— Ich sage es dir, Serjoscha: Entweder ich oder sie! — Galina Petrownas Stimme hallte durch die Küche wie eine Luftschutzsirene.
Sergej seufzte schwer und rieb sich die Nasenwurzel:

— Mama, fang bitte nicht schon wieder an…
— Du hältst also auch noch zu ihr?! — schrie sie. — Hast du vergessen, wer dich großgezogen hat?
Als du zu mir gekommen bist wie ein nasses Huhn — mit löchrigen Schuhen, dem Diplom um den Hals und Hoffnung in den Augen?
Anastasia stand am Fenster mit einer Tasse bitterem Instantkaffee und schwieg.
Sich mit Galina Petrowna zu streiten war wie einen Wasserkocher anschreien zu wollen, damit er aufhört zu pfeifen — es macht Lärm, aber bringt nichts.
— Das ist nicht deine Wohnung, Liebes, — fuhr die Schwiegermutter in unverminderter Lautstärke fort.
Das ist das Erbe meines Mannes, und hier ist mein Sohn der Hausherr.
Und du bist ein Gast. Verstanden?
— Verstanden, — antwortete Nastja ruhig, während sie sich zu ihr umdrehte.
Nur dass dieser „Hausherr“ seit zwei Jahren von meinem Geld lebt.
Und nicht vergessen: Den Kühlschrank, der Strom frisst, als müsste er sich aufladen, habe auch ich gekauft.
Galina Petrowna verstummte kurz, aber nicht für lange.
Sie hatte ihr ganzes Leben auf Märkten im Wortgefecht verbracht — eine Sekunde Zögern, und sie war wieder im Kampfmodus.
— Geld gibt dir nicht das Recht zu befehlen! Ich bin seine Mutter! Und eine Mutter gehört an die Seite ihres Sohnes!
— Direkt zwischen uns im Bett? — konterte Nastja und nahm einen Schluck Kaffee.
Er war zuckerlos, wie die letzten zwei Monate ihrer Ehe.
Sergej versuchte einzugreifen:
— Mama… bitte ohne Drama. Vielleicht wohnst du erstmal bei Tante Wala?
— Ich soll, Galina Petrowna, im Datscha-Häuschen mit dieser Verrückten leben, die mit Hunden redet? Nie im Leben!
— Dann ziehen Sie aus, — sagte Anastasia leise. — Sie sagen doch selbst, das ist nicht meine Wohnung.
Dann kann es ja auch nicht Ihre Familie sein.
Galina Petrowna warf dramatisch die Hände in die Luft und ließ sich auf den Hocker fallen, als wollte sie sich selbst als Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen darstellen.
Die Küche verstummte für einen Moment.
Nur der tropfende Wasserhahn war zu hören — derselbe, den Sergej vor drei Wochen reparieren wollte.
So wie den Kronleuchter im Wohnzimmer, das Rohr unter der Spüle… und ihre Ehe.
— Glaubst du, ich merke nicht, wie du ihn von mir wegziehst? — zischte die Schwiegermutter, sich nach vorne beugend.
— Ich will ein normales Leben, Galina Petrowna.
Ohne Seifenopern am Morgen und Durchsuchungen am Abend.
Ohne den Duft Ihres Parfüms in meinem Kleiderschrank und ohne Ihre Kontrolle über meine Entscheidungen.
— Was erlaubst du dir eigentlich?! — schrie die Frau, als hätte sie der Hocker unter Strom gesetzt.
— Du hast nicht einmal Kinder, um etwas Wertvolles zu hinterlassen! Was willst du mit einer Wohnung?!
— Da haben wir’s, — lächelte Nastja. — Es geht Ihnen nicht um Ihren Sohn, sondern um die Quadratmeter.
Sie wollen nur ein Testament — und dann ab nach Hause.
Und Ihre Liebe? Die ist nur Dekoration.
Sergej sprang abrupt auf:
— Es reicht! Ihr beide!
Mama, beruhig dich.
Nastja… du hilfst auch nicht.
Sie stellte schweigend ihre Tasse in die Spüle.
Die Tropfen fielen weiter, als zählten sie den letzten Akkord herunter.
— Ich habe einen Antrag auf eine Hypothek gestellt, — warf sie über die Schulter. — Wurde genehmigt.
— Was?! — riefen beide gleichzeitig.
— Ich ziehe aus.
Ich brauche Ruhe.
