Er wurde verprügelt und zum Revier geschleift – und versteckte dabei nur den unerträglichen Schmerz.

Die Dämmerung begann, die Straßen der Stadt mit einem kühlen Schleier zu überziehen, als Lida – ihre unermüdliche Nachbarin – bei Mascha vorbeischaute.

Mascha hatte gerade mit dem Putzen fertig gemacht und wollte sich einen wohlverdienten Abend gönnen.

Die Frauen machten es sich gemütlich in der Küche bei einer Tasse aromatischem Tee, und Lida fing – wie immer – voller Begeisterung an, die neuesten Klatschgeschichten von der Arbeit zu erzählen.

Plötzlich klingelte es an der Tür.

Mascha warf einen Blick auf die Uhr: – Schon wieder dieser Nachbar… reicht jetzt!

– Der, der neulich gegenüber eingezogen ist? – Lida stellte ihre Tasse ab.

– Ja genau… Kommt besoffen angekrochen, denkt, das sei seine Wohnung.

Es ist einfach nur lästig.

– Warum schleppt der sich jedes Mal hierher?

– Hör mal, wie in einem Witz! – grinste Lida.

– Haha, mir ist nicht nach Lachen zumute.

Ich brauch diesen Nervenkitzel nachts echt nicht.

– Dann ruf die Polizei.

Die holen ihn ab – und gut ist, – schlug Lida vor.

– Die holen ihn vielleicht, aber lassen ihn zwei Stunden später wieder laufen.

Er randaliert ja nicht mal, ist nicht mal unhöflich – brummt irgendwas wie „danke“.

– Was, du hast Mitleid mit ihm? – wunderte sich Lida und verengte skeptisch die Augen.

– Denkst du, ihm geht’s schlecht?

– Dem geht’s super, Mascha!

Dem geht’s prächtig!

Mach jetzt bloß keinen Heiligen aus ihm, okay?

Es klingelte wieder – hartnäckig und ohne Pause.

– Er lässt nicht locker, – seufzte Mascha.

– Ich muss ihn wohl wieder in seine Höhle schicken.

Sie schob ihre Tasse zur Seite und stand langsam auf.

Aber Lida sprang sofort auf, schnappte sich mit einer schnellen Bewegung die Bratpfanne vom Tisch und sagte mit kämpferischem Glanz in den Augen:

– Dem werd ich’s zeigen!

Wenn er sich rührt – kriegt er das Ding an den Schädel!

Mascha schüttelte nur den Kopf und beobachtete den Kampfgeist ihrer Freundin.

Sie trat zur Tür und öffnete sie ein kleines Stück, mit der Kette vorgeschoben.

Im Spalt erschien das bekannte Gesicht des Nachbarn.

Er stützte sich mit einer Hand an die Wand, mit der anderen ruderte er unkontrolliert, als wolle er eine unsichtbare Fliege fangen, und brummelte dabei unverständlich.

– Sie haben sich wieder in der Tür geirrt, Sie wohnen hier nicht, – sagte Mascha mehr der Form halber.

Der Mann taumelte weiter und murmelte.

Mascha seufzte, nahm die Kette ab und trat einen Schritt nach vorne.

Hinter ihr tauchte plötzlich Lida mit der Bratpfanne in der Hand auf.

– Ui! – rief sie überrascht.

Mascha drehte sich um: – Hör auf, die Heldin zu spielen, leg das Ding weg.

Gibt ja überall schon Partisanen…

Sie trat auf den Flur hinaus.

Der Nachbar, ein etwa dreißigjähriger Mann, stand immer noch mit gesenktem Kopf da, kam gelegentlich zu sich und verlor dann wieder den Bezug zur Realität.

Sein Mantel, einst offenbar teuer, war jetzt schmutzig und mit Spinnweben übersät.

Mascha verzog das Gesicht, griff aber entschlossen in seine Tasche.

Zum Vorschein kamen: zerknitterte Geldscheine, Flaschenverschlüsse und schließlich ein Schlüsselbund.

Mit dem Schlüssel öffnete Mascha schnell seine Wohnungstür und ließ sie offen stehen.

Gemeinsam mit Lida schafften sie es, den Mann unterzuhaken und vorsichtig zum Sofa im ersten Zimmer zu bringen.

Nachdem sie ihn hingelegt hatten, sahen sich die beiden um – überall lagen Sachen herum, Staub bedeckte die Regale, im Spülbecken türmte sich schmutziges Geschirr.

– Offensichtlich ein Single, – stellte Lida fest.

