— Der Ehemann kam mit der Polizei zurück, doch er selbst wurde direkt an der Tür verhaftet.
— Gibt es was zu fressen?
Sergejs Stimme traf Nadja im Rücken, noch bevor die Tür zuschlug.
Nadja drehte sich nicht um.
Sie stand am Herd, sah zu, wie das Wasser zu kochen begann, und wartete darauf, dass die ersten Blasen platzten.
Auf dem Tisch lag ein Holzspatel mit einem tiefen Riss — eine Woche zuvor hatte Sergej mit der Faust auf den Tisch geschlagen, auf die Wand gezielt, aber den Holzspatel getroffen.
Nicht seine Frau.
Den Spatel.
Er hatte daneben geschlagen.
Er zog die Schuhe nicht aus.
Mit schmutzigen Stiefeln stapfte er über den Läufer — draußen nieselte es, und die nassen Spuren breiteten sich sofort im Flor aus wie Blutergüsse.
Er sah sie nicht einmal an.
Er schaute in den Topf und verzog das Gesicht.
— Verstehe.
Wieder nichts Fertiges.
— Suppe.
Sie kocht noch.
— Bei dir kocht immer alles nur.
Er ging ins Zimmer.
Der Fernseher brüllte los.
Nadja hörte, wie eine Bierflasche auf Mamas Couchtisch stieß und wie der Sessel nachgab.
An diesen Geräuschen konnte man den Abend vorhersagen: zuerst Schweigen, dann eine kleine Nörgelei, dann Geschrei.
Etwa vierzig Minuten später stand er wieder in der Küchentür.
Schweigend zog er eine Schublade auf, knallte eine Tür zu, zog die zweite Schublade auf.
— Wo hast du meine Karte hingetan?
— Du hast sie vor zwei Wochen selbst genommen.
— Kann nicht sein.
Ich habe sie nicht.
Also hast du sie woanders hingelegt.
— Ich lege deine Sachen nicht um, — sagte Nadja und drehte das Gas ab.
— Du wirfst alles herum, und ich suche.
Die Schublade wurde mit solcher Wucht zugeschoben, dass die Löffel hochsprangen.
Sergej trat näher.
Der Geruch von Bier und nasser Jacke schlug ihr in die Nase.
— Warum redest du so mit mir?
Ich komme müde nach Hause, und du meckerst.
Vielleicht brauchst du mich überhaupt nicht?
Nadja nahm einen Teller.
Sie stellte ihn auf den Tisch.
Und dann sagte sie das, was jahrelang unter ihrer Zunge gelegen hatte:
— Ich brauche dich nicht.
Er erstarrte mit offenem Mund — wie ein Zander, den man ans Ufer geworfen hatte.
— Was?
— Ich freue mich nicht, dich zu sehen.
Du bringst mitten in der Nacht Freunde mit.
Du schreist.
Du hast meine Lieblingstasse zerbrochen, als ich zum dritten Mal abgelehnt habe, nach deinen Gästen das Geschirr zu spülen.
Sergej packte sie am Ellbogen, seine Finger schlossen sich wie rostige Zangen.
— Also bin ich ein Mistkerl?
Das ist meine Wohnung, verstanden?
Ich bin hier der Herr, und ohne mich bist du niemand.
— Nimm die Hand weg.
— Und wenn nicht?
— Dann rufe ich die Polizei.
Er lachte so laut auf, dass die Anhänger am Kronleuchter klirrten.
Er ließ sie los, ging durch die Küche und rückte wieder auf sie zu.
— Los.
Ruf an.
Ich rufe selbst an.
Sollen sie doch sehen, wie du mich aus meinem eigenen Zuhause wirfst.
— Die Wohnung gehört mir, — sagte Nadja und zog eine Mappe aus der Kommode.
— Sie wurde ein Jahr vor der Hochzeit gekauft.
— Du hast dich vorbereitet? — Er riss die Mappe an sich.
— Berechnendes Miststück!
Er schnappte sich das Telefon, wählte die 112 und brüllte in den Hörer, dass seine Frau ihn aus der Wohnung werfe und Separatismus veranstalte.
Nadja saß auf dem Hocker, ihre Beine gehorchten ihr nicht.
Sie sah auf den Spatel mit dem Riss und zählte in Gedanken bis zehn.
Dann noch einmal bis zehn.
Es half.
Der Bezirkspolizist kam nach vierzig Minuten.
Er war älter, nahm seine Mütze schon im Treppenhaus ab, hatte müde Augen und graue Schläfen.
Er stellte sich vor und hörte sich beide an.
Sergej redete ohne Pause, verhedderte sich in den Daten und nannte seine Frau abwechselnd verrückt und Besetzerin.
Nadja reichte ihm schweigend die Eigentumsurkunde und den Kaufvertrag aus dem Jahr 2017.
Der Bezirkspolizist blätterte die Dokumente durch und prüfte die Stempel.
Er seufzte.
— Über eine tatsächliche Räumung entscheidet das Gericht.
Fürs Erste empfehle ich Ihnen, bei Verwandten zu übernachten.
