Oder hat es sich nur eingebildet?

— Was ist denn los, hast du etwa jemand anderen? Ich bekomme seit drei Monaten keine Zärtlichkeiten von dir! Nein, mehr noch… ich sehe dich selbst kaum noch.

Wladimir riss den Blick vom Smartphone-Bildschirm los und dachte einen Moment nach, als würde er die Worte seiner Frau in eine für ihn verständliche Sprache übersetzen.

Er machte eine Pause, seufzte laut und antwortete dann:

— Swet… fängst du schon wieder damit an? Du weißt doch, ich habe Arbeit, Nerven… Ich wollte einfach nur in Ruhe essen.

— Dann iss doch, wer hindert dich? Ich reiße dir doch nicht den Löffel aus der Hand.

Aber ich habe die Schnauze voll davon, mit dir wie mit einem kleinen Bruder zusammenzuleben.

Sweta setzte sich an das andere Ende des Tisches, nahm eine Mandarine aus der Schale und begann, sie zu schälen.

Ihr war bang ums Herz.

Wie sollte man auch nicht besorgt sein, wenn der eigene Mann einem keine Aufmerksamkeit mehr schenkt?

Wladimir aß schweigend die Nudeln mit Frikadelle auf, ohne den Kopf zu heben, stand dann auf und trug den Teller zur Spüle.

Der Abend verging in überwältigender Stille.

— Wann haben wir eigentlich das letzte Mal zusammen etwas geschaut? — fuhr Sweta fort.

— Ich habe längst vergessen, wie deine Stimme klingt. Vergessen, wie du aussiehst, wenn du nicht aufs Handy starrst. Und ich habe deinen Garage satt.

Er zuckte mit den Schultern.

— Was soll man denn anschauen? Deine „Prinzessin des Herzens“? Ich komme nach Hause, und du bist müde.

Oder starrst selber aufs Handy. Oder Kristina schläft nicht. Keine Ahnung. Ich hab keine Lust.

— Du hast keine Lust seit fünf Jahren!

In ihrem Schrei lag nicht nur Wut, sondern auch Hoffnung.

Vielleicht hört er jetzt endlich zu? Aber Wladimir lehnte sich an die Spüle, ohne sich umzudrehen.

— Swet, wir sind nicht erst seit gestern verheiratet. Hast du gedacht, wir hätten immer Flitterwochen?

— Meine Eltern schaffen das doch auch! Mehr als dreißig Jahre zusammen. Und sie lieben sich, umarmen sich immer noch, verbringen Zeit miteinander!

— Vielleicht bin ich einfach nur müde von deinem täglichen Genörgel! Hast du daran gedacht?

Sweta wollte etwas erwidern, doch er drehte sich abrupt um, schnappte sich die Schlüssel und ging. Die Tür knallte so laut, dass die Jacke im Flur am Haken wackelte.

Klar.

Wieder die Garage.

So war es natürlich nicht immer gewesen.

Früher hatten sie unter der Decke gekuschelt und sich über dumme Komödien kaputtgelacht.

Er strich ihr durchs Haar, nannte sie „mein Sternchen“ und schenkte ihr Tee mit Zitrone ein, obwohl er selbst nach der Arbeit kaum auf den Beinen stand.

Dann kam die Schwangerschaft.

Sweta nahm fast siebzehn Kilo zu, trug nur noch weite Sachen, steckte die Haare zu einem Dutt zusammen und vergaß, was Maniküre war.

Alle Kraft ging für Kristina drauf: schlaflose Nächte, Stillen, Windeln wechseln.

Damals sagte sie sich, dass sie einfach nur noch ein bisschen durchhalten müsse.

Aber „ein bisschen“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Wladimir blieb immer öfter länger bei der Arbeit, und die Abende verbrachte er in der Garage.

Das war seine Welt: Werkzeuge, Auto, irgendwelche Ersatzteile.

Sweta dachte erst, das sei normal.

Er sei auch müde, schlafe schlecht, brauche seinen Freiraum.

Dann begann sie, sich selbst die Schuld zu geben.