Und eine Wohnung, in der es nicht nach fremdem Parfüm und fremdem Willen riecht.
Sie verließ die Küche langsam, vorsichtig, als ob sie fürchtete, dass alles zusammenbrechen würde, wenn sie sich zu schnell bewegte.
Sergej folgte ihr.
— Warte… Ich dachte, du würdest durchhalten.
Wir hatten doch eine Abmachung.
— Ich dachte, du wärst ein Mann, — unterbrach sie ihn. — Und kein Junge, der zwischen Mama und Frau wählt wie zwischen Dosenfleisch und Salami.
In der Küchentür stand Galina Petrowna.
Ihr Gesicht sah aus wie ein Kristallservice, über das Wasser gegossen wurde.
Ihr Blick – wie der eines Menschen, dem gerade sein Lieblingswinkel zerstört wurde.
— Bist du verrückt geworden, Nastja?
Willst du allein eine Hypothek stemmen?
In deinem Alter?
Nastja zog sich die Jacke über und drehte sich um:
— Lieber fürs Eigene zahlen, als ein Leben lang hören, dass du nur zu Gast bist.
Auch wenn man dafür ein Leben lang zahlen muss.
Die Tür schloss sich dumpf hinter ihr.
Und in der Küche blieben zwei zurück — die plötzlich begriffen: Es hatte längst begonnen.
Nur weiß keiner, wo es enden wird.
— Und wohin jetzt? — Sergej stand im Türrahmen und trat von einem Fuß auf den anderen.
Er trug die alte schwarze Jacke, die Nastja nicht ausstehen konnte: mit kaputtem Reißverschluss, abgewetzten Ellbogen und ewigem Bahnhofsgestank.
— Unter die Leute, — antwortete sie kurz und zog den rissigen Koffer die Treppen des Hauseingangs hinunter.
— Ich bleib erst mal bei Ira.
— Dann finde ich etwas Eigenes.
— Der Kredit ist genehmigt, erinnerst du dich?
Sergej ließ die Schultern hängen.
Er war kein schlechter Mensch — er wählte einfach immer den Weg des geringsten Widerstands.
Im Streit zwischen Mutter und Ehefrau, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zog er es vor… zu schlafen.
— Vielleicht hast du dich überstürzt?
— Mama beruhigt sich schon…
— Beruhigt sich? — Anastasia lachte so scharf, dass sich ein Passant umdrehte.
— Die hat immer Fieber, 100 Fahrenheit, besonders wenn es ums Geld geht.
Sie winkte ab und ging zur Haltestelle.
Die Tasche schlug gegen ihr Bein, die Knie schmerzten, und in der Seele war ein übelkeitserregendes Loch.
Als hätte sie ein Stück Leben herausgerissen und schleppte es nun mit ihren Hausschuhen und dem Handy-Ladekabel mit sich.
Irina empfing sie an der Tür mit einer Plastiktüte und strengem Wohlwollen im Blick:
— Hier, die Schlüssel.
— Ich habe ein freies Zimmer, mein Sohn ist in Petersburg.
— Bis du was gefunden hast — bleib hier.
— Danke, Ira.
— Nur vorübergehend.
— Bis ich den Kredit geregelt habe.
— Ich hab das auch durch.
— Mit der Mutter vom Ex — fünf Jahre unter einem Dach.
— Hast du sie wenigstens nicht geschlagen?
— Gedanklich — dreimal täglich.
— Manchmal mit einer Schaufel.
— Das ist normal.
— So fangen alle an.
— Meine Ex-Schwiegermutter hat mir mal Dill in den Tee gestreut — „für die Gesundheit“, meinte sie.
— Später stellte sich heraus: Sie wollte, dass ich in der Unfallchirurgie arbeite.
— Über einen Bruch sozusagen.
Sie lachten.
Das Lachen war scharf, gezwungen, aber nicht mehr hoffnungslos.
In der Fabrik — wie an der Front.
Das Fließband brummte wie ein alter Kühlschrank, die Chefs rannten mit Blicken wie ausgepresste Zitronen herum, und in der Kantine gab es wieder Buchweizen mit einem Hauch Aluminium.
— Hey, Nastja, — kam Walera aus Werkhalle fünf auf sie zu.
— Was machst du ohne Serjoscha?
— Geschieden.
— Fast.
— Wirklich?
— Und die Wohnung?
— Wie bitte?