– Na und? Was geht’s uns an? – meinte Mascha und stieg über ein paar Kartons.

– Eben.

Vöglein im Käfig, Mäuschen im Bau.

Wir ziehen uns zurück, – sagte Lida mit einem Schnauben und ging zur Tür.

Ein paar Tage später war Mascha gerade dabei, den Flur zu putzen, als sie Geräusche auf dem Treppenabsatz hörte.

Als sie hinausblickte, sah sie Wera Ignatjewna – die ältere Nachbarin von links –, die sich mühsam mit schweren Einkaufstüten abmühte.

Beim Versuch, über den am Boden liegenden Nachbarn zu steigen, schimpfte die Frau: – Kein Durchkommen hier!

So ein Säufer! – und gab dem Mann einen leichten Tritt mit dem Fuß.

Mascha spürte, wie Ärger in ihr aufstieg: – Wera Ignatjewna, wozu denn das?

Was, wenn es ihm wirklich schlecht geht?

Vielleicht ist er ohnmächtig geworden?

Die Nachbarin erstarrte, holte Luft und warf Mascha einen langen, vorwurfsvollen Blick zu: – Der hier?

Solche hab ich im Leben genug gesehen!

Du bist noch zu jung, um das zu verstehen…

Inzwischen war Mascha zum Mann hinuntergegangen, kniete sich neben ihn und spürte erleichtert seinen Puls – schnell, aber regelmäßig.

Wera Ignatjewna stand auf der Schwelle ihrer Wohnung und beobachtete das Ganze.

Etwas in Maschas Verhalten brachte sie zum Nachdenken.

Nach einer Minute rief sie ihren Sohn: – Stepan!

Komm und hilf, den Nachbarn reinzutragen!

Aus dem Inneren der Wohnung klang missmutiges Gemurmel.

– Los jetzt, los, du Faulpelz!

Du machst ja nichts anderes als Serien zu gucken!

Stepan kam schließlich mit mürrischem Gesichtsausdruck heraus.

Zu dritt hievten sie den Nachbarn irgendwie auf die Beine und schleppten ihn zur Tür seiner Wohnung.

Mascha schloss mit dem Schlüssel auf, und sie legten ihn wie früher auf das Sofa.

Einige Tage vergingen.

Der lang ersehnte Urlaub hatte begonnen.

Mascha erledigte ihre morgendlichen Aufgaben: die Tochter war zur Schule gelaufen, der Kaffee war ausgetrunken – Zeit, einkaufen zu gehen.

Als sie die Treppe hinunterging, bemerkte sie auf der Bank am Eingang eine vertraute Gestalt.

Der Nachbar saß da, der Mantel offen, auf der Kleidung Spuren von Kalk.

Ohne Mütze, obwohl es schon nach Herbst roch.

Die Hände in den Taschen, der Kopf gesenkt.

„Wahrscheinlich schon wieder betrunken“, dachte Mascha.

Doch plötzlich hob er den Blick.

Seine Augen – nüchtern, klar.

Darin – ein so tiefer, fast physischer Schmerz, dass Mascha unwillkürlich stehen blieb.

„Guten Tag“, sagte er leise und senkte wieder den Blick.

„Guten Tag“, antwortete Mascha und trat näher. „Ist es nicht zu kalt, so zu sitzen? Ziehen Sie sich besser an, der Sommer ist vorbei.“

„Nicht kalt… wahrscheinlich…“, murmelte er.

Seine Stimme war unerwartet ruhig, ohne das übliche Lallen oder Krächzen.

Das verwirrte Mascha noch mehr.

„Ich bin Ihre Nachbarin, Mascha. Aus der Wohnung gegenüber. Erinnern Sie sich?“

Der Nachbar sah sie erneut an – in seinem Blick lag dieselbe hoffnungslose Trauer.

Er schwieg, dann wandte er den Blick ab.

„Eher nein als ja… Ich heiße Sascha.“

„Und wie sind Sie damals zu uns gekommen?“, fragte Mascha sanft. „Wie wir Sie mit meiner Freundin in die Wohnung getragen haben?“

„Ich erinnere mich nicht…“, seufzte er tief. „Aber danke, dass ihr mich nicht einfach liegengelassen habt.“

Mascha betrachtete ihn mit einem neuen Gefühl – irgendwo zwischen Verwunderung und aufkeimendem Mitgefühl.

„Ich habe Sie noch nie nüchtern gesehen. Heute ist wohl das erste Mal.“

Ein bitteres, halbes Lächeln huschte über Saschas Gesicht.

