— Geh nach Hause! Dort werde ich mit dir reden! — warf Maxim missbilligend ein.
— Es fehlt nur noch, dass wir die Passanten mit einem Skandal unterhalten!

— Na, bitteschön! — schnaufte Warja.
— Ach, was!
— Warja, bring mich nicht zur Sünde! — drohte Maxim.
— Wir reden zu Hause!
— Oh je! Wie furchteinflößend! — warf sie ihre Flechte über die Schulter und ging in Richtung Haus.
Maxim wartete, bis Warja etwas weiter weg war, holte dann sein Handy heraus und sprach ins Mikrofon:
— Ja, sie ist nach Hause gegangen! Begrüßt sie dort ordentlich! Erschreckt sie, droht ihr! Ihr wisst ja, worum es geht!
Sperrt sie in den Keller, damit sie sich besser benimmt! Ich komme bald!
Maxim steckte das Telefon ein und wollte gerade in den Laden gehen, um das „Benehmen“ seiner Frau zu feiern, als ihn plötzlich ein völlig fremder Mann am Arm festhielt.
— Entschuldigen Sie, dass ich so unhöflich bin! — lächelte der Mann verlegen.
— Aber da war doch ein Mädchen mit Ihnen…
— Meine Frau, was denn? — fragte Maxim finster.
— Nein, nichts! — das Lächeln wurde unterwürfig und entschuldigend.
— Sagen Sie, heißt Ihre Frau zufällig Warwara Melnikowa?
— Warwara, — nickte Maxim.
— Ja, vor der Hochzeit hieß sie Melnikowa.
— Und ihr zweiter Vorname ist Sergejewna?
— Ja! — antwortete Maxim gereizt.
— Woher kennen Sie meine Frau?
— Verzeihen Sie die Unverschämtheit, aber ist sie 1993 geboren?
Maxim überlegte kurz und antwortete:
— Ja.
— Warum so viele Fragen? Und woher kennen Sie Warja? — Maxim wurde misstrauisch.
Warja war erst vor drei Jahren in das Dorf gezogen. Davor hatte niemand von ihr gehört.
Sie selbst sagte, sie sei von zu Hause weggelaufen, weil ihre Eltern sie zwangsverheiraten wollten.
Und plötzlich erzählt dieser Fremde, der in diesem kleinen Dorf, wo niemand etwas von Warja wusste, mit Details aufwartet.
— Oh, entschuldigen Sie, ich kenne sie ja gar nicht persönlich! — sagte der Mann errötend.
— Ich bin sozusagen ein Bewunderer!
— Hör zu, Bewunderer, ich werde dir gleich die Rippen zählen und ein paar davon zur Vorbeugung gegen Übergewicht entfernen! — drohte Maxim deutlich.
— Was soll das mit dem Bewunderer? Willst du mir etwa meine Frau ausspannen?
— Oh nein! Sie haben mich völlig falsch verstanden! — der Mann winkte mit den Händen.
— Ich meine, ich bewundere ihr Talent!
— Warja hat wohl keine besonderen Talente, — war Maxim verwirrt.
— Nun, wissen Sie, mit achtzehn Jahren eine lebenslange Sperre im Muay Thai wegen übermäßiger Härte zu bekommen, das ist schon ein großes Talent! — rief der Mann aus.
— Schade, dass sie nach ein paar gewonnenen privaten Turnieren aufgehört hat! Es war ein Vergnügen, sie im Ring zu sehen!
Maxim versuchte mit zitternden Händen, sein Handy aus der Tasche zu holen.
Doch es fiel ihm verräterisch auf den Asphalt und zerbrach. Als Maxim es hastig aufsammelte, ließ es sich nicht mehr einschalten.
Maxim rannte nach Hause und murmelte vor sich hin:
— Herrgott, nur rechtzeitig ankommen!
Als Warja neu ins Dorf kam, fiel sie Maxim sofort auf. Wer hätte das nicht?
Jung, sportlich, interessant, fröhlich. Außerdem wurde sie Sportlehrerin für die Grundschüler an der Dorfschule.
Alle dachten sofort, sie sei eine Praktikantin, die bald weiterzieht. Aber es stellte sich heraus, dass sie 25 Jahre alt war und für immer hier blieb.
Man wartete darauf, dass sie ihre Familie nachholte, aber sie war allein.
— Da stimmt was nicht! — tuschelten die Dorffrauen.
— Jung und interessant, aber ausgerechnet zu uns gezogen! Da steckt bestimmt ein düsteres Geheimnis dahinter!
— Welche Geheimnisse gibt es heute noch? — winkte eine andere ab.
— Wahrscheinlich hat sie sich an einem Mann verbrannt und ist gekommen, um ihre seelischen Wunden zu heilen!
— Oder sie hat Streit mit ihren Eltern gehabt und ist weggelaufen! Das habe ich im Fernsehen gesehen!
Maxim beobachtete Warja, traute sich aber nicht, sie anzusprechen.
