Still und hinterhältig entlassen — einen Tag vor der Prämie!

Ein halbes Jahr später kamen sie zu mir und baten mich, die Firma zu retten.

Und ich nannte meinen Preis.

— Verstehst du überhaupt, was du da sagst?! — Roman warf seine Jacke so heftig über die Stuhllehne, dass sie darüber hinwegflog und auf den Boden fiel.

— Seit einem halben Jahr sitzt du ohne Arbeit herum, und trotzdem dieses „Ich warte auf ein passendes Angebot“!

Wer bist du überhaupt, dass du warten kannst?!

Vera antwortete nicht.

Sie stand am Waschbecken und spülte ihre Tasse aus — langsam, methodisch, als hinge etwas Wichtiges davon ab.

Ihre Finger hielten das Porzellan fest umklammert.

In ihr war es still.

Nicht jene Stille, wenn man nichts zu sagen hat, sondern jene, wenn Worte schon keinen Sinn mehr ergeben.

Roman sagte hinter ihrem Rücken noch irgendetwas — über die Hypothek, über seine Mutter, die „es ja immer gewusst hatte“, über irgendeinen Serjoga von der Arbeit, dessen Frau „normal sei und sich nicht so wichtig mache“.

Vera drehte das Wasser ab, trocknete ihre Hände und ging ins Zimmer.

Einfach, weil sie das alles nicht weiter hören wollte.

Vor einem halben Jahr hatte alles anders ausgesehen.

Vera Sokolowa arbeitete als Finanzanalystin in der Baufirma „Orient Group“ — sieben Jahre lang, ohne eine einzige Verspätung, ohne einen einzigen Fehler.

Sie hatte zwei Projekte aus einem Schuldenloch herausgezogen, ein Berichtssystem von Grund auf aufgebaut und ein Loch im Budget von vierzehn Millionen gefunden — genau jenes, von dem Direktor Wadim Petrowitsch später auf Firmenfeiern erzählte, als wäre es sein persönlicher Sieg gewesen.

Die Prämie sollte groß sein.

Vera wusste das genau — in der Buchhaltung arbeitete Olja, mit der sie manchmal in der Mittagspause Kaffee trank, und die hatte einmal beiläufig gesagt: „Verunka, dir wurde in diesem Quartal richtig gut etwas angerechnet.“

Und am nächsten Tag ließ Wadim Petrowitsch sie zu sich rufen.

— Vera, wir haben beschlossen, die Struktur der Abteilung zu optimieren.

Deine Stelle wird gestrichen.

Das hat selbstverständlich nichts mit der Qualität deiner Arbeit zu tun…

Er sprach noch etwa zehn Minuten weiter.

Irgendetwas über den Markt, über Umstrukturierung, über „wir schätzen Ihren Beitrag“.

Vera saß ihm gegenüber, sah auf seine Krawatte — dunkelblau, mit einem kleinen Muster — und dachte nur eines: Morgen werden die Prämien ausgezahlt.

Genau morgen.

Sie verstand alles in derselben Sekunde.

Der Arbeitsvertrag war geschickt formuliert — die Prämie wurde nur an Mitarbeiter ausgezahlt, die am Tag der Berechnung noch angestellt waren.

Einen Tag vorher entlassen — und alles war sauber.

Keine Ansprüche.

Kein Geld.

Nach Hause kam sie um drei Uhr nachmittags.

Roman war bei der Arbeit.

Ihre Schwiegermutter Tamara Iwanowna saß mit einer Tasse Tee in der Küche und scrollte auf ihrem Handy — sie lebte schon im zweiten Jahr bei ihnen, seit sie nach der Renovierung ihrer Wohnung „vorübergehend“ eingezogen war.

Die Renovierung war längst beendet.

— Heute früh zurück, — sagte Tamara Iwanowna, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben.

— Ich wurde entlassen.

Eine Pause.

