenen Badezimmertür nichts mehr hervor außer dem Brummen der Rohre, und dieses Brummen kam Vera ohrenbetäubend vor.

Ihre Tochter Sweta war schon in den ersten Tagen aus Jekaterinburg herbeigeeilt.

Sie blieb zwei Wochen: Sie räumte auf, kochte, setzte sich nachts zu ihrer Mutter aufs Bett und war einfach da, ohne Gespräche zu verlangen.

Das war kostbar.

Der Sohn jedoch war weder damals noch später aufgetaucht.

Wadik war schon seit elf Jahren weg, und Vera hatte längst aufgehört, laut zu erklären, warum, obwohl sie innerlich alles immer wieder wie eine abgenutzte Schallplatte abspielte.

Die Geschichte seines Weggangs war schmerzhaft und verworren gewesen, wie es eben ist, wenn man die Wahrheit zu lange unter den Teppich kehrt.

Wadik war schon als Kind schwierig gewesen: schroff, aufbrausend, mit Wutanfällen wegen jeder Kleinigkeit.

In der Schule kam er kaum mit, in der sechsten Klasse blieb er sitzen und schaffte es danach nur mit Ach und Krach mit Dreien weiter.

Seine Schwester Sweta war das genaue Gegenteil: ruhig, vorbildlich, brachte aus der Schule nur Bestnoten nach Hause.

Wadik war wütend auf seine Schwester, schnauzte bei Ermahnungen zurück, und Kolja verlor manchmal die Beherrschung, obwohl er sich mit aller Kraft zusammenriss.

Als Wadik neunzehn wurde, schickte Kolja ihn für den Sommer zu seiner Mutter, der alten Klawdija, in ein Dorf bei Rjasan.

Er dachte: Er soll mit den Händen arbeiten, den Geruch der Erde kennenlernen und sich vom städtischen Müßiggang den Kopf durchlüften lassen.

Klawdija war ein Mensch von harter Direktheit, sie konnte ihre Zunge nicht im Zaum halten und hielt das auch nicht für nötig.

Als Wadik im Gemüsegarten etwas vermasselte, warf sie ihm im Zorn hin:

— Na, was soll man von dir auch erwarten, du Findelkind.

Wadik kehrte noch am selben Tag nach Moskau zurück.

Er stellte seine Tasche in den Flur, ging in die Küche, setzte sich und fragte leise, fast ohne Betonung:

— Ist das wahr?

Vera sah Kolja an.

Kolja sah sie an.

Sie hatten schon lange vorgehabt, es ihm selbst zu sagen, wenn der richtige Moment käme, nur hatten sie es immer wieder aufgeschoben und sich gegenseitig eingeredet, es sei noch zu früh, er müsse noch ein wenig älter werden.

— Es ist wahr, — sagte Vera.

— Wir haben dich aus dem Säuglingsheim geholt, als du acht Monate alt warst.

Du hast furchtbar geschrien, die ganze Station auf den Kopf gestellt, aber als du uns gesehen hast, bist du verstummt und hast mich angestarrt.

Ich sagte damals zu Kolja: Er ist unserer, mehr geht nicht.

Wadik stand auf und ging in sein Zimmer.

Sie und Kolja saßen bis Mitternacht in der Küche und redeten über alles Mögliche, nur nicht darüber, weil sie nicht wussten, wie man darüber spricht.

Einige Tage später verschwand Wadik.

Er nahm das Geld mit, das sie und Kolja eigentlich für sein Zimmer im Wohnheim zurückgelegt hatten, um ihm im Herbst eine Überraschung zu machen.

Er bereitete seine Überraschung zuerst vor.

Kolja sprach kaum laut über ihn.

Abends saß er lange am Fenster und sah auf die Straße hinaus.

Vera sah, wie sehr er litt, aber sie wagte nicht, ihn mit Fragen zu bedrängen: Kolja hatte seine eigene Art, mit Schmerz umzugehen, nämlich durch Schweigen, und sie respektierte das.

Einige Jahre später hörte sein Herz auf zu schlagen.

Wadik tauchte ganz Anfang April auf.

Er klopfte vorsichtig, klingelte nicht, sondern klopfte wirklich, als sei er nicht sicher, ob man ihm öffnen würde.

Vera öffnete die Tür und stand einige Sekunden einfach nur da und sah ihn an: einen dreißigjährigen Mann mit sichtbaren Bartstoppeln, leicht gebeugt, in den Händen eine Tüte Mandarinen.

— Mama, — sagte er.

— Verzeih mir.

Ich habe mich damals dumm verhalten.

Ganz wie ein Junge.

Sie stand da und wusste nicht, was sie mit sich anfangen sollte.

— Ich möchte alles nachholen, — fügte er hinzu.

— Wenn du mir eine Chance gibst.

Sie umarmte ihn direkt auf der Schwelle.

Er erwiderte die Umarmung unbeholfen, stockend, wie Menschen umarmen, die lange ohne Umarmungen gelebt und vergessen haben, wie man das macht.

