— So, Schluss mit dem Gerede, Mama, hör gut zu! — die Schwiegertochter verlor die Geduld wegen der endlosen Sticheleien der Schwiegermutter.

Anna stand am Herd, rührte in der Suppe und spürte, wie die gewohnte Anspannung ihre Schultern lähmte.

Hinter ihr klang die Stimme der Schwiegermutter – monoton, eindringlich, wie das Tropfen eines undichten Wasserhahns:

— Schon wieder zu viel Salz, bestimmt.

Deine Hand ist schwer beim Salzen.

Das habe ich schon im ersten Monat bemerkt.

Und die Karotten sind zu grob geschnitten.

Nicht mal eine Kuh würde das kauen.

Anna presste die Lippen fest zusammen und rührte weiter.

Drei Jahre.

Drei Jahre hörte sie diese Bemerkungen jeden Tag.

Jedes Mittagessen, jedes Abendessen wurde zu einer Prüfung, bei der ihre Antwort immer eine schlechte Note war.

— Mama, hör doch auf, — erklang eine müde Stimme aus dem Zimmer, es war Michail.

— Anja kocht gut.

— Gut? — Raissa Michailowna zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

— In meinem Alter habe ich für die ganze WG gekocht, und alle haben es genossen.

Aber diese hier… — sie blickte verächtlich auf die Schwiegertochter — sie kann nicht mal Kartoffeln richtig schälen.

Anna drehte sich um.

Die Küche war eng — zwei Frauen hatten kaum Platz.

Raissa Michailowna saß auf einem Hocker am Fenster wie eine Aufseherin und beobachtete jede Bewegung Annas.

— Raissa Michailowna, möchten Sie sich vielleicht ausruhen? — schlug Anna sanft vor.

— Ich schaffe das schon selbst.

— Ich ruhe mich erst aus, wenn hier eine echte Hausherrin ist, — schnarrte die Schwiegermutter zurück.

— Bis dahin muss ich aufpassen, dass die Familie nicht vergiftet wird.

Anna legte die Suppenkelle etwas heftiger auf den Tisch, als sie vorhatte.

Raissa Michailowna bemerkte das.

— Ach, und du zeigst auch noch Charakter! — schnaufte sie.

— Du bist unzufrieden, was? Worüber bist du unzufrieden? Dass man sich um dich kümmert? Dass man dich belehrt?

Michail schaute ins Zimmer:

— Mama, hört doch auf. Warum streitet ihr schon wieder?

— Wir streiten nicht, — antwortete Anna kühl.

— Deine Mutter teilt nur ihre Erfahrung, wie immer.

Ihr Mann sah abwechselnd seine Frau und seine Mutter an.

In seinen Augen blitzte ein vertrautes Gefühl der Hilflosigkeit auf.

Er liebte beide, wusste aber nicht, wie er das Unvereinbare vereinen sollte.

— Das Abendessen gibt’s in zehn Minuten, — sagte Anna.

Michail nickte und ging.

Wie immer.

Männer verlassen den Raum, wenn der Familienzwist beginnt, dachte Anna.

Sie lassen die Frauen allein, alles unter sich auszumachen.

— Siehst du, — fuhr Raissa Michailowna fort, als hätte sie nie aufgehört.

— Dein Sohn hat dich verlassen.

Weil die Atmosphäre im Haus erdrückend ist.

Und die Atmosphäre hängt von der Frau ab.

Die Frau ist die Hüterin des Herdes.

— Raissa Michailowna, vielleicht…

— Nenn mich nicht Raissa Michailowna.

Nenn mich Mama.

Oder Mami.

Jetzt bist du für mich wie eine eigene Tochter.

Anna wusste, dass das ein Spiel war.

Wenn sie „Mama“ sagte, bedeutete das, die Macht der Schwiegermutter über sich anzuerkennen.

Wenn sie es verweigerte, würde sie sofort als respektlos beschuldigt werden.