Die Schwiegermutter hob den Blick — langsam, mit jener besonderen Betonung im Blick, die man nicht in Worte fassen kann, die Vera aber inzwischen fehlerlos lesen konnte.

Es war etwas zwischen Schadenfreude und Genugtuung.

— Na ja, — sagte sie schließlich, — dann bist du wohl nicht zurechtgekommen.

Einen guten Spezialisten entlässt man nicht.

Vera stellte ihre Tasche auf den Stuhl.

Sie zog den Mantel aus.

Hängte ihn ordentlich an den Haken.

— Ich lege mich ein bisschen hin, — sagte sie ruhig.

— Sie legt sich hin… — hörte sie hinter ihrem Rücken.

— Roma schuftet von morgens bis abends, und sie legt sich hin.

Wunder gibt es.

Die nächsten Wochen waren seltsam.

Roman war wütend — nicht offen, sondern unterschwellig, wie ein Radio, das niemand ausgeschaltet hatte.

Tamara Iwanowna ging mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen durch die Wohnung, der schon lange alles über alle wusste, aber taktvoll geschwiegen hatte.

Jetzt gab es keinen Grund mehr zu schweigen.

— Verotschka, hast du nicht daran gedacht, in einem Geschäft als Verkäuferin zu arbeiten?

Dort ist es wenigstens stabil.

— Verotschka, Roma hat doch gesagt, dass ihr eine Hypothek aufnehmen wollt?

Na ja, mit deinen Perspektiven ist das mutig.

— Verotschka, ich habe immer gesagt, Finanzen sind nichts für Frauen.

Du hättest Lehrerin werden sollen.

Vera stritt nicht.

Überhaupt war sie wortkarg geworden — sie sparte Energie.

Morgens stand sie früher auf als alle anderen, kochte Kaffee, setzte sich an den Laptop und arbeitete.

Sie suchte keine Arbeit — sie arbeitete.

Sie sortierte ihre alten Analysetabellen, schrieb an der Methodik weiter, die sie noch bei „Orient Group“ begonnen hatte, und untersuchte angrenzende Märkte.

In ihrem Kopf nahm langsam eine Idee Gestalt an.

Noch nicht fertig, aber lebendig.

Eines Abends fragte Roman — nicht wütend, einfach nur müde:

— Ver, hast du überhaupt irgendwo deinen Lebenslauf hingeschickt?

— Ja, — antwortete sie.

— Und?

— Ich warte.

Er sah sie so an, wie man einen Menschen ansieht, der offensichtlich etwas Sinnloses sagt, aber zum Streiten fehlt einem schon die Kraft.

Dann ging er fernsehen.

Im April meldete Vera ein Einzelunternehmen an.

Niemand bemerkte es.

Sie sagte absichtlich niemandem etwas — nicht, weil sie Angst hatte, sondern weil Worte überflüssig gewesen wären.

Ohnehin hätte niemand daran geglaubt.

Tamara Iwanowna hätte irgendetwas über „unseriöse Menschen mit Ambitionen“ gesagt.

Roman hätte geseufzt.

Die ersten zwei Kunden kamen über Mundpropaganda — kleine Unternehmen, die einen externen Analysten brauchten, aber keine feste Stelle schaffen wollten.

Vera arbeitete in Cafés auf der Marosseika — sie suchte sich absichtlich Orte mit gutem Kaffee und langsamem Zeitgefühl aus, wo man denken konnte.

Manchmal fuhr sie zu Treffen quer durch die ganze Stadt — zur Taganka, zum Leninski-Prospekt, einmal sogar nach Chimki, wo in einem gläsernen Businesscenter ein nervöser junger Direktor mit einer Mappe voller Verlustberichte auf sie wartete.

Das Geld war nicht groß.

Aber es war ihr Geld.

Und „Orient Group“ begann unterdessen zu sinken.