— Wer weiß, welche Geschichte sie wirklich hat? Wenn wir das wissen, sehen wir weiter.
Die Arbeit in der Schule ist nicht nur harte Arbeit und endlose Müdigkeit.
Es sind auch die Treffen im Lehrerzimmer, wo jeder seine Seele ausschüttet.
In sechs Monaten hatte man Warja ihre herzzerreißende Geschichte entlockt.
— Meine Eltern sind Kleinunternehmer.
Normale, gute Menschen.
Aber sie hatten eine Krise…
— Sie haben nicht mal faules Gemüse rausbringen lassen! Und sie scheuen keine Gewalt, Bruder schützt Bruder!
Doch selbst das wurde toleriert, weil der Diebstahl auf dem Gelände komplett aufgehört hatte.
Wie konnte Warja so einem gewissenhaften Mann widerstehen?
Erst ging sie mit ihm aus, dann nahm sie seine Avancen an und schließlich willigte sie ein, seine Frau zu werden.
Maxim holte Warja aus ihrem Wohnheimzimmer ab und brachte sie zu sich nach Hause.
— Schwiegertochter, du musst verstehen, dass wir eine große Familie sind! — begann die Schwiegermutter auszuschweifen.
— Wir machen alles zusammen und helfen uns gegenseitig!
Ich weiß nicht, wie es bei dir zu Hause war, aber bei uns sind die Regeln so!
— Bei uns gab es keine Regeln, — sagte Warja.
— Ihr wisst ja sicher, dass ich vor diesen Regeln geflohen bin! Und da ich jetzt Maxim’s Frau bin, werde ich lernen, nach unseren Regeln zu leben!
Diese Aussage wurde mit Begeisterung aufgenommen.
— Nur, entschuldigt, ich kann eigentlich nichts richtig, — Warja wurde verlegen.
— Bei meinen Eltern hatten wir Personal für den Haushalt.
— Das ändern wir! — sagte der Schwiegervater gutmütig.
— Wir bringen es dir bei! Bist du überhaupt lernfähig?
— Im Prinzip ja, — antwortete Warja.
— Nur Ungerechtigkeit ertrage ich nicht.
— Mein Schatz, — mischte sich die Schwiegermutter wieder ein.
— Gerechtigkeit ist relativ! Es gibt Regeln fürs Familienleben, die tausend Jahre alt sind!
Respektiere deinen Mann und seine Familie! Respektiere so, wie du selbst respektiert werden willst!
Und Gehorsam und Sanftmut schmücken die Frau! Männer kümmern sich um die Frauen und regeln die großen Angelegenheiten!
— Wenn das so üblich ist, — zuckte Warja mit den Schultern.
— Hoffentlich gibt es keine Strafen wie im Hausbuch?
— Keine Peitschen, keine Ställe, — lachte der Schwiegervater.
Bei dem Hausbuch hatte Warja wohl richtig gelegen. Ihre Freiheit wurde fast sofort nach der Hochzeit massiv eingeschränkt.
Nur zur Arbeit und zum Laden durfte sie raus! In allen anderen Fragen:
— Wohin willst du? Es gibt im Haus viel zu tun! Und den Garten, die Hühner, die Enten! Warja! — rief Natalja Petrowna.
— Wir sind eine Familie! Und ich kann das nicht alles allein schaffen!
Dass sie das nicht allein schaffen konnte, übertrieb die Schwiegermutter nicht.
Maxim und sein Bruder waren ständig bei der Arbeit, von früh morgens bis spät in die Nacht.
Manchmal blieben sie sogar über Nacht, da das Gemüselager rund um die Uhr an- und ausgeliefert wurde.
Der Schwiegervater hatte Rücken- und Fußprobleme und arbeitete deshalb eher mit Worten — gab wertvolle Ratschläge, die alle nervten.
Alles, wirklich alles, lag auf den Schultern von Natalja Petrowna und Warja.
Doch auch Natalja Petrowna war keine junge Frau mehr. Mal stieg der Blutdruck, dann taten die Gelenke weh, manchmal fiel sie mit Kopfschmerzen um.
Und ein Haushalt macht keine Pause am Wochenende!
— Wie ist es mit dem Privatleben? — fragte Warja.
— Nicht mit dem Mann, sondern allgemein? Kino, Café, einfach mal spazieren gehen?
— Ehefrauen brauchen keine Freundinnen! Glaub mir aus Erfahrung, Freundinnen bringen mehr Schaden als Nutzen!
Und wegen Kino und Café — darüber redest du mit deinem Mann!
Es ist unanständig, wenn eine Frau ohne Mann in der Öffentlichkeit ist!
Wir sind kein Großstadtviertel, hier erzählen sich die Leute solche Geschichten, die du nie mehr loswirst!
— Wirklich? — wunderte sich Warja.
— Du bist aus der Großstadt!