Dass sie nicht mehr die Alte sei, dass sie sich nicht genug bemühe.

Sie begann, sich für seine Rückkehr hübsch zu machen, Musik anzumachen, Restaurant-Dinner zu kochen wie im ersten Jahr.

Aber er sah sie trotzdem nicht mehr mit derselben Bewunderung an.

Doch dann bemerkte sie etwas anderes…

Am Anfang waren es Kleinigkeiten.

Eines Tages kam sie nach Hause und stellte fest, dass die Badmatte nass war, obwohl sie zuerst da gewesen war.

Die Servietten in der Küche waren fast alle, obwohl sie morgens noch voll gewesen waren.

Die Tassen standen nicht da, wo sie sonst standen.

Das Kissen lag anders.

Kleine Details, die man noch mit Vergesslichkeit erklären konnte, wenn es sie nicht so häufig gäbe.

Aber das reichte noch nicht für Anschuldigungen.

Vielleicht bildete sie sich das alles nur ein?

Doch ein neuer Hinweis verschlimmerte die Lage.

Eines Tages, beim Bettmachen, fand Sweta ein langes, weißes Haar.

Nicht ihres.

Sie hat braune Haare.

Kristinas Haare sind kurz und blond.

Sie selbst hatte seit fünf Jahren kein Haar mehr in dieser Länge.

Das Haar lag auf dem Kopfkissen.

Alles war klar.

Sweta geriet nicht in Panik.

Sie nahm das Haar vorsichtig ab, wickelte es in eine Serviette und warf es weg.

Dann wusch sie sich die Hände, als hätte sie etwas Schmutziges berührt, und dachte lange nach.

Schließlich kaufte sie eine Kamera.

Sweta versteckte sie hoch oben an einem unauffälligen Ort: über dem Bücherregal, neben einer künstlichen Blume, die schon lange niemand mehr berührt hatte.

Die Kamera war kaum zu entdecken, besonders nicht im morgendlichen Trubel.

Es war ihr unangenehm, Spionagespiele zu spielen.

Doch sie rechtfertigte sich damit, dass sie niemandem in die Seele schauen wolle.

Sie wollte nur wissen, was in ihrem Haus und ihrer Familie vor sich ging.

Wissen, um eine klare Entscheidung treffen zu können und nicht von Zweifeln gequält zu werden.

Die ersten fünf Tage passierte nichts.

Abends sah sie sich die Aufnahmen im Zeitraffer an und beobachtete jede Bewegung.

Nichts.

Nur ein leerer Raum und die Sonne, die träge über die Wand kroch.

Sweta begann zu denken, sie hätte sich getäuscht, und freute sich sogar darüber.

Doch eines Tages überprüfte sie die Kamera während der Mittagspause und ließ die Kaffeetasse aus der Hand fallen.

Auf dem Bett, das sie morgens sorgfältig gemacht hatte, saß ihre Mutter.

Das war nichts Ungewöhnliches, die Mutter hatte vorsichtshalber einen Schlüssel.

Aber neben ihr… neben ihr war ein Mann, etwa sechzig Jahre alt, in einem dunklen Hemd.

Das Gesicht war zuerst wegen des Winkels nicht zu sehen, doch nach einer Sekunde drehte er sich um.

Nicht der Vater.

Ganz sicher nicht der Vater.

Sweta stockte der Atem.

Sie starrte auf den Bildschirm.

Ihr Verstand hoffte immer noch, es sei ein Irrtum, eine Täuschung, ein Traum, Schauspieler.

Irgendetwas, nur keine Wahrheit.

Aber die Mutter war nicht nur da.

Sie lachte, küsste den Mann auf die Wange, und dann geschah das, was alles endgültig klar machte…

Sweta schaute natürlich nicht weiter.

Was sie gesehen hatte, reichte ihr, um zu wissen: Das ist kein Schauspiel.

Ihre Lippen zitterten, ihr ganzer Körper fühlte sich taub an.

Sie fühlte sich, als sei sie unter Eis gefallen und könne nicht mehr ans Ufer zurück.