Das war kein Geheimnis — Olja schrieb ihr von Zeit zu Zeit vorsichtige Nachrichten im Messenger: „Bei uns gibt es wieder Verzögerungen“, „Noch einer ist gegangen“, „Wadim Petrowitsch ist ständig in Besprechungen, sein Gesicht ist ganz grau“.

Vera las es und legte das Handy weg.

Ohne Wut.

Sie registrierte es einfach.

Sie wusste: Früher oder später würden sie anrufen.

Und sie wusste bereits, was sie sagen würde.

Sie riefen an einem Mittwoch an.

Vera kam gerade von einem Treffen zurück — sie ging zu Fuß durch Tschistyje Prudy, hielt einen Kaffeebecher in der Hand und dachte über die Zahlen eines kleinen Produktionsunternehmens nach, dem sie half, das Budget für das zweite Halbjahr aufzubauen.

Das Telefon vibrierte.

Eine unbekannte Nummer.

Sie blieb an einer Bank stehen und nahm ab.

— Vera Andrejewna?

Hier ist Swetlana, die Sekretärin von Wadim Petrowitsch.

Er bat mich zu fragen, ob ein Treffen mit Ihnen in dieser Woche möglich wäre.

Swetlanas Stimme klang vorsichtig — so sprechen Menschen, die wissen, dass ein Anruf heikel ist, aber so tun, als wäre alles ganz normal.

— In welcher Angelegenheit? — fragte Vera ruhig.

Eine Pause.

— Beruflich.

Wadim Petrowitsch möchte es persönlich besprechen.

Vera trank einen Schluck Kaffee.

Sie sah auf das Wasser im Teich — dort schwamm eine einsame Ente mit völlig unerschütterlicher Miene.

— Gut.

Am Freitag um elf.

Er soll in das Café auf der Pokrowka kommen, ich schicke die Adresse.

Sie bot absichtlich nicht an, ins Büro zu kommen.

Er sollte selbst fahren.

Zu Hause hatte sich nichts verändert.

Tamara Iwanowna briet Frikadellen und kommentierte den Fernseher.

Roman kam spät, aß schweigend und starrte in sein Handy.

Vera saß mit ihrem Laptop im Schlafzimmer und tat so, als würde nichts passieren.

In ihr war ein seltsames Gefühl — kein Triumph, nein.

Eher eine ruhige Bereitschaft.

Wie vor einer wichtigen Prüfung, auf die man plötzlich merkt, dass man vorbereitet ist.

Sie erzählte Roman nichts von dem Anruf.

Es war unnötig.

Wadim Petrowitsch erschien Punkt elf im Café — in einem teuren Mantel, mit Ringen unter den Augen und dem Lächeln eines Menschen, dem dieses Lächeln Mühe kostet.

Er war gealtert.

Nicht stark, aber sichtbar — so altern Menschen, wenn sie aufhören zu schlafen.

— Vera Andrejewna, ich freue mich, Sie zu sehen, — sagte er und schüttelte ihr die Hand.

— Sie sehen gut aus.

— Setzen Sie sich, — antwortete sie ohne überflüssige Worte.

Er bestellte einen Espresso, sie nichts — ihr Kaffee stand bereits da.

Ein paar Minuten sprach er über das Wetter, darüber, wie sich das Viertel verändert hatte, und darüber, dass er schon lange nicht mehr in diesem Teil der Stadt gewesen war.

Vera wartete.

Sie konnte warten — in sieben Jahren in seiner Firma hatte sie es gelernt.

Schließlich kam er zur Sache.

— Vera Andrejewna, wir haben eine schwierige Situation.

Ich will nicht lange darum herumreden — das Unternehmen steckt in einer ernsten Krise.

Nach Ihrem Weggang stellte sich heraus, dass… nun ja, das System, das Sie aufgebaut hatten, in vieler Hinsicht auf Ihnen beruhte.

Die neue Person hat es nicht geschafft.

Wir haben zwei große Verträge verloren, das Finanzamt hat Anfragen geschickt, in der Berichterstattung gibt es Lücken.

Er sprach noch lange weiter.