— Gut, — antwortete sie neutral.

— Gut was? — ließ Raissa Michailowna nicht locker.

— Gut… Mama.

Das Wort klang zurückhaltend, fast formell, doch die Schwiegermutter nickte zustimmend.

— Genau.

Sonst benimmst du dich wie eine Fremde.

Wenn du in die Familie kommst, musst du die Regeln einhalten.

Anna verteilte die Suppe auf die Teller und dachte über diese Regeln nach: um sechs Uhr aufstehen, um das Frühstück vorzubereiten; nicht nur für den Mann, sondern auch für die Schwiegermutter waschen und bügeln — „Meine Hände tun weh, Tochter“; die ständige Kritik an jedem ausgegebenen Cent ertragen — „Früher haben wir gespart, und ihr…“.

Und die wichtigste Regel — niemals den Älteren widersprechen.

— Erinnerst du dich, wie Michails erste Frau gekocht hat? — fragte Raissa Michailowna plötzlich.

Anna erstarrte mit der Suppenkelle in der Hand.

Über Swetlana sprach die Schwiegermutter selten, aber immer im ungünstigsten Moment.

— Swetotschka, Gott hab sie selig, hat Teigtaschen gemacht — ein Gedicht.

Ihre Kuchen waren fluffig, goldbraun.

Und wie sie das Haus geführt hat — einfach beneidenswert!

Anna schwieg.

Was konnte sie sagen? Swetlana war vor drei Jahren gestorben und war nun im Gedächtnis der Familie das Ideal einer perfekten Ehefrau.

Und Ideale streiten nicht mit Lebenden.

— Denk nicht, ich vergleiche dich mit ihr, — fügte Raissa Michailowna süßlich hinzu.

— Ihr seid einfach verschieden.

Sie war fürsorglich, häuslich.

Und du bist mehr… modern.

„Modern“ klang fast wie ein Schimpfwort.

— Raissa Michailowna…

— Mama.

Nenn mich Mama.

— Mama, — seufzte Anna.

— Aber was ist falsch daran, modern zu sein?

— Nichts, — zuckte die Schwiegermutter mit den Schultern.

— Nur braucht der Mann eine Frau, keine…

— Keine was?

— Keine Karrierefrau.

Michail arbeitet in zwei Schichten und ist müde.

Und du bist nur mit deinen Kursen und Englisch beschäftigt.

Als ob du keinen Russen geheiratet hättest.

Anna stellte die Teller auf den Tisch.

Ihre Englischkurse waren ihr kleines Geheimnis, ihr Traum.

Sie wollte als Übersetzerin arbeiten.

Für die Schwiegermutter war das Unsinn.

— Ich mag es zu lernen, — sagte Anna leise.

— Magst du! — schnaufte Raissa Michailowna.

— Mit fünfundzwanzig Jahren mag man das lernen.

Es wird Zeit, Kinder zu bekommen und nicht Lektionen zu besuchen.

Anna legte automatisch die Hand auf den Bauch.

Das war ein schmerzlicher Punkt.

Kinder gab es nicht, und daran wurde sie ständig erinnert.

— Die Ärzte sagen, es braucht Zeit…

— Ärzte! — winkte die Schwiegermutter ab.

— Die sagen viel.

Aber ich sage dir als Mutter: Geh weniger zum Arzt und denk mehr an deinen Mann.

Ein Mann spürt, wenn eine Frau nicht bereit für Mutterschaft ist.

— Michail beschwert sich nicht.

— Er ist taktvoll.

Aber ich sehe, wie er fremde Kinder ansieht — im Laden, im Hof.

Dann werden seine Augen so traurig.

Das war wahr.

Michail liebte Kinder, und ihr Fehlen machte ihn traurig.

Aber er beschuldigte Anna nie — er konnte es einfach nicht.

— Wir sind noch jung, — sagte sie.

— Alles wird.

— Jung! — stand Raissa Michailowna auf.