„Für Sie – vielleicht ein Glück. Für mich – nicht.“

Mascha überlegte, ob sie weiterreden sollte.

Doch etwas an seinem Zustand brachte sie dazu, fortzufahren:

„Einen schönen Tag, Sascha. Und ich rate Ihnen, heute nicht mit der Flasche zu beginnen.“

„Es gibt andere Freuden im Leben. Die sind spannender als… Literball.“

Sie versuchte zu lächeln, um ihre Worte abzumildern.

Der Nachbar sah sie erneut an – und diesmal schien etwas in ihm zu erzittern.

Mascha spürte einen leichten Stich des Gewissens, aber zugleich – einen Hoffnungsschimmer.

„Einen schönen Tag“, sagte sie sanft und nickte, bevor sie in Richtung Laden ging.

„Ihnen auch…“, hörte sie leise hinter sich.

Mascha hatte das Haus fast verlassen, als ein älterer Mann eilig aus dem Eingang trat.

An einer langen Leine lief neben ihm ein großer Schäferhund mit Maulkorb.

Alles geschah in einem Moment.

Links ertönte ein wütendes, dröhnendes Knurren.

Der Hund riss sich mit solcher Wucht nach vorne los, dass der Mann nur stöhnte und ins Schwanken geriet, unfähig, ihn zu halten.

Im nächsten Moment sprang das Tier auf Mascha zu, die Vorderpfoten vorgestreckt.

„Nur nicht ins Gesicht!“, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie schrie erschrocken auf und spürte einen heftigen Stoß in die Brust.

Durch den Aufprall wurde sie zurückgeschleudert und fiel auf den Asphalt.

Der Schäferhund drückte sie mit den Pfoten nieder, fletschte die Zähne und drückte den Maulkorb gegen ihr Gesicht.

Der heiße Atem des Tieres brannte auf ihrer Haut, vermischt mit dem kalten Metall des Maulkorbs.

Durch das drohende Knurren hörte Mascha die hektischen Rufe des alten Mannes:

„Pfui, Naida! Was ist mit dir?! Pfui!“

„Hilfe!“, schrie Mascha, vor Angst außer Atem.

Eisiger Schrecken lähmte ihren Körper.

Der Mann zog an der Leine, aber er hatte offensichtlich nicht genug Kraft.

Mascha versuchte instinktiv, sich rückwärts zu bewegen und schützte ihr Gesicht mit den Händen.

Zum Lärm gesellten sich besorgte Stimmen von den Balkonen und das Getrappel nahender Schritte.

Plötzlich tauchte eine vertraute Silhouette über ihr auf.

Nachbar Sascha, in seinem abgetragenen schwarzen Mantel, packte den Hund entschlossen am Halsband.

„Pfui! Platz!“, rief er streng, aber ruhig.

Mit Mühe zog er den Schäferhund von Mascha weg.

Einen Moment später war alles vorbei.

Der Hund setzte sich schwer atmend auf die Hinterbeine und wedelte vorsichtig mit dem Schwanz.

Sascha hielt das Halsband fest mit einer Hand, mit der anderen tätschelte er den Nacken des Tieres.

„Schon gut, schon gut… brave Kleine…“, sagte er leise, fast beruhigend.

Der herbeieilende Besitzer, bleich und außer Atem, hielt sich ans Herz:

„Verdammter Köter… fast hätte es mich selbst erwischt…“, japste er.

„Mein Sohn hat sie dagelassen… sagte: ‘geh mal spazieren’. Und dann das hier! Ich komm mir vor wie mit einem Traktor!“

Sascha übergab ihm die Leine und wandte sich dann Mascha zu.

Sie saß auf dem Boden, immer noch benommen.

Der Schock wich langsam einem Zittern.

So hatte sie sich den Urlaubsbeginn sicher nicht vorgestellt.

Er reichte ihr die Hand und half ihr aufzustehen.

„Verzeihen Sie vielmals…“, entschuldigte sich der alte Mann, schwer atmend.

„Ich konnte sie nicht halten, dieses… wilde Tier! Mein Sohn ist bei der Arbeit, ich bin bei ihm zu Besuch… Und dann das…“

Seine Angst war so aufrichtig, dass Maschas anfänglicher Zorn ein wenig verflog.

„Überlegen Sie sich, wie Sie Ihren Hund besser unter Kontrolle halten können“, sagte sie und tastete sich an die geprellte Brust.