Ihre Eltern waren für sie immer die Insel der Stabilität gewesen, zu der man auch im Sturm gelangen konnte.

Der Vater nannte die Mutter „sein Mädchen“, obwohl sie schon weit über fünfzig war, und küsste ihr zärtlich die Hände.

Sie hatten viele Traditionen: Freitags gemeinsames Fernsehen, sonntags Spaziergänge zum Fluss.

Sie hielten Händchen, selbst auf dem Markt, wenn sie Kartoffeln auswählten.

Sie lächelten.

Sie lachten.

Sie schienen unzertrennlich.

Wenn Sweta sich mit Wladimir stritt, wenn sie schlechte Tage hatte, dachte sie an ihre Eltern.

Als Vorbild.

Nein, als Plan.

So, dachte sie, sollte man sein.

Jetzt war alles zusammengebrochen wie ein Kartenhaus.

In der Luft hing die Frage:

Und was jetzt mit diesem neuen Wissen anfangen?

Dem Mann sagen? Lächerlich.

Dann müsste sie alles zugeben: die Kamera, die Verdächtigungen, das Spionieren.

Und er hat damit ja gar nichts zu tun.

Im Gegenteil, jetzt dachte Sweta, sie hätte sich mit dem Mann geirrt.

Er sei nur müde, die Verliebtheit sei vorüber, aber sie seien doch zusammen.

Der Mutter sagen? Herrgott, wie?

Was soll sie sagen? „Mama, machst du das etwa schon lange in meinem Bett?“

Sweta konnte sich nicht vorstellen, wie ihr Leben danach weitergehen sollte.

Doch am schlimmsten war der Vater.

Ein vertrauensvoller, herzlich liebender Mann mit lachenden Augen und warmem Lächeln.

An dem Tag, an dem sie alles erfuhr, kam er auf dem Heimweg mit einem Fliederzweig zu ihr.

— Schau, Swet, wie schön das ist. Ich bringe es Luise. Sie liebt Flieder.

Er lächelte naiv, wollte seiner liebsten Person eine Freude machen.

Sweta lächelte auch, obwohl ihre Welt heute zerbrochen war.

Es blieben noch die Freundinnen.

Sweta zögerte lange.

Sie wollte vage schreiben, ohne Details, aber selbst das gelang ihr nicht.

Es schien, als würden Erinnerungen, sobald sie in Worte gefasst wurden, real werden.

Und mit dieser Realität konnte Sweta nicht umgehen.

— Mädels, wollen wir uns vielleicht am Freitag treffen und Kaffee trinken? Ich vermisse euch, — schlug sie schließlich im Chat vor.

Sie trafen sich in dem Café mit den leckersten Eclairs.

In ihrem Café.

Die Luft war von Milch- und Karamelldüften erfüllt, doch sie wirkten fremd.

Teil eines anderen Lebens.

Sweta saß zwischen Inna und Larisa.

Sie sprachen über eigene Dinge, wechselten dann zu Schule, danach zu Kindern.

— Hört mal, wenn euch jemand betrügen würde… Würdet ihr es wissen wollen? — fragte Sweta beiläufig.

— Nun… theoretisch.

Eine kurze Pause entstand.

Inna stellte die Tasse ab, Larisa richtete sich auf.

Die Frage wurde ruhig gestellt, riss aber alle aus den alltäglichen Gesprächen heraus.

— Keine Ahnung, — antwortete Larisa zuerst. — Meine Schwester ließ sich wegen Untreue scheiden. Sie wurde informiert.

Sie sagte mir, sie hätte es lieber nicht gewusst. Sie ist allein mit ihrer Tochter. Jetzt bereut sie es. Aber sie meint, wenn die Büchse der Pandora einmal geöffnet ist, gibt es keine Wahl mehr.

Inna biss sich auf die Lippe.

Sie brauchte länger zum Nachdenken.

— Ich würde es wissen wollen, — sagte sie. — Besser zu wissen.

Besser einmal Schmerzen zu haben, als weiter in einer Illusion zu leben. Wenigstens wüsste ich, dass man sich auf den Menschen nicht verlassen kann.