— Mit zweiundzwanzig habe ich schon ein Kind großgezogen.

Und du kannst mit fünfundzwanzig noch kein Kind bekommen.

— Bei jedem ist es anders…

— Ja, anders.

Manche haben die Berufung zur Mutterschaft, manche nicht.

Und die ohne beschäftigen sich mit Sprachen.

Anna spürte, wie in ihr eine Welle aufstieg, die durchbrechen wollte.

Aber sie hielt sich zurück.

Wie immer.

— Michail, das Abendessen ist fertig! — rief sie.

Der Mann kam in die Küche, rieb sich die Hände.

— Es riecht lecker, — sagte Michail, küsste seine Frau auf die Wange.

— Es riecht, — stimmte Raissa Michailowna zu.

— Wie es schmeckt, sehen wir noch.

Sie setzten sich an den Tisch.

Michail begann genüsslich zu essen, lobte die Suppe, bat um Nachschlag.

Anna aß schweigend und spürte den scharfen, fast prüfenden Blick der Schwiegermutter.

— Mischa, — begann Raissa Michailowna, — erinnerst du dich, wie wir früher am Wochenende zur Datscha fuhren? Vor der Hochzeit? Wie schön es war, zu zweit, ohne neugierige Blicke…

Anna verstand, wohin das Gespräch führte.

Die Datscha war ein heikles Thema.

Die Schwiegermutter wollte, dass die ganze Familie den Sommer über auf ihrem Grundstück verbringt.

Anna dagegen wollte in der Stadt bleiben — sie hatte Kurse, Pläne, Freundinnen.

— Mama, das haben wir schon besprochen, — sagte Michail leise.

— Dieses Jahr klappt es nicht.

Anja hat Schule…

— Schule, Schule… — spottete Raissa Michailowna.

— Wann ist die denn endlich vorbei? Wann wird die Familie für dich wichtiger?

— Für mich ist die Familie das Wichtigste, — erwiderte Anna.

— Familie? — legte die Schwiegermutter den Löffel nieder.

— Warum pflanzt dann der Mann allein die Kartoffeln? Warum gießt seine Mutter allein die Beete, und die Frau „lernt“ in der Stadt?

— Ich lerne wirklich, — antwortete Anna ruhig.

— Man kann lernen und sich um die Familie kümmern.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Michail schwieg, biss langsam in sein Brot.

Anna sah, dass es ihm unangenehm war, doch er stellte sich wieder nicht auf ihre Seite.

Wie immer.

— Weißt du, was ich denke? — fuhr Raissa Michailowna fort.

— Du hast dich hier noch nicht eingelebt.

So ist das — man heiratet, aber das Herz bleibt im Elternhaus.

— Mein Elternhaus ist in einer anderen Stadt, — erinnerte Anna sanft.

— Genau! Und hier sollte es sein.

Bei deinem Mann und seiner Familie.

— Hier ist meine Familie.

Michail ist mein Mann.

— Der Mann, ja.

Aber Familie ist mehr als der Mann.

Es sind Traditionen, Wurzeln, das gemeinsame Leben.

Und ich bin auch ein Teil dieser Familie.

Für dich bin ich jetzt wie eine leibliche Mutter.

Anna sah die Schwiegermutter an: eine füllige Frau mit gefärbtem Haar, in altem Morgenmantel und abgetragenen Hausschuhen.

Sanfte Hände, liebevolle Augen — und zugleich ein eiserner Wille in jedem Wort.

Anna trank die Suppe aus und stand auf, um den Tisch abzuräumen.

Raissa Michailowna machte sofort eine Bemerkung:

— Schon wieder in Eile.

Wir hätten noch zusammensitzen und familiär reden können.

Aber du willst lieber schnell den Abwasch machen und mich loswerden.

— Ich will nur vor dem Abend fertig werden, um mich dann auszuruhen.

— Ausruhen! — schnaufte die Schwiegermutter.

— In ihrem Alter will sie ausruhen.

