Abnahme der Vogelmaske

LEBENSGESCHICHTE

Am Morgen rief Larisa Petrowna ihre Tochter direkt bei der Arbeit an.

Ihre Stimme klang heiser und brach ab:

— Olya… mir geht es schlecht, draußen ist mir plötzlich ganz schlecht…

— Mama, wo bist du? Ich melde mich gleich krank! Hast du Papa angerufen?

— Er ist mit Freunden aufs Land gefahren.

Das Telefon geht nicht ran.

Ich bin ganz in der Nähe von deinem Haus… aber ich habe keine Kraft, bis dorthin zu kommen.

Nach fünfzehn Minuten führte Olga ihre Mutter am Arm zum Hauseingang.

Die Sorge schnürte ihr die Kehle zu — in letzter Zeit machte das Herz ihrer Mutter Probleme, und jeder solche Anruf wurde als Alarmsignal wahrgenommen.

Oben angekommen, steckte sie den Schlüssel ins Schloss und… erstarrte.

Aus dem Schlafzimmer drangen merkwürdige, sehr eindeutige Geräusche.

Sie riss die Tür auf — und sah, wie ihr Mann Artyom, dieser „große Künstler“, flink unter der Decke hervorsprang, während eine fremde junge Frau hektisch ihre Sachen zusammenpackte.

— Du?! — Olgas Stimme zitterte.

— Wie konntest du nur? Du hast gesagt, du bist die ganze Nacht in der Werkstatt! Und meine Mutter hast du eine Paranoikerin genannt!

— Ach komm schon, — jammerte Artyom, sich mit der Decke bedeckend.

— So etwas passiert eben.

Wir sind doch kreative Menschen.

Impuls, Inspiration, Antrieb…

— Antrieb?! — Olga schrie.

— Pack deine Sachen und ab zu deiner Mama! Oder in deine kalte Werkstatt — da kannst du weiter deine „Meisterwerke“ schaffen!

Zwischen der Schwiegermutter und dem Schwiegersohn herrschte schon lange ein stiller Krieg.

Larisa Petrowna hielt ihn für einen Angeber, Dandy und Scharlatan, der sich am modernen Kunsttrend anhängte.

Rotes Haar, ein „Ziegenbart“, Lackschuhe und endlose Reden über „Freiheit der Kunst“ — all das brachte sie zur Verzweiflung.

— Wann findest du, Artyomka, endlich einen normalen Job? — murrte sie.

— Das ist doch keine Malerei, sondern Familienbudget.

Jemand kauft deine Bilder vielleicht einmal im Jahr.

Und was dann?

— Larisa Petrowna, — erwiderte er, — Sie verstehen das nicht.

Olya hat mit mir Glück.

Ich bin ein Genie.

Eine Persönlichkeit außerhalb des Systems.

Und Sie… einfach eine Nervensäge.

Er hatte es geschafft, sie schon beim ersten Besuch zu beleidigen.

Nachdem sie eine gebratene Ente und einen Preiselbeerkuchen zubereitet hatte, hörte sie:

— So etwas esse ich nicht.

Fleisch ist Mord.

Und der Tisch drückt zu sehr auf meine Energie.

Doch keine Woche später sah Larisa Petrowna ihn an einem Schaschlikstand, wo er eine doppelte Portion verschlang.

Da kamen die ersten Zweifel: Was verbirgt er noch?

Olya winkte ab:

— Mama, vielleicht hast du dich geirrt? Oder das war nicht er…

— Wen sollte ich sonst mit diesem Pfau in der neonfarbenen Windjacke verwechseln?

Dann ging alles seinen gewohnten Gang: laute Partys in der Wohnung, die Olya von der Großmutter geerbt hatte, Besuche halbnackter „Models“, Beschwerden von Nachbarn.

Eines Tages, nachdem sie wieder Beschwerden gehört hatte, kam Larisa Petrowna unangekündigt vorbei.

Und als sie mit ihrem Schlüssel die Tür öffnete, fand sie eine ganze Horde vor: Mädchen mit Wasserpfeifen, Jungs mit Bier und Artyom in der Mitte mit einem Glas.

— Was soll das denn?! — fuhr sie auf.

— Sofort alle raus!

— Wir feiern den Start eines Kunstprojekts! — widersprach Artyom.

— Tausende Menschen träumen davon, an meiner Stelle zu sein!

— Dann sollen sie träumen! — schrie die Schwiegermutter.

— Und du nimm den Lappen und putz den Boden bis er glänzt! Und keine „kreativen Partys“ mehr!

Anscheinend hatte er seine eigene Taktik — lächeln und ertragen.

Er lud sie sogar zu seiner Ausstellung ein.

Doch kaum war sie in einer dunklen Ecke, hörte sie ein Flüstern:

— Wann sehen wir uns? — kicherte die junge Frau.

— Sobald Olya zur Schicht geht, schreibe ich sofort.

— Ich habe Fotos geschickt… Vermisse dich.

— Lass deine Frau sitzen!

— Mal sehen… — brummte Artyom gelangweilt.

Larisa Petrowna trat aus dem Schatten.

Er zuckte nicht einmal mit der Augenbraue:

— Willst du dich bei deiner Tochter beschweren? Viel Glück.

Sie wird dir nicht glauben.

Für sie bist du immer unzufrieden.

Und ich bin der Lieblingsmensch.

Also halt die Klappe, Alte.

Doch sie schwieg nicht.

Und obwohl Olya damals abwinkte und sagte: „Misch dich nicht in meine Familie ein“, begann Larisa Petrowna zu handeln.

Sie fand eine Bekannte im Nachbarhaus, die sich bereit erklärte aufzupassen.

Und dann kam abends der Anruf:

— Er hat eine mitgebracht.

Mit einer Tasche.

Das Licht wurde ausgeschaltet — heißt, sie bleibt.

Das Herz schlug wie ein Hammer.

Olya war an diesem Abend im Dienst.

Larisa Petrowna zog ihren Mantel an, ging auf die Straße, wählte die Nummer ihrer Tochter und sagte leise:

— Olya, mir geht es schlecht.

Ich glaube, mein Herz… Ich bin bei deinem Haus…

Olya kam in fünfzehn Minuten.

Sie gingen hoch.

Öffneten die Tür.

Und dann geschah alles, wie es geschehen sollte.

Sie schrie, jagte sie raus, weinte.

Das Mädchen wurde rausgeworfen.

Artyom, halb bekleidet, versuchte sich zu rechtfertigen, doch Olya hörte nicht mehr zu.

Am Morgen wurden die Schlösser ausgetauscht, die Schlüssel weggenommen.

Eine Woche später wurde die Scheidung eingereicht.

Und erst einen Monat später sprach Olya zum ersten Mal mit ihrer Mutter:

— Mama… hast du dir das damals nicht ausgedacht? Ging es dir wirklich so schlecht?

Larisa Petrowna sah ihrer Tochter in die Augen.

Seufzte.

— Natürlich war es wahr.

Wie hätte ich wissen können, wen er mitbringt?

Und Olya nickte und umarmte ihre Mutter zum ersten Mal seit langer Zeit.

Larisa Petrowna sagte nichts.

Es war nicht die Zeit, zuzugeben, dass sie für ihre Tochter zu allem bereit war.

Sogar zu einer kleinen, aber sehr nützlichen Lüge.

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