Sweta nickte.

Sie antwortete nicht.

Sie saß einfach da und sah zu, wie Larisa Zucker rührte und Inna Croissant aß.

Sie beide antworteten ehrlich.

Und seltsamerweise hatten beide auf ihre Weise Recht.

Am Abend, als die Tochter Cartoons schaute und Wladimir am Smartphone saß, verließ Sweta das Haus und ging zu ihren Eltern.

Die kühle Maienluft streichelte ihre Haut.

Der Weg wurde von warmem Laternenlicht erhellt.

Der Vater saß auf der Veranda und reparierte den Rasenmäher, den er schon seit zwei Wochen instand setzte.

Als er seine Tochter sah, legte er den Schraubenzieher weg und lächelte.

— Uff, ich verstehe nicht, was mit dem ist. Eigentlich funktioniert er, aber er mäht irgendwie komisch.

Geht’s dir gut? Deine Mutter ist noch nicht da, aber ich kann dir Tee machen.

Sweta setzte sich neben ihn.

Schweigend spielte sie mit dem Saum ihres Tunika, dann seufzte sie.

— Papa… ich muss dir etwas sagen.

Und ich weiß nicht wie.

Aber ich weiß, dass du es wissen musst.

Weil du das nicht verdient hast.

Und weil ich dich liebe.

Der Vater zog leicht die Stirn kraus, unterbrach sie aber nicht.

Sweta erzählte vorsichtig, ohne Details.

Sie sagte, sie habe es zufällig gesehen, könne aber jetzt nicht schweigen.

Dass die Mutter jetzt einen anderen habe.

Und dass es in ihrem Haus passiert sei.

Er hörte lange zu.

Zuerst aufmerksam, dann schloss er die Augen.

Mehrmals nickte er.

Stellte keine einzige Frage.

Nur am Ende fragte er leise:

— Danke, dass du es mir erzählt hast. Und wie geht es dir?

Sweta kämpfte an diesem Abend mit den Tränen.

Sie wusste: Jetzt ist nicht die Zeit, eine Schulter zum Anlehnen zu suchen…

…Eine Woche später rief die Mutter an.

Die Stimme war brüchig, heiser, als hätte sie geschrien oder lange geweint.

— Dein Vater hat die Scheidung eingereicht… Er sagte, er habe die Liebe verloren, — schluchzte sie ins Telefon.

Sweta konnte sie nicht trösten.

Sie konnte überhaupt nichts.

Sie wusste nicht einmal, was sie fühlen sollte.

Keine Schuld.

Keine Wut.

Nur leise Traurigkeit und vielleicht ein bisschen Groll.

Fehlende Liebe ist kein Verbrechen.

Aber ein Verrat hinter dem Rücken… das konnte Sweta nicht akzeptieren.

Die Kamera räumte sie weg.

Sie war nicht mehr nötig.

Es blieb nur eine ungelöste Frage.

— Wolodja… — begann sie eines Abends.

— Ich wollte sagen… Verzeih mir.

Ich habe manchmal zu viele Gedanken im Kopf und gehe zu weit.

Ich vermisse dich einfach.

Darum bin ich traurig, und dann schreie ich.

Wladimir war zuerst misstrauisch, als sie sprach, doch mit jeder Sekunde lockerte sich die Spannung in seinen Schultern.

Zehn Sekunden lang starrte er noch auf den Bildschirm, doch man sah, dass sein Blick verschwamm.

Das Smartphone verlor seine Wichtigkeit.

— Weißt du… ich liege auch manchmal falsch.

Ich bin einfach müde.

Vielleicht schauen wir zusammen was? Oder trinken Tee und quatschen einfach…

Es gab keinen Neuanfang, und sie wollten das auch nicht.

Sie verbrachten einfach den Rest des Abends zusammen, sahen sowjetische Filme, hielten sich im Arm und gingen dann zusammen schlafen.

Rücken an Rücken, aber eng aneinandergekuschelt.

An diesem Tag fühlte sich das für Sweta eher nach Nähe als nach Distanz an.