Mit fünfundzwanzig habe ich nicht mal von so einer Ruhe gehört.

— Die Zeiten sind anders, — bemerkte Anna.

— Nicht die Zeiten, die Leute sind fauler geworden.

In meiner Zeit gab es Hunger, Trümmer.

Und die Jugend hat sich nicht beklagt.

Jetzt leben sie wie im Urlaub — und sind trotzdem unzufrieden.

— Bald sagt ihr noch, ich ziehe mich schlecht an, — fügte Anna müde hinzu.

— Genau! — freute sich Raissa Michailowna.

— Zum Beispiel, was ziehst du zu Lusja’s Geburtstag an? In diesen Jeans?

Anna trug Jeans, weil sie bequem waren.

Aber die Schwiegermutter hielt sie für unangemessene Kleidung für eine verheiratete Frau.

— Ich habe Kleider.

— Hast du, aber welche? Kurz und eng.

Nicht dem Alter entsprechend.

Eine Frau sollte sich bescheiden und geschmackvoll kleiden.

— Was heißt „dem Alter entsprechend“? Ich bin fünfundzwanzig.

— Fünfundzwanzig ist kein Mädchen mehr.

Das ist eine Frau, eine werdende Mutter.

Man muss sich entsprechend kleiden.

Michail stand auf und ging ins Zimmer.

Das Gespräch der Frauen interessierte ihn offensichtlich nicht.

— Mischa, wo gehst du hin? — rief seine Mutter ihm nach.

— Setz dich zu uns.

— Ich ruhe mich nur kurz aus.

Ich bin heute müde.

— Müde… — zog Raissa Michailowna besorgt die Stirn nach, als sie ihren Sohn ansah.

— Siehst du, wie sehr er erschöpft ist? Er arbeitet zwei Jobs, weil die Ausgaben groß sind.

Anna schwieg.

Ja, die Ausgaben waren hoch, aber nicht wegen ihr.

Raissa Michailowna nahm teure Medikamente, ließ sich bei Privatärzten behandeln, kaufte Dinge für das Haus.

Anna beschränkte sich auf das Nötigste.

— Weißt du, was ich denke? — die Schwiegermutter rückte näher.

— Vielleicht solltest du einen Job suchen? Nicht diese Kurse, sondern einen richtigen — wo man gut bezahlt wird.

— Ich suche.

— Suchst, aber nicht richtig.

Du bist wählerisch.

Mal ist das Gehalt zu niedrig, mal der Arbeitsplan ungünstig.

Man muss nehmen, was man bekommt.

Jeder Rubel hilft der Familie.

— Ich möchte einen Job nach meinem Fach finden.

— In welchem Fach? Du hast ein Lehrerdiplom und willst Übersetzerin werden.

Ist das dein Fachgebiet?

— Ich lerne die Sprache…

— Lernst, lernst… — winkte Raissa Michailowna ab.

— Aber die Zeit vergeht.

Michail zieht alles allein.

Das ist nicht richtig.

Anna wischte sich die Hände am Handtuch ab und wandte sich an die Schwiegermutter:

— Was ist denn richtig? — fragte sie.

— Sagt mir, wie man richtig lebt.

Ihre Stimme zitterte, klang aber bestimmt.

— Warum bist du so aufgebracht?

— Ich bin nicht aufgebracht.

Ich will nur verstehen.

Ihr sagt jeden Tag, ich mache etwas falsch.

Erklärt mir, wie es richtig sein soll.

— Ich erkläre es dir jeden Tag! Aber du hörst nicht zu.

— Ich höre zu.

Und ich bemühe mich.

Aber nichts gelingt.

Ich koche — zu salzig.

Ich räume auf — falsch.

Ich ziehe mich an — nicht richtig.

Ich lerne — das Falsche.

Ich will Kinder — kann keine bekommen.

— Ach was! — Raissa Michailowna war verunsichert.