Ausführlich, mit Zahlen — offenbar hatte er sich vorbereitet.

Die Situation war schlimmer, als sie angenommen hatte.

Viel schlimmer.

— Wir möchten, dass Sie zurückkommen, — sagte er schließlich.

— Auf die Position der Finanzdirektorin.

Das ist eine Beförderung, Vera Andrejewna.

Und das Gehalt ist natürlich ein anderes.

Er nannte eine Summe.

Vera nahm ihre Tasse.

Sie trank einen Schluck.

— Wadim Petrowitsch, — sagte sie ruhig, — erinnern Sie sich, an welchem Datum ich entlassen wurde?

Er zuckte leicht zusammen.

— Nun… es war eine schwierige Zeit, Entscheidungen wurden getroffen…

— Einen Tag vor der Auszahlung der Quartalsprämie, — sagte sie ebenso ruhig.

— Das war kein Zufall, das verstehe ich.

Sie verstehen, dass ich es verstehe.

Lassen Sie uns also keine Zeit verschwenden.

Wadim Petrowitsch schwieg.

Er nahm die Tasse, stellte sie wieder ab.

Draußen vor dem Fenster gingen Menschen über die Pokrowka — manche mit Tüten, manche mit Kopfhörern, manche eilten irgendwohin zu ihren eigenen Angelegenheiten.

Das Leben draußen war vollkommen gewöhnlich.

— Was wollen Sie? — fragte er schließlich.

Leise.

Ohne das frühere Lächeln.

— Ich arbeite als externe Beraterin, — sagte Vera.

— Nicht fest angestellt.

Ein Vertrag auf Projektbasis, Abrechnung nach Stunden plus ein festgelegtes Ergebnis.

Meine Konditionen sind hier.

Sie legte ein Blatt Papier auf den Tisch.

Ausgedruckt.

Sie hatte es schon gestern vorbereitet — ordentlich, ohne überflüssige Worte, nur Zahlen und Bedingungen.

Er sah auf das Blatt.

Seine Augenbrauen hoben sich leicht.

— Das ist… eine beträchtliche Summe.

— Ja, — stimmte Vera zu.

— Weil die Situation ernst ist.

Und weil ich weiß, was ich kann.

Sie wissen es übrigens jetzt auch — Sie hatten ein halbes Jahr Zeit, sich davon zu überzeugen.

Er schwieg lange.

Trommelte mit dem Finger auf den Tisch.

Sah aus dem Fenster.

— Ich muss darüber nachdenken, — sagte er schließlich.

— Natürlich, — nickte Vera und begann, ihre Tasche zu packen.

— Das Angebot gilt bis Ende der Woche.

Danach werde ich höchstwahrscheinlich beschäftigt sein, ich habe einen neuen Kunden in Aussicht.

Das war wahr.

Kein Bluff — wahr.

Am Abend erzählte sie es Roman doch.

Nicht, weil sie seine Erlaubnis brauchte — sie war nur neugierig, was er sagen würde.

Er hörte schweigend zu.

Dann fragte er:

— Und was hat er geantwortet?

— Er sagte, er müsse nachdenken.

— Und bist du sicher, dass sie diesen Bedingungen zustimmen?

— Nein, — antwortete Vera ehrlich.

— Aber das ist nicht wichtig.

Roman sah sie an — aufmerksam, wie man einen Menschen ansieht, den man scheinbar lange kennt, aber plötzlich etwas Unbekanntes an ihm bemerkt.

Aus der Küche kam Tamara Iwanownas Stimme:

— Romotschka, komm Tee trinken!

Und du, Vera, komm auch endlich, sitz nicht im Zimmer herum!

Roman stand auf.

Vera blieb noch eine Minute sitzen, einfach so.

Sie sah aus dem Fenster auf die abendliche Stadt, auf die leuchtenden Fenster der Nachbarhäuser, auf fremdes Leben hinter Glas.

Das Telefon lag auf dem Tisch.