Beim Abendessen erzählte er: Er habe als Koch im ganzen Land gearbeitet, von Krasnodar bis Nowosibirsk, angefangen in billigen Imbissen, später habe er es bis in Restaurants geschafft.

Kochen konnte er tatsächlich gut.

Vera sah zu, wie geschickt er ein Hähnchen zerlegte, und dachte, dass das Leben offenbar seltsam eingerichtet war: Ein Mensch verschwindet für elf Jahre und kehrt dann zurück, um einem Frikadellen zu braten.

Er blieb bei ihr wohnen.

Er bezog sein altes Zimmer, verteilte seine Sachen in den Regalen, kochte morgens Brei oder Rührei.

Vera rief Sweta jeden Abend an.

— Er ist also zurückgekommen, sagst du, — Sweta schwieg am anderen Ende der Leitung.

— Und wie verhält er sich?

— Gut.

Höflich.

Er kocht großartig.

— Mama, bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?

Elf Jahre sind immerhin vergangen.

— Sweta, er ist mein Sohn.

Warum tust du so, als wäre er ein Fremder?

Sie rief Verwandte im ganzen Land an und erzählte allen: Wadik ist zurück, Wadik ist zu Hause.

Die Cousine aus Samara seufzte ins Telefon und sagte immer wieder, dass es keinen Rauch ohne Feuer gebe und Menschen nicht einfach so aus heiterem Himmel zurückkämen.

Vera antwortete, sie solle nicht unken, alles sei gut.

Ungefähr zwei Wochen später bemerkte Vera, dass sie viel stärker müde wurde als früher.

Abends fühlte es sich an, als hätte man ihr den Kopf mit Watte ausgestopft, und morgens war ihr übel.

Sie beschloss, dass es am Frühling lag: Vitaminmangel, Druckschwankungen, das Alter.

Mit sechzig ist die Gesundheit an sich schon eine unzuverlässige Sache, da gab es nichts Konkretes zu beklagen.

Das Wichtigste war, dass ihr Sohn bei ihr war.

Sweta fragte abends, wie es ihr gehe.

Vera antwortete, es sei alles normal, sie werde nur ein wenig müde, aber das werde vorübergehen.

— Vielleicht gehst du zum Arzt?

— Ach was, soll ich wegen jeder Müdigkeit in die Poliklinik rennen?

Dort wartet man zwei Wochen auf einen Termin, das geht von allein vorbei.

Es ging nicht vorbei.

Die Übelkeit nahm zu, und gegen Mittag wurde ihr Kopf schwer.

Vera nahm Vitamine, brühte Hagebuttentee auf und versuchte, sich nicht hineinzusteigern.

In jener Nacht wachte sie sehr früh auf, noch vor sechs Uhr.

Vor dem Fenster zog sich ein grauer Aprilhimmel hin, auf der Straße war niemand.

Ihr Mund war so ausgetrocknet, dass sie nur schwer schlucken konnte, sie stand auf, zog Hausschuhe an und ging in die Küche, um Wasser zu trinken.

Im Flur machte sie kein Licht an: Sie kannte die Wohnung auswendig, jede Biegung.

Kurz vor der Küche blieb sie stehen.

Wadik stand am Herd.

Eine Herdplatte brannte unter einem kleinen Topf mit Brei.

Er hielt ein kleines Zellophantütchen mit irgendeinem Pulver in der Hand und schüttete es vorsichtig in den Topf.

Dann nahm er einen Löffel und rührte gründlich um.

Vera wich rückwärts den Flur entlang zurück.

Sie ging bis ins Schlafzimmer, legte sich aufs Bett und zog die Decke über sich.

Sie lag da und starrte mit offenen Augen an die Decke.

Einige Minuten später knarrte die Schlafzimmertür.

Sie kniff die Augen zu und atmete gleichmäßig, als würde sie schlafen.

Sie spürte, wie Wadik sie von der Tür aus ansah.

Er stand da.

Dann schloss er die Tür.

Die Wohnungstür fiel ins Schloss.

Vera öffnete die Augen.

Draußen dämmerte es.

Sie lag da und ging im Kopf die Daten durch: Wann genau hatte sie angefangen, sich krank zu fühlen, wann war die Übelkeit gekommen, wann hatte sich diese bleierne Müdigkeit auf sie gelegt.

Sie rechnete zurück.

Es kam genau auf die Tage hinaus, seit Wadik hier eingezogen war und das Kochen übernommen hatte.

Sie stand auf, zog sich an und beschloss, zu ihrer Nachbarin Tamara im dritten Stock zu gehen: Sie war ein vernünftiger Mensch, redete nicht unnötig und konnte eine Situation ohne überflüssige Tränen einschätzen.

Vera zog gerade im Flur ihren Mantel an, als sich der Schlüssel im Schloss drehte.

Sie begriff nicht einmal richtig, wie sie in der Abstellkammer landete.

Durch den Spalt beobachtete Vera, wie Wadik sein Telefon herausnahm und ans Ohr hielt.

— Hallo.

Ja, ich bin schon zu Hause.

— Pause.

— Nein, die Alte ist irgendwohin verschwunden, sie ist nicht da.