— Na, er lebt doch mit seiner Mutter da.
— Und du — wohin?
— Mein Kredit wurde genehmigt.
— Für ein Studio.
— Hinter dem Autobahnring.
— Das ist ja fast Belarus.
— Bist du verrückt?
— Allein, dein Alter, die Gesundheit…
— Danke, Walera.
— Hat sich angefühlt wie in der Klinik.
— Ich meine es doch nicht böse…
Nastja ging.
Ein Studio hinter dem Ring — das ist kein Belarus.
Das ist eine Chance.
Dumm, riskant, mit Zinsen und Schulden.
Aber eine Chance.
Und das Wichtigste — ihre eigene.
Ohne Schwiegermutters Fotos an der Wand, ohne ihre Rosenbettdecken und ständigen Fragen: „Hast du heute deinen Blutdruck gemessen?“
Drei Wochen später stand sie in einer Betonbox — ihrer Wohnung.
Wohnung.
Ohne Türen, mit abgeblätterten Wänden, Schimmel in den Ecken und einem Geruch, als wäre jemand mitten im Raum gestorben.
Aber — ihre.
— Na, Chefin? — fragte der Bauleiter, ein Mann mit dem Gesicht eines kaukasischen Feldherrn.
— Fangen wir an?
— Fangen wir an, — seufzte Nastja.
— Aber ohne klebrige Fliesen, Spiegel an der Decke und China-Dekor.
— Und keine Schwiegermütter im Schrank.
— Wie Sie wollen.
Da klingelte das Handy.
Sergej.
— Hallo, Nastja.
— Ich… Mama hat sich den Arm gebrochen.
— Sie ist auf der Treppe gestürzt.
— Sagt, du hättest sie „rausgeworfen“, und jetzt bist du schuld.
— War die Treppe meine?
— Oder habe ich sie gestoßen? — Nastja klammerte sich ans Fensterbrett, die Nägel bohrten sich in den Beton.
— Sie ist außer sich.
— Ich bin allein.
— Alles fällt auseinander.
— Ich dachte… vielleicht kommst du zurück?
— Schön, dass du endlich gedacht hast.
— Jetzt kannst du den Wasserhahn reparieren.
— Oder gehört der dir auch nicht?
— Nastja…
— Uns geht’s schlecht ohne dich.
— Komm zurück.
— „Uns“ — das bist du oder sie?
— Mir geht’s schlecht allein.
— Ihr wohl auch…
— Ich weiß es selbst nicht.
In dem Moment flog die Haustür mit einem Krachen auf.
Der Bauleiter kam mit Werkzeug in der Hand herein und kaute auf etwas herum.
— Geht’s los, Schönheit?
— Geht los, — sagte sie ins Telefon.
— Sergej, sorry, ich bin beschäftigt.
— Ich renoviere.
Sie legte auf.
Spätabends, voller Farbe und müde, setzte sich Nastja auf die Fensterbank.
Draußen flackerten fremde Fenster: irgendwo stritten sie, irgendwo aßen sie, irgendwo schwiegen sie gemeinsam.
Sie nahm ihr Handy.
Eine Nachricht von Sergej: „Ich warte trotzdem. Vergib mir.“
Noch eine — von Galina Petrowna: Foto eines eingegipsten Arms mit der Bildunterschrift: „Danke, mein Schatz. Jetzt bist du sicher zufrieden?“
— Ach, zum Teufel mit euch allen, — flüsterte Nastja.
Warum kostet Freiheit so viel Schmerz?
Sie schaltete das Handy aus.
Legte sich auf den kalten Boden.
Beton war ihr lieber als jede fremde Anwesenheit.
— Was wollt ihr alle von mir?! — Nastjas Stimme brach.
Sie stand mitten in der fast fertigen Wohnung.
Die Glühbirne baumelte unter der Decke wie ein Pendel, zählte die Sekunden bis zum nächsten Streit.
In der Küche klapperte der alte Elektroherd, den Nastja kaum vom Trödelmarkt hergeschleppt hatte — schwer wie familiäre Kränkungen.
Der Bauleiter war vor einer Stunde gegangen.
Hatte einen Zettel auf dem Zementsack hinterlassen: „Schon besser als bei der Schwiegermutter. Rufen Sie an, wenn die Tapeten leben.“
Anastasia stand mit dem Handy am Ohr und hörte Galina Petrowna weinen.