Sie war fast sicher: Er würde vor Freitag anrufen.

Er rief am Donnerstag an.

Um halb neun Uhr morgens.

Vera stand in diesem Moment in einer Schlange in der Reinigung am Semljanoj Wal — sie gab ihren Mantel ab, den sie schon lange hatte in Ordnung bringen wollen.

Das Telefon vibrierte, sie sah die Nummer und nahm ruhig ab, ohne die Schlange zu verlassen.

— Vera Andrejewna, wir sind bereit, Ihre Bedingungen anzunehmen, — sagte Wadim Petrowitsch.

Seine Stimme war gleichmäßig, aber darin lag etwas, das es früher nie gegeben hatte — Anstrengung.

Die Anstrengung eines Menschen, der es gewohnt war zu diktieren und nun gezwungen war zuzustimmen.

— Gut, — antwortete sie.

— Schicken Sie mir den Vertrag heute, ich sehe ihn mir an.

— Es gibt da einen Punkt, den wir gern besprechen würden…

— Wadim Petrowitsch, — unterbrach sie ihn weich, aber bestimmt, — zuerst der Vertrag.

Wir besprechen, was besprochen werden muss, nachdem ich ihn gelesen habe.

Eine Pause.

— Gut.

Sie legte auf.

Dann war sie an der Reihe.

Die Annahmedame — eine müde Frau mit einem Bleistift hinter dem Ohr — prüfte den Mantel und stellte eine Quittung aus.

Alles war alltäglich und ruhig.

Vera trat auf die Straße, blieb eine Sekunde stehen, hielt ihr Gesicht in die matte Aprilsonne und ging zur Metro.

Den Vertrag las sie drei Stunden lang.

Gründlich, mit einem Bleistift in der Hand, wobei sie jede Formulierung markierte.

Eine juristische Ausbildung hatte sie nicht, dafür aber sieben Jahre Erfahrung mit Verträgen und die natürliche Gewohnheit, schön geschriebenen Worten nicht zu vertrauen.

An zwei Stellen fand sie unklare Formulierungen — solche, die man später beliebig auslegen konnte.

Sie schrieb ihre Änderungen hinein.

Schickte alles zurück.

Am nächsten Tag kam der Vertrag mit ihren Änderungen zurück, die ohne Einwände angenommen worden waren.

Sie unterschrieb.

Und erst dann erlaubte sie sich auszuatmen.

Der erste Tag im Büro von „Orient Group“ war seltsam.

Dieselben Flure, derselbe Kaffeeduft aus dem Automaten im dritten Stock, dieselben Gesichter — nur die Blicke waren anders.

Olja aus der Buchhaltung umarmte sie direkt am Aufzug und flüsterte: „Ich bin so froh, du kannst es dir gar nicht vorstellen.“

Die anderen grüßten vorsichtig, mit jener Mischung aus Erleichterung und Verlegenheit, die Menschen haben, wenn jemand zurückkehrt, den sie nicht besonders geschützt haben, als es nötig gewesen wäre.

Vera hegte keinen Groll.

Nicht, weil sie eine Heilige war — Wut kostet einfach Energie, und diese Energie brauchte sie jetzt für anderes.

Sie ging in den Besprechungsraum, bat darum, alle Berichte der letzten sechs Monate zu bringen, schloss die Tür und begann zu arbeiten.

Am Ende der ersten Woche war das Bild klar und unangenehm.

Das Unternehmen hatte fast ein Drittel der Betriebsmittel verloren, zwei wichtige Auftragnehmer waren zur Konkurrenz gegangen, beim Finanzamt hingen drei unbeantwortete Anfragen.

Der Mann, den man an ihrer Stelle eingestellt hatte, hatte vier Monate durchgehalten und war selbst gegangen — still, ohne Skandal, und hatte Tabellen mit Fehlern und einen Ordner mit ungelesenen E-Mails hinterlassen.

Vera erstellte einen Plan.