— Niemand sagt, dass du in allem schlecht bist…

— Doch, ihr sagt es.

Jeden Tag.

Von morgens bis abends.

— Ich will nur helfen! Zeigen, wie es besser geht!

— Und wenn ich nicht lernen will? — fragte Anna leise.

Die Schwiegermutter öffnete den Mund vor Überraschung.

— Wie — nicht wollen? Aber man muss! Eine junge Ehefrau muss von den Älteren lernen!

— Muss?

— Natürlich muss sie! Das ist selbstverständlich!

Anna lehnte sich an das Waschbecken.

Im Nebenzimmer lief die Nachrichten, Michail sah fern.

Ein normaler Abend eines normalen Tages.

Noch eine Stunde, anderthalb — dann kann man schlafen gehen.

Und morgen fängt alles von vorne an.

— Und wenn ich sage, ich werde eure Ratschläge nicht mehr hören? — fragte sie.

Raissa Michailowna zog die Augenbrauen hoch.

— Was ist das für eine Neuigkeit? Was für ein Ton?

— Ein ganz normaler Ton.

— Nein, nicht normal! Der Ton ist frech geworden.

Respektlos.

— Raissa Michailowna…

— Mama! Nenn mich Mama!

— Gut.

Mama.

Anna machte eine Pause.

— Ich bin fünfundzwanzig.

Ich habe ein Diplom, einen Beruf, Ziele.

Ich bin eine erwachsene Person.

— Ein Erwachsener respektiert die Älteren!

— Ich respektiere euch.

Aber Respekt heißt nicht endlose Unterwerfung.

— Unterwerfung?! — die Schwiegermutter fuhr hoch.

— Wer redet von Unterwerfung? Ich rede von normalen Familienverhältnissen!

— Und was ist daran normal? Dass ihr jede meiner Handlungen kritisiert?

— Ich kritisiere nicht! Ich gebe Ratschläge!

— Jeden Tag.

Aus jedem Anlass.

Wie man kocht, wie man sich kleidet, wie man sich benimmt.

— Was ist daran falsch? Ich gebe Erfahrung weiter!

— Ich kann keinen einzigen Tag in Ruhe verbringen, — sagte Anna.

— Ich kann nichts tun, ohne einen Vorwurf zu hören.

Raissa Michailowna stand scharf vom Hocker auf.

Ihre Wangen glühten.

— Was erlaubst du dir? Das ist Aufruhr?

— Nein, das ist der Versuch, ehrlich zu sein.

— Ehrlich? Gut, reden wir ehrlich! — die Schwiegermutter nahm Haltung an.

— Du bist als Fremde zu uns gekommen und geblieben.

Keine einzige Familientradition hältst du ein.

Du passt dich an nichts an.

Du lebst wie eine Untermieterin!

— Was sind eure Traditionen? — fragte Anna.

— Erzählt mir davon

— Welche? Respekt vor den Älteren zum Beispiel.

Sich umeinander kümmern.

Gemeinsame Interessen.

— Gemeinsame Interessen? — Anna lächelte leicht.

— Und meine Interessen sind jemandem wichtig?

— Deine Interessen? Natürlich! Nur dein Englisch und deine Bücher…

— Ich lese gern.

Ich gehe ins Theater.

Ich treffe Freunde.

— Und niemand verbietet dir das!

— Ihr verbietet es.

Jedes Mal, wenn ich irgendwohin will, kommen Fragen: Wohin, warum, mit wem, wie lange.

— Das ist kein Verbot! Das ist Fürsorge! Die Familie muss wissen, wo ihre Mitglieder sind.

— Fürsorge oder Kontrolle?

— Ach du… — Raissa Michailowna keuchte vor Empörung.

— Wie

kannst du so sprechen?!

— Ich sage die Wahrheit.

Ihr wollt jeden meiner Schritte kontrollieren.

— Ich will Ordnung in der Familie!

— Wessen Ordnung? Eure?