„Was, wenn sie ein Kind angegriffen hätte?“

„Sie würde nicht angreifen“, sagte Sascha leise, aber bestimmt.

„Diese hier nicht.“

Er musterte Mascha – schmutzige Jacke, zerzauste Frisur.

Als er das bemerkte, lächelte er leicht:

„Jetzt sehen wir wenigstens in einem Punkt gleich aus.“

Mascha warf einen Blick auf sich, dann auf ihn – tatsächlich, beide sahen verwahrlost aus, gleichermaßen ungepflegt.

Sie lachte kurz.

Es war sinnlos, die Kleidung abzubürsten – der Schmutz und die nassen Blätter hatten sich tief ins Gewebe gesetzt.

Sie musste nach Hause zurückkehren.

„Wo haben Sie eigentlich gelernt, mit Tieren umzugehen?“, fragte Mascha und bemerkte Saschas selbstsichere Bewegungen.

„Sie haben sie so geschickt gepackt, und sie hat sofort auf Sie gehört.“

„Ich war mal beim Militär als Hundeführer“, antwortete er und streichelte den Schäferhund.

„Ich hatte auch mal meinen eigenen Hund…“, er stockte. „Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig.“

Mascha blickte ihm nach.

Seine Worte, die Pause – all das berührte sie tief.

Sie rief ihm nach:

„Sascha!“

Er blieb stehen und drehte sich um.

„Ich möchte Sie auf eine Tasse Tee einladen…“, sagte Mascha entschlossen.

„Sie haben mich schließlich gerettet. Und die Jacke kann man reinigen – dann passen wir optisch zusammen.“

Er sah sie lange an, als ob er eine Entscheidung treffen müsste.

„Und macht es Ihnen nichts aus, einen Säufer ins Haus zu lassen?“, sagte er mit bitterem Lächeln.

„Die Nachbarn könnten schlecht reden.“

„Die werden’s überleben“, antwortete Mascha schlicht.

„Kommen Sie ruhig rein.“

Die Küche von Maschas Wohnung war erfüllt vom Duft frischen Tees.

Ihre Jacke trocknete auf dem Stuhl an der Heizung.

Sie stellte Sascha eine Tasse und einen Teller mit Keksen hin.

Eine Weile schwiegen sie.

Er rührte Zucker um, suchte nach Worten.

Mascha drängte ihn nicht.

„Ich hatte eine Familie“, begann er schließlich.

„Ehefrau Lena und Tochter Katja.

Wir führten ein ganz normales Leben.

Morgens kochte Lena Kaffee, samstags frühstückten wir mit Pfannkuchen.

Wir spazierten gerne im Park, fuhren im Sommer aufs Land…“

Er machte eine Pause und umklammerte die Tasse mit den Händen.

„Und dann… kam dieser Tag.

Autounfall.

Ein LKW.

Frontaler Zusammenstoß.

Sie starben sofort.

Und ich… überlebte.

Mit einem gebrochenen Arm und ein paar Kratzern.

Als würde das Schicksal sich lustig machen.“

Seine Stimme zitterte, Tränen glänzten in seinen Augen.

„Nach ihrem Tod verlor alles seinen Sinn.

Ich kündigte, verkaufte die Wohnung, kappte alle Verbindungen.

Hier dachte ich, ein neues Leben zu beginnen… hat nicht geklappt.

Es wurde nur stiller.

Und schmerzhafter.“

Er verstummte.

Mascha schwieg ebenfalls, ließ ihn seinen Schmerz herauslassen.

Im Raum herrschte schwere, klingende Stille, nur unterbrochen vom Ticken der Uhr.

Saschas Erzählung erschütterte Mascha.

Das Bild des alkoholkranken Nachbarn zerfiel, legte eine tiefe Tragödie frei.

Sein Schweigen, seine Verschlossenheit, der Alkohol – alles hatte seinen Grund.

In diesem Moment begriff sie: Ihre guten Taten waren nicht spurlos verschwunden.

Wie sie sich im Hof trafen, wie er sie beschützte, wie er ihr seine Geschichte anvertraute – all das war Teil einer größeren Geschichte.

Was als Nächstes geschehen würde, wusste sie nicht.

Aber als sich ihre Blicke wieder trafen, blitzte in seinen Augen – neben dem Schmerz – etwas Warmes auf.

Vielleicht war es Dankbarkeit.

Oder vielleicht – der erste Keim von etwas Neuem.

Oder vielleicht war das schon eine ganz andere Geschichte…