Klar, schrittweise, ohne Lyrik.

Wadim Petrowitsch sah sie über den Tisch hinweg mit dem Ausdruck eines Menschen an, der gleichzeitig dankbar und gedemütigt ist — eine schwierige Kombination, aber durchaus lesbar.

— Ist das realistisch? — fragte er und sah auf das Dokument.

— Wenn man tut, was dort steht — ja, — antwortete sie.

— Wenn man anfängt, sich einzumischen und unterwegs alles zu korrigieren, garantiere ich für nichts.

Er verstand.

Er nickte.

Zu Hause veränderte sich alles langsam — so, wie sich immer das verändert, was sich über Jahre gebildet hat.

Roman setzte sich eines Abends neben sie aufs Sofa und sagte ohne Einleitung:

— Hör mal, ich habe damals zu viel gesagt.

Na ja, als du ohne Arbeit warst.

Vera sah von ihrem Laptop auf.

— Ich erinnere mich.

— Ja, also. — Er rieb sich den Hinterkopf.

— Ich hätte nicht so sein dürfen.

Sie sah ihn an — diesen Menschen, mit dem sie acht Jahre zusammengelebt hatte, der freundlich und unerträglich sein konnte, feige und unerwartet ehrlich.

All das steckte gleichzeitig in ihm.

— Es ist gut, dass du das sagst, — sagte sie schließlich.

— Das ist wichtig.

Sie kamen nicht mehr darauf zurück.

Aber etwas hatte sich verschoben — nicht sofort sichtbar, aber spürbar.

Er begann anders mit ihr zu sprechen.

Er fragte, wie ihr Tag gewesen war — und hörte sich die Antwort an.

Mit Tamara Iwanowna kam es anders.

Eines Tages sagte die Schwiegermutter beim Abendessen — scheinbar nebenbei, während sie Butter aufs Brot strich:

— Na, Vera, es war ja ganz günstig, dass du entlassen wurdest.

Wenigstens bist du mal wachgerüttelt worden.

Vera legte die Gabel weg.

— Tamara Iwanowna, — sagte sie ruhig, — ich wurde unehrlich entlassen, einen Tag vor der Prämie, damit man nicht zahlen musste.

Das ist kein Glück.

Das ist Gemeinheit.

Und ich bin allein damit fertiggeworden.

Deshalb ist „günstig gelaufen“ keine ganz genaue Beschreibung.

Am Tisch wurde es still.

Roman sah auf seinen Teller.

Tamara Iwanowna öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder.

Ihre Wangen wurden rosig.

Sie war es nicht gewohnt, dass Vera so sprach — direkt, ohne Skandal, ohne Tränen, einfach mit Worten, die man nicht beiseiteschieben konnte.

— Ich sage doch nur, dass alles gut ausgegangen ist, — sagte sie schließlich, schon leiser.

— Ja, — stimmte Vera zu.

— Es ist gut ausgegangen.

Ich bin froh.

Und sie wandte sich wieder ihrem Abendessen zu.

Nach drei Monaten hatte „Orient Group“ die erste Anfrage des Finanzamts abgeschlossen, einen der verlorenen Auftragnehmer zurückgewonnen und im Quartalsbericht einen kleinen Gewinn erreicht.

Wadim Petrowitsch schickte Vera eine Nachricht: „Danke. Sie haben getan, was ich für unmöglich hielt.“

Sie las sie.

Legte das Telefon weg.

Antwortete nicht sofort — sie gab sich Zeit, diesen Moment einfach zu fühlen.

Am Abend saß sie in ihrem Lieblingssessel am Fenster, hielt eine Tasse Tee in den Händen und dachte darüber nach, wie seltsam das Leben aufgebaut ist.

Sieben Jahre lang hatte sie eine fremde Firma gehalten, wie man etwas Zerbrechliches in den Händen hält — vorsichtig, ohne Kräfte zu sparen.