— Wessen sonst? Ich bin hier die Älteste!

— Aber nicht die Hausherrin.

Das ist Michails Wohnung.

— Michails? — die Schwiegermutter setzte sich vor Überraschung fast.

— Und wer hat die gekauft? Wer hat sein Leben lang gearbeitet, damit dein Sohn ein Dach über dem Kopf hat?

— Ihr.

Und Michail ist euch dankbar.

Aber das heißt nicht, dass ihr für mich entscheiden könnt, wie ich leben soll.

— Kannst du nicht? — kam Raissa Michailowna näher.

— Wer kann das? Bist du deine eigene Herrin?

— Ja.

Ich bin meine eigene Herrin.

— Eine verheiratete Frau kann nicht ihre eigene Herrin sein! Sie ist Teil der Familie!

— Teil, aber kein Eigentum.

— Eigentum?! — schwang die Schwiegermutter die Hände.

— Was sind das für Worte? Eigentum?

— Das, was ihr aus mir machen wollt.

Damit ich koche wie ihr, mich kleide wie ihr, denke wie ihr.

— Und was ist daran schlimm? Ich habe mein Leben gelebt.

Ich weiß, wie es sein muss!

— Ihr wisst, wie es für euch sein musste.

Und ich bin anders.

— Du bist gar nicht so anders, — schnaufte Raissa Michailowna.

— Nur ein modernes, verwöhntes Mädchen.

Launisch.

— Vielleicht.

Aber das ist mein Leben.

— Dein Leben ist jetzt mit unserer Familie verbunden!

— Mit Michail verbunden.

Nicht mit euch.

Das hielt die Schwiegermutter nicht mehr aus.

Sie wurde purpurrot.

— Was hast du gesagt? Wiederhole das!

— Ich habe Michail geheiratet.

Nicht euch.

Einen Moment später schrie Raissa Michailowna:

— Michail! Michail, komm her!

Nach ein paar Sekunden tauchte der Mann an der Tür auf, besorgt und verwirrt.

— Was ist los?

— Deine Frau ist frech zu mir! — zeigte die Schwiegermutter auf Anna.

— Sie sagt, als hätte sie nicht dich geheiratet!

Michail schaute fragend seine Frau an.

— Ich bin einfach müde, still zu sein, — antwortete Anna ruhig.

— Müde, die Vorwürfe zu ertragen, mich für jedes Wort und jede Tat zu rechtfertigen.

— Aber Mama meint es doch gut…

— Mischa, hörst du, was sie sagt? — klammerte sich Raissa Michailowna an seinen Ärmel.

— Sie beschuldigt mich! Mich, die für sie wie eine leibliche Mutter ist!

Michail stand da wie verloren, als wollte er durch den Boden versinken.

— Mama, Anja… beruhigen wir uns…

Doch Anna konnte nicht mehr schweigen:

— Jetzt schweigt ihr mal, Mama, und hört gut zu, — sagte sie fest.

— Diesen Zirkus will ich nicht mehr ertragen.

Euren Sohn liebe ich und werde nicht gehen.

Aber ab morgen suchen wir unsere eigene Wohnung.

Und ziehen aus eurem Haus aus.

Sie stand auf, ohne die Schwiegermutter anzusehen, und verließ die Küche.

Erst im Badezimmer, die Tür abgeschlossen, erlaubte sie sich zu atmen.

Sie drehte kaltes Wasser auf, wusch sich, setzte sich auf den Fliesenboden.

Die Hände zitterten, doch innen breitete sich Wärme aus — ein Gefühl eines kleinen, aber echten Sieges.

Hinter der Wand hörte sie das Kreischen der Schwiegermutter, die Versuche Michails, seine Mutter zu beruhigen.

Aber Anna fühlte, wie in ihr eine leichte, fast kindliche Freude erwachte.

Morgen beginnt ein neues Leben.

Ihr Leben.

Nach ihren Regeln.

Zu ihren Bedingungen.