Die Frau hat das Eigentumsrecht, die Dokumente sind in Ordnung.
— Ich habe renoviert!
Ich habe das Waschbecken ausgetauscht! — heulte Sergej auf.
— Und sie setzt mich vor die Tür!
— Es gibt keine Belege, — sagte Nadja leise.
— Das Waschbecken haben wir zusammen gekauft.
Die Renovierung habe ich bezahlt.
Der Bezirkspolizist hatte sich bereits zum Ausgang gewandt.
Da knackte plötzlich sein Funkgerät.
Er drückte die Sprechtaste und hörte zu.
Sein Gesicht wurde aus müde plötzlich steinern.
— Bürger Knjasew, Ihren Pass bitte.
— Warum? — Sergej wurde schlagartig blass, als hätte man die Farbe aus ihm gewaschen.
— Sie werden gesucht.
Siebenundvierzig Bußgeldbescheide.
Schulden — vierhunderttausend Rubel.
Sergej wich in Richtung Küche zurück und begann, hektisch umherzublicken.
— Ein Fehler!
Nadja, sag es ihnen!
Ich habe doch bezahlt!
— Ich habe gesehen, wie du die Bescheide im Tisch versteckt hast, — antwortete sie ruhig.
— Ich habe sie gefunden und nicht weggeworfen.
— Du wusstest es und hast geschwiegen?!
— Du hast doch gesagt, ich sei ein Miststück.
Also bestätige ich es.
Kinder haben wir keine, Unterhalt wird man von dir nicht verlangen.
Dafür gibt es siebenundvierzig Bußgelder.
Du bist schnell gefahren und hast langsam bezahlt.
Jetzt bist du angekommen.
Sergej stürzte auf sie zu.
Der Bezirkspolizist fing ihn professionell ab, fast lässig.
Die Handschellen klickten.
Sergej verstummte für eine Sekunde und wechselte sofort zu einem süßen, schmierigen Flüstern:
— Nadjenka, bezahl für mich.
Du hast doch Ersparnisse.
Ich arbeite es ab, ich gebe es zurück.
Wir sind doch Familie!
— Familie, — Nadja schnaubte.
— Vor einer halben Stunde hast du mit der Faust geschlagen, mir den Arm verdreht und meine Eltern Schmarotzer genannt.
Das ist für dich Familie?
— Ich bessere mich!
Nadja!
Sie holte langsam ihr Telefon hervor und schaltete die Kamera ein.
Sergej schüttelte den Kopf.
— Nicht filmen!
Mach das weg!
— Warum?
Du rennst doch sonst zu den Verwandten und jammerst — und ich habe dann ein Video.
Sie filmte schweigend, während der Bezirkspolizist ihn in den Flur führte.
Die Schritte verklangen im Treppenhaus.
Auch die Schreie verklangen.
Nadja sank an der Wand in die Hocke, den Hinterkopf an die kalte Tapete gelehnt.
Tränen kamen nicht — innerlich war es, als hätte jemand den Hahn zugedreht.
Im Flur blieben nur schmutzige Streifen auf dem Teppich und Stille zurück.
Die erste echte Stille seit fünf Jahren.
Eine Stunde später kam die Nachbarin Wera.
Ohne zu klopfen, mit einer Thermoskanne und einer Tafel Schokolade.
— Das ganze Haus hat es gehört.
Wie geht es dir?
— Gut, — sagte Nadja, nahm einen Schluck Tee und verbrannte sich die Lippen.
— Sogar sehr gut.
— Was soll daran gut sein?
— Das Unglück hat bei mir gewohnt, Tante Wera.
Jetzt haben sie es zum Protokollieren mitgenommen.
Wera schüttelte den Kopf und nickte zur Mappe mit den Dokumenten.
— Du bist mutig.
— Ich habe nur Suppe gekocht und war müde, — Nadja zuckte mit den Schultern.
— Die Scheidung habe ich schon eingereicht.
Vor zwei Wochen.
Er wusste es nicht.
Wera schwieg lange und schob ihr dann die Schokolade hin.
— Iss.
Süßes hilft.
Nadja brach ein Stück ab und legte es auf die Zunge.
Bitter.
Genau richtig.
Danach spülte sie das Geschirr, zum ersten Mal ohne Gebrüll aus dem Zimmer.
Das Wasser lief, die Teller klapperten, bei den Nachbarn spielte Musik — eine einfache Melodie, ohne Bedrohung.
Sie zog ihren alten Morgenmantel mit dem Flicken an der Tasche an und setzte sich in den Sessel.
Sergej hatte immer gesagt, er gehöre ihm.
Jetzt war der Sessel einfach nur ein Möbelstück.
Am nächsten Tag nahm sie den Stapel Bescheide aus dem Tisch und riss sie in kleine Stücke.
Ohne Theater, ohne Wut — Papier hatte einfach keine Bedeutung mehr.
Auf ihrer Liste blieben drei Dinge: die Schlösser wechseln, seinen Aufkleber „Dem besten Fahrer“ von der Tür reißen und einen neuen Spatel für die Suppe kaufen.
Ohne Riss.
Ohne Geschichte.