Und dann hatte man sie vor die Tür gesetzt, ohne auch nur Danke zu sagen.

Und genau das hatte sie dorthin gestoßen, wohin sie selbst sich nie zu gehen getraut hätte.

Ihr Einzelunternehmen schloss sie nicht.

Die Arbeit bei „Orient Group“ kombinierte sie mit zwei anderen Kunden — genau jenen, die sie in den langen Monaten gefunden hatte, als alle um sie herum sie für eine Versagerin hielten.

Das Geld war jetzt ihres — kein Gehalt, das man mit einem einzigen Federstrich wegnehmen konnte, sondern ein ehrlich aufgebautes Geschäft.

Tamara Iwanowna zog schließlich doch in ihre eigene Wohnung zurück — im Mai, mit der Begründung, sie wolle „in ihrer eigenen Wohnung leben“.

Vera half ihr beim Packen, rief ein Taxi und verabschiedete sich höflich.

Roman begleitete seine Mutter bis zum Aufzug, kam zurück, sah auf die leere Garderobe im Flur und sagte:

— Na also.

— Na also, — stimmte Vera zu.

Und beide lachten, ohne sich abgesprochen zu haben.

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit — leicht, ohne Mühe, einfach so.

Sie vergab „Orient Group“ nicht.

Aber sie ließ los.

Das sind verschiedene Dinge — das wusste sie genau.

Und ihren eigenen Wert kannte sie jetzt auch.

Und sie würde niemandem mehr erlauben, ihn zu senken.

Ein Jahr später saß Vera im Besprechungsraum ihres eigenen kleinen Büros — sie hatte es vor drei Monaten im Viertel Kitai-Gorod gemietet, mit zwei Fenstern zum Hof, einem lebenden Baum in der Ecke und einem Schild an der Tür mit dem Namen ihrer Beratungsfirma.

Ihr gegenüber saß ein neuer Kunde — jung, nervös, mit einer Mappe voller Unterlagen und dem Blick eines Menschen, der schon verstanden hatte, dass er in Schwierigkeiten steckt, aber noch nicht, wie tief.

— Man hat uns gesagt, Sie seien die beste Analystin der Stadt für Krisenprojekte, — sagte er.

— Ich weiß nicht, wer Ihnen das gesagt hat, — antwortete Vera.

— Aber lassen Sie uns Ihre Zahlen ansehen.

Während sie die Unterlagen durchblätterte, blinkte das Telefon auf dem Tisch leise auf.

Eine Nachricht von Olja: „Vera, hast du gehört? Wadim Petrowitsch verkauft die Firma. Er sagt, er will sich zur Ruhe setzen. Ohne dich wäre sie einfach zusammengebrochen, das wissen alle.“

Vera las die Nachricht, legte das Telefon weg und wandte sich wieder den Zahlen des Kunden zu.

Sie fühlte keinen Triumph.

Nur eine gleichmäßige, feste Ruhe — wie ein Mensch, der schon lange auf sicherem Boden steht und sich gut daran erinnert, wie es ohne ihn gewesen war.

Am Abend ging sie zu Fuß nach Hause — über die Lubjanka, vorbei an der Buchhandlung, vor deren Schaufenster sie immer stehen blieb, durch eine stille Gasse mit Laternen.

Roman schrieb: „Soll ich etwas fürs Abendessen kaufen?“

Sie antwortete: „Kauf Brot.

Und Eis.“

Er schickte ein Smiley.

Eine Kleinigkeit.

Aber genau aus solchen Kleinigkeiten setzte sich jetzt ihr Leben zusammen — echt, selbst gewählt, erkämpft.

Sie blieb vor dem Schaufenster der Buchhandlung stehen und sah ihr Spiegelbild im Glas an.

Eine gewöhnliche Frau in einem guten Mantel.

Müde nach einem langen Tag.

Mit ihrem eigenen Büro, ihren eigenen Kunden, ihrem eigenen Preis.

Genau ihrem eigenen.