— Ich kann nicht mal einen Löffel halten!
— Und dieser Sergej von dir… Der kann gar nichts!
— Ich bin wie ein kopfloses Huhn!
— Sie haben doch selbst gesagt, ich bin Ihnen niemand. Keine Verwandte.
— Du bist die Frau meines Sohnes!
— Wie kannst du nur so herzlos sein?!
— Ich bin keine Ehefrau mehr.
— Habe die Papiere unterschrieben.
— Was?!
— Hat Sergej dir das nicht gesagt?
— Er hat sie selbst gebracht.
— Du bist an allem schuld!
— Du hast unsere Familie zerstört!
Nastja legte das Handy beiseite.
Soll sie doch ins Leere schreien.
Vielleicht hört sie, wie still es ohne sie geworden ist.
Am nächsten Tag klingelte es an der Tür.
— Oh, eine Heilige! — rief Irina, als sie Nastja im Bademantel mit Krümeln und abgetragenen Pantoffeln sah.
— Direkt aus dem Kloster. Ganz reumütig.
— Komm rein, Schwester.
— Nur der Kaffee ist teurer geworden.
— Hab Kefir mitgebracht. Billiger. — Irina zog die Turnschuhe aus und ging in die Küche.
— Und du?
— Wie ein Nagel in der Wand.
— Jeder stößt sich daran, aber rausziehen will ihn keiner.
— Und Sergej?
— Hat angerufen.
— Schweigt.
— Atmet.
— Ich schweige auch.
— Mal sehen, wer zuerst aufgibt — der verliert.
— Willst du ihn überhaupt?
— Ich weiß nicht…
— Ich wollte leben.
— Nicht kämpfen.
— Keine Schützengräben bauen.
— Einfach leben.
— Morgens Tee, abends Serie, und niemand schnarcht neben mir außer der Katze.
— Und bei mir — Kriegsschauplatz.
— Willst du — leb.
— Willst du nicht — zurück in die Kaserne namens Galina Petrowna.
Nastja grinste:
— Übrigens, ihr Arm ist schon wieder heil.
— Sie fotografiert den Gips vorm Samowar.
Eine Woche später stand er vor der Tür.
Ohne zu klingeln.
In der Hand — eine Tüte von „Pjatjorotschka“.
In den Augen — der Blick eines geprügelten Hundes.
— Hallo.
— Ich habe dir Joghurt gekauft.
— Deinen Lieblingsjoghurt.
— Aprikose.
— Du hast Aprikosen doch gehasst.
— Ich habe angefangen zu lernen, das zu mögen, was du magst.
— Zu spät.
Schweigen legte sich zwischen sie — dicht wie Spachtelmasse.
Füllte die Risse, die sie selbst geschaffen hatten.
— Ich dachte, ich könnte zwischen euch stehen.
— Konnte ich nicht.
— Ich bin schwach.
— Weißt du, Sergej… Ich bin stark.
— Aber ich will nicht mehr stark sein.
— Ich habe es satt, alles zu schleppen.
— Ich bin 52.
— Ich will, dass jemand sich um mich kümmert.
— Nicht, dass ich alle wie auf der Intensivstation mit mir rumschleppe.
Er streckte die Hand aus.
Langsam.
Vorsichtig.
— Darf ich mich einfach daneben setzen?
Nastja sah ihn lange an.
Nicht als Ehemann.
Nicht als Muttersöhnchen.
Sondern als den Menschen, mit dem sie zehn Jahre gelebt hatte.
Ob gute oder schlechte — egal.
— Setz dich.
— Nur schnarch nicht.
— Und die Tüte auf den Boden — neuer Fliesenbelag.
Er setzte sich.
Leise.
Vorsichtig.
Als wolle er die Ruhe nicht stören.
Später, im Dunkeln, lag Nastja auf dem Boden, eingewickelt in eine Decke.
Sergej schlief auf dem Sofa.
Aus der Tüte war etwas Aprikosenjoghurt ausgelaufen.
Sie lächelte.
Vielleicht könnten sie noch einmal „sein“.
Aber anders.
Ohne Kriege, ohne Opfer, ohne Kontrolle.
Oder wenigstens — ehrlich in ihrer Schwäche.
— Weißt du, — flüsterte sie ins Dunkel, — ich bin auch schwach.
— Ich hab’s nur besser versteckt.
Und es wurde ein bisschen leichter.