Er ging durch den Flur.

— Reg dich nicht auf, ich sag’s dir doch.

Sie hat nicht mehr lange.

Sie denkt bestimmt, es sei Vitaminmangel oder der Blutdruck.

Er schnaubte.

— Wenn alles vorbei ist, verkaufen wir die Wohnung schnell, das ist keine große Sache, und ich komme sofort zu dir.

Dann leben wir richtig!

Vera stand reglos da, hielt die Hand vor den Mund und sah durch den Spalt auf ihren Sohn.

— Verdammt, ich habe schon wieder vergessen, in die Apotheke zu gehen, — sagte er gereizt.

— Ich muss jetzt wieder loslatschen.

Er fluchte.

— Na gut, ich bin bald da, warte auf mich.

Die Tür fiel ins Schloss.

Auf der Treppe verklangen seine Schritte.

Vera trat aus der Abstellkammer und blieb mitten im Flur stehen.

Lange stand sie so da und sah auf seine Jacke an der Garderobe, auf seine Schuhe an der Schwelle, auf die Schlüssel zum oberen Schloss auf dem kleinen Regal.

Das untere Schloss ließ sich nur mit ihrem Schlüssel schließen, und einen Ersatzschlüssel hatte sie niemandem gegeben.

Ihre Tasche packte sie in zwanzig Minuten.

Dokumente, Rentenausweis, ein kleines Foto von Kolja im Rahmen.

Sie rief Sweta an.

— Mama, warum rufst du so früh an? — Sweta gähnte ins Telefon.

— Weißt du, Sweta, ich denke gerade, ich nehme einfach den Zug und komme zu dir.

Ich habe Sehnsucht.

— Komm natürlich.

Wann?

— Heute.

— Heute?! — Sweta war mit einem Schlag ganz wach.

— Und Wadik?

Er soll auch mitkommen, ich möchte meinen Bruder endlich sehen.

— Wadik ist zum Arbeiten weggefahren, um etwas dazuzuverdienen.

Er ist im Moment nicht da.

Ich komme allein.

— Gut, schreib mir die Zugnummer, ich hole dich ab.

Vera legte das Telefon weg.

Sie nahm Wadiks Sachen, die sich in einem Monat angesammelt hatten, einige T-Shirts, den Rasierer, ein zerlesenes Buch, legte alles sorgfältig in seine Tasche und zog den Reißverschluss zu.

Sie stellte die Tasche draußen auf den Treppenabsatz vor der Tür.

Dann holte sie einen Zettel und einen Kugelschreiber aus der Tasche.

Langsam und deutlich schrieb sie:

„Wadik.

Ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt und werde dich offenbar immer lieben, obwohl du es nicht verdient hast.

Gerade deshalb gehe ich nicht zur Polizei.

Aber ich will dich nicht mehr sehen.

Niemals.

Mama.“

Sie faltete den Zettel und legte ihn auf die Tasche.

Dann ging sie hinaus.

Sie schloss die Tür mit ihrem Schlüssel am unteren Schloss ab.

Den Schlüssel steckte sie in die Manteltasche.

Bis zur Metrostation „Wychino“ fuhr sie mit dem Bus.

Sie stieg in die U-Bahn hinab, stellte sich in den Wagen und sah nicht auf die Werbung über den Türen, sondern auf ihr Spiegelbild in der dunklen Scheibe.

Der Zug ruckte an und fuhr los.

Bis zum Kasaner Bahnhof war es nicht weit, mit Umstieg an der Station „Taganskaja“.

Auf dem Bahnsteig war es leer und hallend.

Sie kaufte ein Ticket nach Jekaterinburg für den Tageszug, fand eine Bank im Wartesaal und setzte sich.

Neben ihr fütterte ein Mann Tauben mit Brötchenkrümeln.

Die Tauben drängelten und trippelten mit den Füßen.

Vera saß da und dachte, dass sie Sweta doch alles erzählen musste.

Nicht heute, nicht gleich an der Tür, aber sie musste es erzählen.

Sweta war klug, sie würde es verstehen und nicht unnötig jammern.

An Wadik versuchte sie überhaupt nicht zu denken.

Es gelang ihr schlecht.

Sweta empfing sie auf dem Bahnsteig in Jekaterinburg, kam fast gelaufen und umarmte sie sofort, fest, noch bevor irgendwelche Worte fielen.

Vera vergrub das Gesicht an der Schulter ihrer Tochter und schloss die Augen.

— Mama, — sagte Sweta leise.

— Was ist passiert?

— Ich erzähle es später, — antwortete Vera.

— Lass uns erst nach Hause gehen.

Sie gingen gemeinsam über den Bahnsteig, Sweta trug ihre Tasche.

Eine sanfte Morgensonne schien.

Vera ging und dachte daran, dass dort in Moskau, in der Abstellkammer auf dem oberen Regal, noch ein Glas Kirschmarmelade stand, eingekocht im letzten August.

Sie hatte es für den Winter aufgehoben und doch nie geöffnet.

Na und, dann soll es eben dort stehen.

Das Glück liegt nicht in der Marmelade.