Hier sehen dich alle, ein Schritt zur Seite, und du hast einen Ruf, den du nie mehr loswirst!
Du bist Lehrerin, man könnte dich mit Schande hinausjagen!
Die Logik war stahlhart, aber Warja wollte sich im Familienleben nicht selbst begraben.
Sie arbeitete, tat ihre Aufgaben, aber verlangte auch Respekt. Manchmal stellte sie sich quer, erhob die Stimme oder sagte unverblümt ihre Meinung.
— Arbeiten, aber auf Augenhöhe! — sagte sie.
— Wenn einer faulenzt und der andere rackert, dann weigere ich mich, ein unsterzlicher Esel zu sein!
Zwei Jahre und sechs Monate nach der Hochzeit hatten Maxim und Warja sich nicht verändert.
Sie forderte, dass alle ehrlich und fair mitanpacken. Wenn nicht, dann macht sie auch nicht mit.
— Was für ein Charakter, diese Warja! — seufzte Natalja Petrowna, wenn Warja zum Laden geschickt wurde.
— Nervt schlimmer als bitterer Rettich! Ein Wort von ihr, und fünf zurück!
— Sie respektiert mich auch nicht! — sagte Dmitrij Andrejewitsch.
— Du bittest sie, dir ein Kissen oder Wasser zu bringen, und sie winkt ab, sagt, sie sei beschäftigt, dir kann es egal sein!
— Maxim, das ist nicht in Ordnung, — sagte Nikita, der ältere Bruder.
— Sie beleidigt unsere Eltern! Wo gibt’s denn so etwas, das zu tolerieren?
— Ich weiß selbst, dass sie unverschämt geworden ist! Sie widerspricht mir, und ich bin ihr Mann!
Ich muss sie zähmen, wie ein Tier im Zirkus!
Und wir haben noch keine Kinder! Wenn es welche gibt, wird sie die Herrin sein! Dann wird es in unserem Haus eng für uns!
— Wir müssen uns vorbereiten, — sagte Nikita.
— Bring sie mal in die Stadt zum Spazieren, schick sie dann allein nach Hause!
Wir treffen sie hier und reden ihr ordentlich ins Gewissen, damit sie ihren Stolz verliert!
— Mit Worten wird sie es nicht kapieren.
— Nein, wir setzen auch Kraft ein!
Wenn sie rebelliert, sperren wir sie in den Keller und sagen der Schule, sie sei im Urlaub! Einen Monat sitzt sie dort und beruhigt sich!
So machten sie es.
Während Maxim Warja ausführte, rüstete sich die Verwandtschaft und wartete, um sie „ordentlich zu begrüßen“, wenn sie nach Hause kam.
Doch Maxim kam zu spät.
Das Gartentor war da, aber die Haustür fehlte, als hätte es sie nie gegeben.
Im Flur saß Nikita auf dem Boden und heulte, während er seinen gebrochenen Arm hielt.
Maxim zog seinem Bruder das Handy aus der Tasche, wählte den Notruf und flüsterte ihm ins Ohr:
— Sag die Adresse! — schrie Maxim, um die Panik zu überwinden.
— Und sag, sie sollen ein paar Krankenwagen schicken!
Nikita nickte schmerzverzerrt.
Im Flur lag der Vater regungslos, bewusstlos, aber lebendig. Das war ein Trost.
In der Küche, direkt an der Tür, saß die Mutter.
Sie saß auf dem Boden, ihr Gesicht wurde rot vor Wut, in den Händen hielt sie ein zerbrochenes, riesiges Nudelholz, mit dem sie sonst an Feiertagen Teig ausrollte.
Am Küchentisch saß Warja und trank ruhig Tee.
— Liebling? — warf Warja ihrem Ehemann ein lachendes Blick zu.
— Bist du wegen deiner Portion gekommen?
— N-nein, — stammelte Maxim.
— Dann weiß ich nicht, was ich dir anbieten soll, — dachte Warja nach.
— Vielleicht etwas Gerechtigkeit in der Familie?
— Davon hätte man früher reden sollen! — rief er aus.
— Du hättest fast Leute umgebracht!
— Ich kenne das Maß! Jeder hat die passende Antwort bekommen! Wer mit was zu mir kommt, kriegt es zurück!
— Und das Nudelholz habe ich mir übers Knie gebrochen! Und deine Mutter habe ich nicht geschlagen, sie hat die Tür geküsst, als sie aus dem Flur gerannt ist!
— Und wie sollen wir jetzt weiterleben? — fragte Maxim.
— Ich denke, harmonisch! — lächelte Warja.
— Und vor allem gerecht! Und über Scheidung denk nicht mal nach, ich bin schwanger! Und unser Kind wird einen Vater haben!
Maxim schluckte:
— Gut, Liebling!
Als sich alle erholt hatten, wurden die Familienregeln etwas angepasst.
Dafür herrschte jetzt Frieden und Ruhe.
Und niemand verletzte jemals wieder jemanden!







